Landratswahl: Auf einen Kaffeeplausch mit Carsten Müller von der SPD

Ein Flieger mit Haltung

Dritter Versuch: Sozialdemokrat Carsten Müller kandidiert als Landrat für den Kreis Offenbach. Der Kreisbeigeordnete wünscht sich für den Montag nach der Wahl in der Offenbach-Post die Schlagzeile: „Sieg für die SPD – Olaf Scholz und Carsten Müller im Doppelpack.“
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Dritter Versuch: Sozialdemokrat Carsten Müller kandidiert als Landrat für den Kreis Offenbach. Der Kreisbeigeordnete wünscht sich für den Montag nach der Wahl in der Offenbach-Post die Schlagzeile: „Sieg für die SPD – Olaf Scholz und Carsten Müller im Doppelpack.“

Klostercafé Seligenstadt, nachmittags, Kaffeezeit: Zielsicherer Blick durch seine schwarze Brille und Kaffee, ein Glas Wasser und Streuselkuchen sind in weniger als zehn Sekunden gewählt. Würde Carsten Müller diese Brille nicht brauchen, wäre womöglich alles anders gekommen: kein Kreis-Beigeordneter, kein SPD-Landratskandidat und das auch nicht bereits zum dritten Mal.

Seligenstadt – „Ich finde es cool hier und solche Ideen möchte ich auch unterstützen.“ Bei Müller geht es immer wieder um Haltung. Eben auch bei der Begründung, warum er als Treffpunkt einen Inklusionsbetrieb gewählt hat. Auch wenn er Maßnahmen zum Klimaschutz anspricht oder über die Aufnahme von Flüchtlingen aktuell aus Afghanistan debattiert. Manchmal müsse man, so Müller, finanzielle Aspekte hintanstellen, weil es Überzeugungen gibt, weil es Werte gibt, für die er kämpfen will, die einfach größer sind. So groß, dass es sich lohnt, dafür täglich zu kämpfen. Keine Floskel. Wer mit Müller diskutiert, merkt, er lebt diese Einstellung. Beispiel Asyl. Das sei ein Grundrecht. Da müsse man eben Flagge zeigen. Nur bei der Sache mit der Brille, da war er chancenlos.

Carsten Müller besitzt Lizenz als Fluglehrer

„Als ich 18 Jahre alt war, hat sich mein Sehvermögen verschlechtert. Erst nur leicht, aber innerhalb kürzester Zeit war ich auf 3,5 Dioptrien. Damit hatte sich der Pilotentraum für große Linienmaschinen erledigt“, erklärt der 49-Jährige. Tagelang hatte er als Kind auf dem Balkon der elterlichen Wohnung in Heusenstamm gesessen und Flugzeugtypen notiert. Das Fliegen habe ihn fasziniert und nie losgelassen. Auch nicht nach dem Augen-Rückschlag.

„Ich habe dann mein Pilotenschein für Kleinflugzeuge gemacht und später die Lizenz als Fluglehrer erworben“, erzählt er. Damit nicht genug: Mit vier anderen Teilhabern habe er die Firma Panorama-Flug betrieben. Acht Kleinflugzeuge hat das Unternehmen in Egelsbach zu Hochzeiten ihr Eigen genannt. Es wurden nicht nur Ausbildungsflüge zur Erlangung der Fluglizenz angeboten, es gab auch Auftragsflüge und Shuttle-Angebote, beispielsweise nach Sylt. Doch auf das Fliegen allein wollte sich Müller nicht verlassen.

„Ich habe Jura studiert, weil ich angenommen habe, damit bin ich noch nicht festgelegt und kann in allen möglichen Bereichen arbeiten“, erklärt er. Das hatte Folgen. Das Engagement für die Flugfirma musste er zurückschrauben, die Zeiten in der Luft wurden immer weniger. „Aktuell komme ich auf ungefähr 25 Flugstunden im Jahr. Noch in der Studienzeit waren es 150 bis 200 Stunden“, sagt er und ergänzt: „Unter die zwölf Stunden sollte es nicht gehen, ansonsten würde ich meine Lizenz verlieren.“ Aus der Fliegerei hat er eine Angewohnheit übernommen: Im Flugzeug müsse man mindestens einen Schritt im Vorausdenken. Wenn man nur reagiere, bekomme man in einem Flugzeug Probleme. Müller: „Das hilft mir auch in meinem jetzigen Job als Kreis-Beigeordneter und vor allem in der Politik.“

Dass Flugzeuge in der Rhein-Main-Region nicht nur Faszination auslösen, ist ihm bewusst. „Fliegen gehört zur modernen Mobilität“, sagt er. Und doch könne man für die Lärmgestressten etwas tun: Man müsse mehr an der Modernisierung von Flugzeugen arbeiten. Und natürlich beweist er auch wieder Haltung: Billigangebote für Flugreisen für einen Euro, das gehöre verboten. „Solche Angebote würde ich nicht nutzen“, sagt er.

Wenn Müller sich für etwas begeistern kann, kann er nur schwer loslassen: Die Fliegerei, die Politik, der Fitnessstudiobesuch, die Vereinsarbeit – aber all das braucht Zeit. Aktuell ist er neben einer wöchentlichen Arbeitszeit von 60 Stunden noch Vorsitzender der TSV Heusenstamm mit immerhin 2500 Mitgliedern und in der Heusenstammer Awo aktiv. Dazu kommen Mitgliedschaften in der Stadtkapelle Seligenstadt, im Dreieicher Weihnachtskalender, in der Seniorenhilfe Dietzenbach, im Großen Welttheater Rodgau, im Obst- und Gartenbauverein Lämmerspiel und bei den Löwen Frankfurt. Es ist ihm eben alles wichtig, daher will er keine Abstriche machen. Und trotzdem gibt es etwas, was noch über alledem steht: Familie. Müller: „Meine Familie ist mein ganzer Stolz.“

Das Haus in Mühlheim, das ist seine Burg

Wenn er erzählt, dann immer ruhig. Wenn er debattiert, dann immer sachlich. Er sucht den Augenkontakt, lächelt, wirkt stets freundlich. Und doch: Wenn er von seiner Familie, seiner Frau, dem elfjährigen Jungen und seiner neunjährigen Tochter erzählt, dann ist er noch mal entspannter und hat ein Dauerstrahlen im Gesicht.

Er zeigt ein Foto von einer Schlammwüste, die man ansatzweise als Garten identifizieren kann. „Ich hätte mich noch lieber bei mir daheim für ein Interview getroffen, aber kurzfristig hatten Handwerker und Gartenfirma Zeit und da ist jetzt überall Chaos“, erklärt er. Und selbst der größte Skeptiker hätte keinen Zweifel daran gehabt, dass für ihn das eigene Haus mit weitem Abstand der Lieblingsort ist. Das Haus in Mühlheim, das ist seine Burg. Auch wenn die Rolle als liebevoller Vater das Zeitbudget weiter schmelzen lässt.

„Ich habe den Vorteil, dass ich meine Arbeitszeiten häufig selbst einteilen kann. Ich lege mir die ersten Termine etwas später, dann kann ich die Kinder zur Schule bringen.“ Stress oder Hektik empfindet er nicht. Wenn’s um die Kinder geht, hat er in seinem Verständnisrucksack Unmengen Platz. Da passt auch noch rein, dass beide Kinder Eishockey spielen.

„Ich fahre sie oft zum Training oder zu Wettkämpfen. Das nimmt sehr viel Zeit in Anspruch“, sagt er. Da die Eltern aus Coronagründen nicht mit in die Eishalle dürfen, muss er meist vor der Halle warten. Für nur eine Stunde Training lohnt es sich nicht, wieder heimzufahren. Müller: „Ich laufe umher, gehe spazieren oder telefoniere bis er wieder fertig ist. Die Umgebung rund um die Frankfurter Eissporthalle kenne ich in der Zwischenzeit richtig gut.“

Wie würde das alles funktionieren, wenn er am 26. September nun auch noch zum Landrat gewählt würde?

Auch das ist Carsten Müller. Er ist niemand, der problematisiert, der den Teufel an die Wand malt. Er wirkt positiv, nach vorn schauend. Es würde schon irgendwie gehen, aber ja, er müsste irgendwo wohl oder übel Abstriche machen.

Zuzugeben, dass er Abstriche machen müsste, fällt ihm schwer. Irgendwas sogar ganz aufgeben, darüber will er noch nicht zu lange nachdenken. Dann atmet er schwerer, die Pausen bei den Antworten werden länger. Zu erklären, dass er als derzeitiger Stellvertreter jetzt den nächsten Schritt machen muss, das fällt ihm bedeutend leichter. Dass er jetzt im richtigen Alter sei, dass er in Sachen Digitalisierung mit der Kreisverwaltung einiges vor hat, dass das Thema Klimaschutz vor allem auch den ÖPNV und die Art wie wir bauen betrifft – all das kann er viel detailreicher und anschaulicher erklären. Und doch drängt sich die Frage auf, warum man gerade ihn wählen soll, zumal der politische Laie nicht sofort erkennt, wo die Unterschiede von ihm zum amtierenden Landrat Oliver Quilling (CDU) liegen, mit dem er seit elf Jahren erfolgreich zusammen arbeitet, mit dem er sich duzt, den er schätzt. Carsten Müller: „Ich bin der impulsivere Typ, hier und da vielleicht etwas ungeduldiger. Da kommt bei mir der Widder durch.“

Carsten Müller ist nicht nur ein guter Erzähler, sondern auch ein aufmerksamer Zuhörer. Ein Macher, aber auch kein Hoppla-hier-komm-ich-Typ. Einer, den man gerne als Nachbar hätte.

Ob er vom derzeitigen SPD-Höhenflug profitiert, das will er nicht beurteilen. Er hätte eine Wunschschlagzeile für die Offenbach-Post am Montag nach der Wahl: „Sieg für die SPD – Olaf Scholz und Carsten Müller im Doppelpack.“ Bei einer Niederlage im dann immerhin dritten Versuch würde er nicht mehr antreten. Nein, das würde er nicht mehr machen, auch wenn die Genossen ihn bitten. Das wäre doch unglaubwürdig. Da wäre ihm – mal wieder – seine Haltung wichtiger. (Axel Grysczyk)

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