„Von Aufatmen kann ich nicht reden“

Der neue Leiter der VHS hat gleich zu Beginn mit Widrigkeiten zu kämpfen

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Start unter erschwerten Bedingungen: Trotzdem lässt sich Daniel Spielmann, neuer Geschäftsführer und pädagogischer Leiter der VHS, nicht entmutigen.

In der Corona-Pandemie läuft es besonders schwierig für die VHS. Der neue Leiter will sich davon nicht abschrecken lassen.

Dietzenbach – Seinen Start als Geschäftsführer und pädagogischer Leiter der Volkshochschule Dietzenbach hatte sich Daniel Spielmann vermutlich anders vorgestellt. Im März trat er den neuen Job an. Kurz bevor die Corona-Krise das Leben aller umkrempelte. Auch den Alltag an der VHS. Kurse fielen aus, Reisen wurden gecancelt, Einnahmen brachen weg. Und dann das: In einem ihrer Änderungsanträge für den vergangene Woche verabschiedeten städtischen Haushalt forderten CDU und FDP die Streichung der Zuschüsse für die VHS, um Grundsteuererhöhungen zu verhindern (wir berichteten).

VHS: Gemeinsames Beratschlagen ist angesagt

„Es wäre sicher auch so schon spannend genug gewesen“, sagt Daniel Spielmann. „Aber jetzt sind die Gegebenheiten eben so, wie sie sind.“ Gemeinsam mit Gudrun Rahn und Dieter Klühspieß vom VHS-Verein hat er in die Wilhelm-Leuschner-Straße 33 eingeladen, um – selbstverständlich auf Abstand – über die vergangenen Wochen zu sprechen. Über seine ersten Monate als Nachfolger der bisherigen Leiterin der VHS, Petra Lück. Über die Auswirkungen des Coronavirus auf die VHS. Und über die Forderungen von Christ- und Freidemokraten.

Letztere sind nun zwar vorerst vom Tisch. Dass derlei Pläne über die Kürzung von Zuschüssen in der Kreisstadt immer wieder diskutiert werden, davon hat Daniel Spielmann aber schon gehört. „Basierend auf der politischen Historie Dietzenbachs kann ich da nicht von Aufatmen reden“, sagt er. Dennoch sei er überrascht über das Maß an Undankbarkeit, was der VHS entgegenbracht werde. Gerade in einem Jahr, in dem das Team so gute Arbeit geleistet habe. „Seit meine Vorgängerin zum November aufgehört hat, haben die Mitarbeiterinnen alles alleine gemeistert“, betont Daniel Spielmann. 

Und auch jetzt, in seiner Anfangszeit seien die vier Frauen eine große Unterstützung. Gudrun Rahn, Vorsitzende des VHS-Vereins, ergänzt: „Da ist leider auch manche Unkenntnis vorhanden, die zu solchen Anträgen führt.“ Die Forderungen, die VHS sei „kostendeckend zu betreiben“ und der „Betriebskostenzuschuss und die kostenlose Zurverfügungstellung der Räumlichkeiten“ zu streichen, empören die Verantwortlichen. „Der Antrag ist sachlich falsch“, sagt Gudrun Rahn. Die Stadt stelle der VHS keine kostenlosen Räume zur Verfügung. Jährlich zahle man 13 000 Euro Miete für die an der Wilhelm-Leuschner-Straße sowie 2800 Euro für externe Räume.

VHS soll kostendeckend wirtschaften

Daniel Spielmann ist vor allem davon irritiert, dass gefordert wird, die VHS möge kostendeckend wirtschaften. „In Deutschland gibt es rund 900 Volkshochschulen. Mir persönlich ist keine davon bekannt, die kostendeckend arbeitet und das entspricht auch überhaupt nicht ihrem gesellschaftlichen Auftrag.“ Der sei nämlich, Bildung in die Breite zu tragen, sie auch Menschen zu ermöglichen, die diesen Zugang nicht in die Wiege gelegt bekommen. Vor allem dieses Bildungsverständnis ist es, was den studierten Linguisten nach 18 Jahren, in denen er unter anderem in der Schulentwicklungsforschung an der Universität arbeitete, und einem Abstecher in die freie Wirtschaft, wo er Business-Seminare organisierte, an die VHS führte.

Außerdem sehen Daniel Spielmann und die Köpfe des Vereins die VHS in Dietzenbach gut aufgestellt. Sie haben recherchiert und legen Zahlen vor, um die Einrichtung in der Kreisstadt mit anderen in Deutschland zu vergleichen. Durchschnittlich würden in der Bundesrepublik 44,4 Prozent der Finanzierung von den Volkshochschulen selbst erwirtschaftet. „In Dietzenbach sind es 72,17 Prozent“, sagt Daniel Spielmann. Einen Grund dafür sieht er im erhöhten Bedarf an Integrationskursen, die vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge finanziert werden. 

VHS soll weiter laufen - trotz Schwierigkeiten

Auch an anderer Stelle haben Spielmann und seine Mitstreiter einen eklatanten Unterschied ausgemacht. „Im Bundesdurchschnitt haben die öffentlichen Zuschüsse einen Anteil von 33,2 Prozent am Finanzvolumen der Volkshochschulen“, erläutert Spielmann. In Dietzenbach seien es – die Zuschüsse von Stadt und Kreis zusammengenommen – nur etwas mehr als zehn Prozent. „32 000 Euro sind es, die wir jährlich von der Stadt bekommen“, sagt Gudrun Rahn. Würden die wegfallen, gerade jetzt, wo bedingt durch das Coronavirus nahezu alle Einnahmen durch Kurse und Reisen wegbrechen, wäre es für die VHS ein schwerer Schlag.

Trotzdem muss es weitergehen. Aktuell ist das VHS-Team dabei, die Rückkehr zum Kursbetrieb zu organisieren, in kleineren Gruppen, unter entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen. Auch das Herbstsemester plant Daniel Spielmann gemeinsam mit seinen Mitarbeiterinnen. „In Anbetracht der Lage gibt es zwar neue Angebote, aber das Programm wird schon etwas eingedampft“, sagt er. Zukunftsvisionen für die VHS hat Daniel Spielmann trotz allem. Unter anderem würde er sich gerne vermehrt der Digitalisierung von Bildungsangeboten widmen. Gerade aktuell zeige sich, wie wichtig das sei. Die entsprechenden Voraussetzungen dafür zu schaffen koste aber natürlich wiederum Geld.

VON LENA JOCHUM

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