„Ein absolutes Novum, so was gab’s noch nicht“

Dietzenbach - „Endlich wird Hessen die stabile Regierung haben, die es braucht“, freut sich CDU-Vorsitzender Helmut Butterweck, gibt jedoch auch offen zu, dass er auch enttäuscht sei. Denn er habe auf einen Zuwachs von mindestens fünf Prozent gehofft. Zudem sei die Wahlbeteiligung in Dietzenbach nicht so hoch gewesen wie 2008. Von Nina Beck und Barbara Wellmann

Trotzdem sei das Ergebnis „richtig“ ausgefallen, denn: „Mit den Experimenten der anderen wären wir nicht weiter gekommen.“

Überwiegend Zufriedenheit hier, spürbare Niedergeschlagenheit da. „Ich gehe jetzt“, verkündet eine SPD-Frau im Green-Windows-Pub, „und schaue mir die Tagesschau von vor 25 Jahren an...“ Damals war Holger Börner (SPD) mit den Stimmen der Grünen zum Ministerpräsident gewählt worden. Diesmal hat es nicht gelangt. „Ich habe gewusst, dass dieser Abend kommt“, sagt Ulrike Alex, Direktkandidatin für den Wahlkreis 45, dennoch sichtlich um Fassung bemüht. „Die Performance der SPD im letzten Jahr“ sieht sie verantwortlich für dieses Ergebnis.

Enttäuscht, dass sie nun nicht in den Landtag einziehen wird, sei sie aber nicht. „Das habe ich im Vorfeld dieser Wahl schon für unrealistisch gehalten. Dazu hätte die SPD ein Ergebnis von 34 Prozent gebraucht, das war nicht zu erwarten.“ Thorsten Schäfer-Gümbel habe „das verlorene Vertrauen in so kurzer Zeit nicht wettmachen können“, sagt Alex, doch: „Mit ihm haben wir einen sehr guten Mann an der Spitze.“ Wer nicht Roland Koch wählen wollte, habe diesmal die FDP gewählt, und wer die SPD nicht wählen wollte, die Grünen. Daran, dass die CDU nahezu die gleichen Verluste wie 2008 eingefahren hat, sei zu sehen: Koch ist nicht gewollt, so Alex. „Allerdings ist auch die SPD jedenfalls so keine Alternative.“ Man müsse „den Tatsachen ins Auge sehen und nach vorne denken“, so Dietzenbachs Ehrenbürgermeister Jürgen Heyer. „Wir haben ganz offensichtlich falsch eingeschätzt, wie Wähler über vermeintlichen und tatsächlichen Wortbruch denken.“ Kreisbeigeordneter Carsten Müller (SPD) spricht davon, dass ein „Neuanfang dringend nötig“ sei. „Aber wir brauchen auch Aufklärung über die Dinge, die im Oktober, November passiert sind. Das ist noch nicht aufgearbeitet.“ Und Parteichef Rainer Engelhardt dankt Ulrike Alex, die „in Dietzenbach eine Persönlichkeit ist“. Ihr Ergebnis liege „über den Landesstimmen in fast jeder Stadt“.

„Ein absolutes Novum, so was gab’s noch nicht. Das kann man gar nicht genug beklatschen“, freut sich Artus Rosenbusch (FDP), als er sieht, dass in einigen Dietzenbacher Wahlbezirken die FDP sogar vor der SPD gelandet ist. In Dietzenbach haben die Freien Demokraten nahezu doppelt so viele Prozentpunkte erhalten wie noch vor einem Jahr. Dass der hiesige FDP-Kandidat Uwe Klein noch vor dem der Grünen, Frank Kaufmann, liege, „ist schon gewaltig“, meint Werner Nickel, Mitglied der FDP-Kreistagsfraktion. Er macht zwar keinen Hehl daraus, dass dies ein Lagerwahlkampf gewesen und die SPD „abgestraft“ worden sei. „Das war eine ganz taktische Wahl.“ Dennoch zeigt sich die FDP-Riege von der Höhe ihres Sieges überrascht. „Wir werden fast zu einem Drittel in der Regierungsverantwortung stehen“, freut sich Rosenbusch.

„Die Tendenz war zu erwarten“, meint Lothar Niemann, Fraktionsvorsitzender der Grünen. Den Grund, warum die CDU nicht zugelegt hat, sieht er deutlich bei Roland Koch. Gerade davon habe dann die FDP profitiert. Viele enttäuschte SPD-Wähler der Landtagswahl 2008 seien zu den Grünen gewechselt. Aber nicht nur das. Viele Bürger hätten mittlerweile gemerkt, dass die Grünen ernstzunehmende Antworten geben und Kandidaten haben, die für Verlässlichkeit und Fähigkeit stehen. Auch Andrea Wacker-Hempel ist der Meinung, dass ihre Partei Versprechen wenigstens halte. Deshalb hätten ihr viele Vertrauen entgegengebracht. „Ich freue mich, dass das Ergebnis so positiv ausgefallen ist für uns“, so Niemann. Erste Umfragen hätten etwa zwölf Prozent in Aussicht gestellt, er habe deshalb mit weniger gerechnet. „Die  Grünen haben ihr bestes Wahlergebnis in einem Flächenland vor allem ihrem klaren Profil zu verdanken“, sagt Landtagskandidat Frank Kaufmann. „Über die Rolle, die ich in der bald doppelt so großen Landtagsfraktion der Grünen spiele, werden wir noch reden. Eigentlich müsste Roland Koch zurücktreten. Aber er ignoriert die Zeichen.“

Linken-Kandidatin Barbara Cárdenas ist mit dem Ergebnis zufrieden: „Wir haben eine starke Opposition, die sich nicht ins Hemd macht, verdammt nötig.“ Die Linken hätten eine Schmutzkam pagne gut überstanden.

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