„Da ist Sensibilität gefragt“

Dietzenbacher Schulen setzen Testpflicht um und befürchten Stigmatisierung

Schnelltests sind ab 29. März auch in Niederdorfelden und Oberdorfelden möglich.
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Die Schüler können sich entweder in einer offiziellen Anlaufstelle testen lassen oder in der Schule unter Anleitung der Lehrer einen Selbsttest machen.

Seit gestern, dem ersten Schultag nach den Osterferien, gilt an Hessens Schulen eine Corona-Testpflicht. Am Präsenzunterricht dürfen demnach nur Schüler teilnehmen, die zweimal in der Woche ein negatives Testergebnis vorlegen. Die Kinder und Jugendlichen können sich entweder vorab in einer offiziellen Anlaufstelle testen lassen oder aber in der Schule unter Anleitung der Lehrer einen Selbsttest machen.

Dietzenbach - Bei vielen Schulleitungen und Lehrkräften hatte die Entscheidung der hessischen Landesregierung für Unmut und Kopfschütteln gesorgt (wir berichteten). Auch Georg Köhler, Leiter der Dietzenbacher Ernst-Reuter-Schule, spart nicht mit Kritik: „Die Sinnhaftigkeit von Tests steht außer Frage, allerdings sehen wir die Selbsttest-Strategie sehr kritisch“, sagt er. Auch die Kurzfristigkeit sorge für Ärger: Weil die Landesregierung die Entscheidung zur Testpflicht erst in den Osterferien fällte, habe man nur wenig Zeit gehabt, diese umzusetzen. Deswegen fand an der Ernst-Reuter-Schule gestern nur Distanzunterricht statt: „Wir mussten erstmal die Kollegen für die Testungen briefen.“ Dabei habe die Schule keine Unterstützung vom Roten Kreuz erhalten, wie zunächst von der Politik „vollmundig“ angekündigt worden sei. Er habe außerdem bei der Kassenärztlichen Vereinigung ein Testmobil beantragt – bisher allerdings ohne Erfolg. „Wir wollen testen – das gibt Schülern, Lehrern und Eltern Sicherheit“, betont Köhler. Allerdings hätte er sich gewünscht, dass das Vorgehen vorab gemeinsam mit Rettungsdiensten geplant worden wäre, so dass die Tests bereits vor der Schule hätten stattfinden können. „Bei einem positiven Testergebnis hätten Schüler das Schulgebäude gar nicht betreten müssen.“ Denn der Leiter der Gesamtschule teilt die Befürchtungen einiger besorgter Eltern, dass im Falle eines positiven Tests der betroffene Schüler vor der Klasse stigmatisiert werde. Diese Bedenken habe er auch der Verwaltung mitgeteilt. „Wir werden versuchen zu verhindern, dass betroffene Schüler vor der Klasse vorgeführt werden.“

In der Heinrich-Mann-Schule haben die Kinder und Jugendlichen sich unter Anleitung der Lehrkräfte gestern bereits selbst getestet. „Einige jüngere Schüler waren schon etwas angespannt, aber die Kollegen haben berichtet, dass es insgesamt unproblematisch gelaufen ist“, zieht Schulleiter Hans-Peter Löw Bilanz. „Wir haben uns allerdings sehr darüber geärgert, dass die Schulen so spät informiert wurden“, kritisiert auch er die Landesregierung. „Wir hatten keine Hilfestellung von außen und mussten das in Eigenregie organisieren.“ So habe man erst gestern in der ersten Schulstunde alle Kollegen schulen können, bevor es mit den Testungen losging. Für die Pädagogen sei es eine große Kraftanstrengung und eine schwierige Situation. „Sollten Tests positiv ausfallen, wäre das für die betroffenen Schüler eine Belastung und sie müssten psychologisch betreut werden.“ Löw betont, dass er grundsätzlich die Testpflicht befürworte, die möglicherweise auch Aufschluss über die Dunkelziffer infizierter Schüler Aufschluss geben könne.

Berthold Geist, Leiter der Helen-Keller-Schule, spricht von einer „chaotischen Situation, da es vor den Ferien noch hieß, die Tests seien freiwillig, und die Pflicht erst kurzfristig in den Ferien beschlossen wurde“. Vor allem bei den jüngeren Schülern seien die Selbsttests schwierig umzusetzen, so der Leiter der Förderschule. „Da ist eher nicht mit einem Testergebnis zu rechnen, das aussagekräftig ist“, befürchtet er. Die Bedenken von Eltern bei einem positiven Testergebnis seien berechtigt und würden von den Kollegen geteilt. „Wir wollen auf jeden Fall eine öffentliche Stigmatisierung betroffener Kinder vermeiden“, betont er. „Da ist Sensibilität gefragt.“ (Niels Britsch)

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