Eine Handvoll Rädelsführer

Vorfälle im Spessartviertel - Thema im Sozialausschuss

Die Wohnblocks des Spessartviertels in Dietzenbach.
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Die Wohnblocks des Spessartviertels in Dietzenbach.

Fraktionen diskutieren über weiteres Vorgehen im Spessartviertel.

Dietzenbach – Bei der ersten Sitzung des Sozialausschusses seit langer Zeit stand ein Thema mit viel Zündstoff auf der Tagesordnung. Auf einen Antrag der Fraktion DL/FW-UDS hin diskutierten die Ausschussmitglieder die Vorfälle im Spessartviertel am 29. Mai.  Spät am Abend waren dort Einsatzkräfte von Feuerwehr und Polizei angegriffen und mit Steinen beworfen worden. Die brutalen Attacken waren Anlass für eine bundesweite Berichterstattung über Dietzenbach. Grund genug für die DL/FW-UDS, umfassende Informationen zu allen „straf- und privatrechtlichen, finanziellen und sozialpolitischen Aspekten“ im Quartier sowie die Bildung eines interfraktionellen Arbeitskreises zu fordern.

Es sei dringend angesagt, nicht nur mit den Jugendlichen, sondern auch mit den Erwachsenen im Spessartviertel zu reden, viele seien entsetzt und frustriert über die „kriminelle Hausverwaltung“, sagte Jens Hinrichsen, Fraktionsvorsitzender der DL/FW-UDS. Um die Situation richtig zu beurteilen, seien die Stadtverordneten nun dringend auf Akteneinsicht angewiesen.

„Der Datenschutz verbietet das“, teilte indes Erster Stadtrat Dieter Lang mit. Was die Hausverwaltung betreffe, so klage man seit Jahren, gewinne auch, aber nichts geschehe. Zu den Vorfällen selbst berichtete Lang, dass sie wohl durch eine Handvoll „Rädelsführer“ ausgelöst worden seien. „Es handelt sich um Kriminelle, die wir mit unseren Angeboten nicht mehr erreichen.“ Die Arbeit der vergangenen 15 bis 20 Jahre sei nun „bitter beschädigt“. Ursächlich sei sicher auch gewesen, dass es coronabedingt wenig Kontakte mit den Jugendlichen gegeben habe. Lang betonte: „Ansonsten hätten wir zumindest erkannt, dass sich etwas zusammenbraut.“ Dies bestätigte Polizeihauptkommissar Andreas Bamberg, Dienststellenleiter der Dietzenbacher Polizei und auf Einladung zu Gast im Sozialausschuss: „Das Allerschlimmste war wohl die Langeweile der letzten Wochen.“

Der Angriff sei gut vorbereitet gewesen, Steinhaufen und Brandsätze hätten bereitgelegen. „Die Dimension war für uns neu, zumal es wirklich aus dem Nichts kam.“ Auch Bamberg sprach von einer Handvoll Jugendlicher im Alter zwischen 16 und 19 Jahren als Initiatoren. „Es sind immer dieselben.“ Die nun diskutierte Drogenproblematik im Viertel sei bekannt, „daran arbeiten wir erfolgreich“. Bamberg schlug vor, über „neue Wege“ nachzudenken, um die Jugendlichen besser zu erreichen. Dabei äußerte er die Idee einer Art Fallbesprechung für problematische Heranwachsende, bei der sich alle Beteiligten von Polizei über Sozialamt bis zum psychologischen Dienst an einen Tisch setzen.

Sehr oft sei in den vergangenen Wochen auch der Name Bittner gefallen. Der weit über das Viertel hinaus bekannte „Kontaktbeamte“ der Polizei hatte in den letzten Jahren intensive Verbindungen im Spessartviertel aufgebaut; inzwischen ist er im Ruhestand. „Natürlich hätte ich gerne wieder einen Bittner, aber die fallen leider nicht von den Bäumen“, meinte Bamberg. Das liege nicht nur an den Kompetenzen, die ein entsprechender Kandidat mitbringen müsse, sondern auch an den schwindenden Personalressourcen bei der Polizei. Die Gelegenheit nutzend, erinnerte Erster Stadtrat Dieter Lang daran, dass auch die Stadt für Einzelfallmaßnahmen Mitarbeiter brauche: „Wir sind bereit, einen weiteren Streetworker einzustellen, wenn das Geld da ist.“

Helga Giardino, die Vorsitzende des Ausländerbeirates, machte darauf aufmerksam, dass sich im Spessartviertel viel geändert habe: „Heute wohnen da ganz andere Menschen als noch vor ein paar Jahren.“ Auch sie wünsche sich, dass der Magistrat zu dem Thema mehr kommuniziere. „Wir müssen informiert sein, wenn die Emotionen dort so hochgehen.“

Über eine Empfehlung zu dem Ursprungsantrag stimmte der Ausschuss am Ende nicht ab. Zwar sahen alle Fraktionen weiteren Redebedarf, die Form dafür soll aber noch geklärt werden.Von Barbara Scholze

Nach dem Angriff auf Einsatzkräfte in Dietzenbach sucht die Polizei weiter nach Tätern – und bittet deshalb erneut die Bevölkerung um Mithilfe.

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