Der Volkspfarrer

Vor 50 Jahren tritt Dieter Wiegand seinen Dienst in der Dietzenbacher Christus-Gemeinde an

Heute ist der Volkspfarrer, wie ihn viele Dietzenbacher nennen, 80 Jahre alt. In der Stadt ist er nach wie vor präsent und beliebt.
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Heute ist der Volkspfarrer, wie ihn viele Dietzenbacher nennen, 80 Jahre alt. In der Stadt ist er nach wie vor präsent und beliebt.

Fast auf den Tag genau als Dietzenbach Stadt wurde, am 1. Oktober 1970, hat er seinen Dienst angetreten. Seit einem halben Jahrhundert engagiert sich Dieter Wiegand für seinen Ort. Bis zum Ruhestand im Jahr 2003 als Pfarrer der evangelischen Christus-Gemeinde. Und nach wie vor beständig im sozialen Leben der Stadt und als Vertretung für Gottesdienste und Amtshandlungen.

Dietzenbach – So ist es kein Wunder, dass er zugleich mit dem Stadtjubiläum seinen eigenen Gedenktag mit beeindruckenden Zahlen feiert: rund 580 Trauungen, 1000 Taufen und 1300 Beerdigungen – der 80-Jährige verkörpert Dietzenbach seit Jahrzehnten mehr als mancher Ortsgrande.

In Sachsenhausen geboren und in Königstein aufgewachsen, studierte er in Mainz, Marburg und Wien Theologie. Eine erste Stelle führte ihn zur Markus-Gemeinde nach Offenbach. Danach schaute er sich mit dem damaligen Propst mehrere mögliche Stellen im Kreis Offenbach an, darunter auch Dietzenbach. „Dafür habe ich mich dann gemeinsam mit meiner Frau entschieden.“ Auch wenn er der Sache nicht so ganz traute. „Ich hatte das Gefühl, man hatte mir nicht alles über den Ort erzählt.“

Die Antworten auf die offenen Fragen besorgte sich Wiegand auf seine eigene Weise. „Ich habe mich abends in die Gaststätte Harmonie gesetzt und dort ein bisschen zugehört“, erzählt er. Und obwohl ihn auch Freunde vor „Klein-Moskau“, also der damaligen „Enklave mit kommunistischen Parteien“ warnten, blieb die Entscheidung fest: Familie Wiegand zog nach Dietzenbach.

Da sei er also dann ganz neu gewesen, erinnert sich der 80-Jährige. Gehört hatte er bis dahin lediglich den Namen des Ortes, verbunden mit den Erfolgen im Handball. Und es war der Sport, der half, den Pfarrer in der frisch gekürten Stadt einzuführen. „Trotz der Stadtwerdung war Dietzenbach noch eine Dorfgemeinde mit einer Komm-Struktur, das heißt, die Leute kamen zu den Veranstaltungen und auch in die Kirche“, erzählt er. Die Vereine, Sport und Gesang hätten das Leben in der noch jungen Stadt geprägt. Bereits in seinem ersten Monat in Dietzenbach besuchte Dieter Wiegand die Jahreshauptversammlung der SG. Als er sich zu Wort meldete, hieß es: „Du bist ja gar kein Mitglied.“ Noch in der Pause trat der Pfarrer in den Verein ein und ging als Pressereferent und Stadionsprecher aus der Versammlung. Kurz darauf meldete er sich auch bei der TG und dem SC Steinberg an. „Nicht nur die Gemeinde, auch der Sport hat mein Leben hier bestimmt“, sagt er. Noch heute spielt Wiegand aktiv Tischtennis, ist bekennender Fan der Dietzenbacher Handballer und sucht in der Saison jeden Morgen das Schwimmbad auf. „Dass es dieses Jahr nicht geöffnet hat, wurmt mich schon sehr.“

Ein halbes Jahrhundert ist es her, dass Pfarrer Dieter Wiegand seinen Dienst angetreten hat. Noch immer übernimmt er hin und wieder Gottesdienste, unter anderem in der Dietzenbacher Christuskirche, aber auch in Dreieichenhain. Archiv

Das schnelle Wachstum der Stadt, vor allem in den Anfangsjahren, sei „keine gute Sache“ gewesen, zieht der Pfarrer im Ruhestand Bilanz. Wiegand erlebte den Bau der Hochhäuser im Spessartviertel, die Gründung der Rut-Gemeinde, die inzwischen wieder mit der Christus-Gemeinde vereint ist, und auch die Bemühungen der Initiative „Rettet das Dorf in der Stadt“, die um den Erhalt des Altstadt-Kerns kämpfte. „Es ist viel vom ursprünglichen Charakter verloren gegangen“, sagt er.

Fast 33 Jahre, bis August 2003, war Dieter Wiegand Pfarrer der Gemeinde im alten Dorfkern. Seine Frau Ruth begleitete diese Zeit als engagierte Kirchenmusikerin. Aufhören mochte das Paar auch mit dem Ruhestand nicht. Auch heute gibt Wiegand seinem Heimatort viel, geht etwa als Mitbegründer der Tafel und der Flüchtlingshilfe immer noch seinen Aufgaben nach. Vertretungsdienste in der Christus-Gemeinde, aber auch in der Burgkirchengemeinde in Dreieichenhain sind ihm nicht nur selbstverständlich, sondern Lebenselixier. Seine gute Beziehung zu den Dietzenbachern, die ihm liebevoll den Namen „Volkspfarrer“ eingebracht hat, pflegt er konsequent. Dieter Wiegand ist bei vielen Veranstaltungen präsent, jeden Freitag trifft man ihn auf dem Markt. (Von Barbara Scholze)

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