„Die Situation ist beängstigend“

Drei Hausarztpraxen in Dietzenbach sind unbesetzt

In Dietzenbach suchen rund 3.000 Patienten nach einem neuen Hausarzt
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In Dietzenbach suchen rund 3.000 Patienten nach einem neuen Hausarzt

Überfüllte Wartezimmer, eine arbeitsintensive Impfaktion und zu wenig Personal: Dietzenbachs Hausärzte geraten immer mehr in Bedrängnis. Auf die Spitze getrieben, wurde das Problem durch den Wegfall dreier Praxen. Zuletzt war eine Hausärztin plötzlich gestorben. Rund 3 000 Patienten mussten sich deshalb nach einem neuen Allgemeinmediziner umsehen.

Dietzenbach - „Wir haben hier immer wieder Menschen im Hof stehen, die händeringend nach einem Arzt suchen, da sie in anderen Praxen abgewiesen wurden“, konkretisiert Doktor Reinhold Jerwan-Keim die angespannte Situation. Anstelle von 800 Menschen pro Arzt kümmerten sich er und seine Kollegen aus der Gemeinschaftspraxis in der Hügelstraße jeweils um 1200 Personen. „Die zusätzlichen Patienten sind dabei nicht das Problem, sondern das Plus an administrativer Arbeit, das mit ihnen einhergeht“, betont Jerwan-Keim, der auch Obmann der Dietzenbacher Ärzteschaft ist. Denn mit Datenschutz und Qualitätsmanagement sei die Papierarbeit deutlich angestiegen. So gehe die Motivation für die Arbeit allmählich verloren. „Wir verbringen 75 Prozent unserer Arbeitszeit mit dem Ausfüllen von Papieren und 25 Prozent mit der Versorgung von Patienten“, macht Jerwan-Keim deutlich. Das habe etwa zur Folge, dass er weniger Hausbesuche mache. „Ich fahre nur noch raus, wenn es absolut notwendig ist“, erläutert der in Dietzenbach dienstälteste Allgemeinmediziner. Für mehr Besuche fehle die Zeit.

Denn: Zu dem ohnehin hohen Arbeitsaufwand sei die Impfaktion hinzugekommen. „Mit einem einfachen Piks ist es hier nicht getan“, sagt der Obmann. Allein der Patient bringe ein fünfseitiges Formular mit, das überprüft werden muss. Außerdem verbringe er nach der Impfung zur Überwachung rund 20 Minuten in der Praxis und auch das müsse dokumentiert werden. „Unser Team war in diesem Jahr so sehr an der Belastungsgrenze, dass wir uns dazu entschieden haben, drei Wochen lang zu schließen“, sagt der Mediziner.

Damit sich an der Situation etwas ändert, fordert er von den Krankenkassen und der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KVH) eine Erleichterung im Hinblick auf die administrativen Aufgaben.

Doch nicht nur hier müsse sich etwas ändern. Auch die Personalsituation ist nach Jerwan-Keims Worten „beängstigend“. „Wir suchen seit einem Jahr nach einer Sprechstundenhilfe, die den Aufgaben gewachsen ist“, sagt er. Ebenso prekär sei die Situation hinsichtlich der Hausarztstellen. „Für viele Berufseinsteiger ist unsere Arbeit zu aufwendig und nicht lukrativ genug“, sagt der Arzt. Schließlich stünden die Allgemeinmediziner am unteren Ende der Gehalts-Leiter.

Und so stehen Dietzenbachs Hausärzte vor einer überaus kräftezehrenden Herausforderung. Um sie zu entlasten, hat sich Bürgermeister Jürgen Rogg bereits im Sommer für die Mediziner eingesetzt. Er forderte von der KVH die Wiederbesetzung, beziehungsweise die Eröffnung von allgemeinmedizinischen Praxen dringend zu prüfen. Allerdings, so gesteht der Rathauschef ein, seien die Möglichkeiten der Stadt beschränkt. Dennoch hätten die Gespräche mit der KVH einen ersten Hoffnungsschimmer ergeben. Denn, wie die Kreisstadt mitteilt, gibt es eine Interessentin, die eine der unbesetzten Praxen als Zweigpraxis übernehmen möchte. Darauf hofft nun auch Doktor Reinhold Jerwan-Keim. Gleichzeitig ist ihm jedoch bewusst, dass eine weitere Ärztin in Dietzenbach lediglich ein Tropfen auf dem heißen Stein wäre. (Von Anna Scholze)

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