1. Startseite
  2. Region
  3. Dietzenbach

Vergewaltigungs-Prozess: „Ihre Lebensfreude ist weg“

Erstellt:

Von: Stefan Mangold

Kommentare

Vor Gericht wird nach einer mutmaßlichen Vergewaltigung in Dietzenbach verhandelt (Symbolbild).
Vor Gericht wird nach einer mutmaßlichen Vergewaltigung in Dietzenbach verhandelt (Symbolbild). © picture alliance/dpa

Die mutmaßlich Geschädigte erklärt, der vermutliche Täter habe sie zum Sex gezwungen. Der entgegnet, alles sei einvernehmlich passiert.

Dietzenbach – Mit den Aussagen des Angeklagten, der Nebenklägerin und diverser Zeugen begann vor dem Schöffengericht in Offenbach unter dem Vorsitz von Richter Manfred Beck das Verfahren gegen einen Mann, der im Mai 2018 im Dietzenbacher Wald eine Frau vergewaltigt haben soll.

Für den 36-Jährigen liest dessen Rechtsanwalt Onur Türktorun vor, was zwischen dem 30. April und dem 2. Mai 2018 aus seiner Sicht passierte: In Offenbach saß er mit einem Freund in einer Bar. Vom Nachbartisch lächelte ihn laut Aussage eine Frau an. Sie passte ihn angeblich vor der Toilette ab und bedachte ihn mit Komplimenten: „Du bist ein hübscher und ein stark gebauter Mann.“ Auf die Frage, ob er Single sei, log er. Er erzählte ihr, so die Aussage, er lebe von seiner Frau getrennt. Man tauschte Telefonnummern und sendete sich anschließend von Tisch zu Tisch Nachrichten. Schließlich fragte sie, ob er sich dazusetzen wolle.

Eine Freundin der Nebenklägerin sagt jedoch aus, die Initiative zur Kontaktaufnahme sei vom Angeklagten ausgegangen. Sie habe gehofft, dass ihre Freundin nach einer Enttäuschung wieder einen Mann kennenlerne. Der Angeklagte legte laut der Zeugin gleich seinen Arm um die Schulter der Nebenklägerin, „sie schob ihn weg“. Nach der Bar landete man zu fünft in einem Dönerladen – drei Frauen, der Nebenkläger und dessen Freund, den die Zeugin als unangenehm und distanzlos beschreibt.

Verteidiger Türktorun spricht weiter für seinen Mandanten: Am nächsten Tag fühlte er sich wegen der nächtlichen Lüge gegenüber seiner Gattin schlecht. Am Telefon erklärte er seiner neuen Bekannten, er sei doch verheiratet und habe Familie. Sie wäre nicht begeistert gewesen, schlug aber laut Aussage des Angeklagten dennoch vor, sich zu treffen. Schließlich fuhr man mit zwei Autos auf der Messenhäuser Straße in den Dietzenbacher Wald. Dort küssten sie sich. Die Nebenklägerin habe die Intimität jedoch unterbrochen, weil sie daran dachte, dass er verheiratet ist. Sein Mandant zeigte dafür angeblich Verständnis. Die Abschiedsküsse endeten, so der Verteidiger, schließlich im einvernehmlichen Geschlechtsverkehr. Währenddessen fragte er nach, ob sie verhüte. Das bejahte sie, „sonst hätte ich niemals vaginal ejakuliert“. Laut Angeklagtem reagierte die Geschädigte enttäuscht, als er betonte, es handele sich gerade um einen einmaligen Vorgang. Als sie abends anrief, ging er nicht ans Telefon.

Nach den Ereignissen vom 2. Mai im Dietzenbacher Wald rief die 32-Jährige eine befreundete Polizistin an und erklärte, jemand habe gerade gegen ihren Willen den Geschlechtsverkehr an ihr vollzogen. Die Freundin begleitete die Nebenklägerin erst ins Krankenhaus, anschließend zur Anzeige bei den Polizeikollegen. Die Beamtin, die den Fall damals aufnahm, erklärt auf Nachfrage von Karl-Friedrich Rix, Anwalt der Nebenklägerin, die Frau wirkte glaubhaft auf sie. Während der Vernehmung der Nebenklägerin vor Gericht ist die Öffentlichkeit ausgeschlossen.

Die Polizei nahm den Verdächtigen am Tag der Anzeige in dessen Wohnung fest. Er bestritt den Sex nicht, aber eine Vergewaltigung. Er kooperierte, so der Bericht der Polizisten, und sagte ohne Anwalt aus.

Verteidiger Türktorun fragt die Freundin der mutmaßlich Geschädigten, die mit in der Bar saß, warum die Nebenklägerin einen Tag später ihre Anzeige zurückziehen wollte. Die Zeugin antwortet, sie sei schockiert gewesen, dass der Angeklagte nicht in U-Haft gekommen sei. Stattdessen erhielt sie eine SMS, in der stand: „Ich habe dich nicht vergewaltigt, warum tust du mir das an?“ Die Zeugin erklärt, nach dem Ereignis veränderte sich die Nebenklägerin, „ihre Lebensfreude ist weg“. Drei Wochen später habe sie ihre Freundin erst mal nicht erkannt, „sie hatte unglaublich abgenommen“. Der Prozess geht demnächst weiter.

VON STEFAN MANGOLD

Auch interessant

Kommentare