Zwei Jahre Haft auf Bewährung

Angst vor unliebsamen Besuchen: Dietzenbacher Drogenhändler zeigt sich an

Wegen der Kronzeugenregelung muss ein Drogendealer aus Dietzenbach nicht ins Gefängnis.
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Wegen der Kronzeugenregelung muss ein Drogendealer aus Dietzenbach nicht ins Gefängnis.

Ein vorbestrafter Drogendealer aus Dietzenbach erzählt der Polizei, wer sonst noch Handel treibt und bekommt eine Bewährungsstrafe.

Dietzenbach – Richter Manfred Beck und die Schöffinnen verhängten wegen der Kronzeugenregelung zwei Jahre Gefängnis, die sich gerade noch zur Bewährung aussetzen ließen. Staatsanwältin Dragana Damljanovic warf dem 23-Jährigen vor, von Oktober 2018 bis Januar 2019 in Dietzenbach in 66 Fällen Haschisch verkauft zu haben. Außerdem habe er am 18. Januar 2019 in Griesheim ein Kilo Marihuana in seinen Besitz gebracht, der Anteil des den Rausch erzeugenden THC habe bei 12,8 Prozent gelegen, „also das 17-fache über der Menge, die noch als gering gilt“.

Rechtsanwalt Abdul R. Issa bestätigte den Sachverhalt: „Alles stimmt und beruht auf der Selbstanzeige meines Mandanten“. Der Angeklagte S. hatte der Polizei von seinem Drogenhandel erzählt. Nicht etwa, weil ihn ein schlechtes Gewissen plagte, vielmehr wollten ihm Händler-Kollegen einen Überraschungsbesuch abstatten, wohl um vermeintlich offene Rechnungen einzufordern. Sie verwechselten jedoch die Wohnung und terrorisierten stattdessen die Nachbarn.

Cannabis-Konsum: Angeklagter kifft seit Jahren

Richter Beck fragte den Angeklagten, ob die Nachbarn noch böse auf ihn seien. Dieser erklärte, der Zustand sei für ihn besonders belastend. Die Nachbarin kenne seine Freundin seit der Kindheit. Die Heimsuchung seiner Bekannten habe jedoch einen Keil zwischen die Frauen getrieben: „Wenn ich früher Mist baute, schadete ich mir selbst, diesmal aber anderen.“

Anwalt Issa gab an, sein Mandant konsumiere seit Jahren Cannabis. Der Angeklagte berichtetet, wie er 2013 aus Angst vor den Taliban nach Deutschland floh, „in Afghanistan ging es mir gut, wir hatten alles“. Sein Bruder sei in Kabul Staatsanwalt gewesen, deutet S. an, aus privilegierten Verhältnissen zu stammen.

Marihuana-Kilo unter den Nagel gerissen

Richter Beck trug vor, dass S. sich das Marihuana-Kilo eines ausgewiesenen Landsmanns unter den Nagel riss. Verteidiger Issa berichtete von Schulden, die seinen Mandanten gedrückt hätten. Nach dem bedrohlichen Besuch bei den Nachbarn ging dieser zur Polizei, die ihm ein „quid pro quo“ vorschlug, nach dem Motto: „Wir gewähren Dir Schutz, Du nennst uns Namen.“ Anschließend hörten Fahnder einige Telefone ab, was zu Verhaftungen führte. Der Angeklagte wohnt inzwischen nicht mehr im Rhein-Main-Gebiet.

Staatsanwältin Damljanovic forderte wegen der großen Menge zwei Jahre und drei Monate Haft, was sich nicht mehr zu Bewährung aussetzen lässt. Wegen Eigentums- und Drogendelikten brachte es der Angeklagte bisher auf fünf Eintragungen im Bundeszentralregister.

Drogentherapie und gemeinnützige Arbeit

Rechtsanwalt Abdul R. Issa plädierte auf 18 Monate Gefängnis, zur Bewährung ausgesetzt, „wenn der Paragraf 31 einen Sinn macht, dann doch hier“. Der Passus im Betäubungsmittelgesetz beschreibt eine Kronzeugenregelung. Der Täter bekommt eine mildere Strafe, „wenn er durch freiwilliges Offenbaren seines Wissens wesentlich dazu beigetragen hat“, eine Straftat aufzudecken.

In seinem Schlusswort sprach der Angeklagte von einer Kurzschlussentscheidung, die er bereue. „Ich war seelisch am Ende“. Heute wähne er sich auf einem guten Weg. Richter Beck und die Schöffinnen verhängten zwei Jahre auf Bewährung, die über vier Jahre läuft. Außerdem muss sich S. einer ambulanten Drogentherapie unterziehen, sowie 100 Stunden gemeinnützige Arbeit ableisten, „durch ihre Sucht gerieten sie immer tiefer ins kriminelle Milieu“. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. (Stefan Mangold)

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