Eine vielschichtige Firma

Familienunternehmen Georg Martin fertigt Ausgleich-Elemente in dritter Generation

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Geschäftsführer Christoph Martin führt durch die Werkstatt.

Dietzenbach - Ob hinter kleinen Ladentheken in der Altstadt oder in großen Hallen im Gewerbegebiet: Die Dietzenbacher Unternehmenswelt hat einiges zu bieten. In loser Reihenfolge werfen wir einen Blick hinter die Kulissen. Diesmal haben wir die Firma Martin besucht. Von Tamara Schempp 

Schicht um Schicht um Schicht: 60 übereinander, aus hauchdünnem Blech. Christoph Martin, Geschäftsführer der Georg Martin GmbH, schabt mit der Feile in der rechten Hand am runden Rand eines Blechstücks eine Schicht nach der anderen nach oben. Dann packt er das Ende an und zieht die Folien auseinander, bis sie sich in Wellen nebeneinander legen. „Es geht ganz leicht“, erklärt der 45-Jährige. Was an das Öffnen des Deckels eines Joghurtbechers erinnert, ist eine bewährte Technologie der Maschinen- und Anlagebau-Firma. Beim Rundgang durch die Werkstatthalle zeigt der Enkel des Gründers Georg Martin einige seiner Produkte, die dort überwiegend für die Antriebstechnik, die Luftfahrt, den Maschinen- und Automobilbau gefertigt, gepresst, und gelasert werden.

Die Schältechnik hat sich über die Jahrzehnte bewährt, sagt Martin. 1956, vor über 60 Jahren, übernahm sein Großvater eine US-amerikanische Lizenz zur Herstellung von schälbaren Passelementen. Mit diesen durchgehend geschichteten „Metallfolienpaketen“ lässt sich die Dicke des Passelementes genau bestimmen, ohne dass dazu eine Maschine benötigt wird. Durch das Schälen der Schichten können Abstände zwischen Bauteilen beglichen werden. Christoph Martin erklärt das Prinzip an einem Türrahmen: Ist der Rahmen verzogen, braucht der Monteur Zusatzmaterial, um die Unregelmäßigkeit auszugleichen. Dafür sind die Passelemente gedacht. Sie werden etwa für den Flugzeugbau verwendet. „Das ist heute noch total up to date“, versichert Martin.

Die mittelständische Firma ist Zulieferer und Kundenberater zugleich. Zu Martins größten der 800 aktiven Kunden gehört seit über 20 Jahren der französische Flugzeughersteller Airbus. Die Dietzenbacher Firma versorgt als Hauptlieferant Airbus-Montagewerke in ganz Europa, für alle Flugzeugtypen seit dem A310. Auch Siemens zählt zu den Abnehmern der Produkte. Der Technologiekonzern bestellt regelmäßig sogenannte Blech-Umformteile. Umformtechnik und somit das Walzen, Biegen und Pressen von Metall, ist Martins zweites Standbein.

Schicht für Schicht lässt sich das Passelement aus Blech mit der Feile schälen.

Was heute mit 110 Mitarbeitern gestemmt wird, begann als Ein-Mann-Betrieb mitten im Chaos des Kriegsendes. Am 1. September 1945 gründete der damals bei Manroland angestellte Werkzeugmachermeister Georg Martin eine eigene Firma. Der Dietzenbacher übernahm einen kleinen Betrieb für Druckmaschinen-Teile in Mühlheim, nachdem dessen Leiter nicht aus dem Zweiten Weltkrieg zurückkehrte. Wie der Großvater lernte auch Christoph Martin zunächst den Beruf des Werkzeugmachers, bevor er Wirtschaftsingenieurwesen in Friedberg studierte und vor zwei Jahren schließlich die Firma vom Vater übernahm. „Dadurch hat sich für mich aber nicht viel geändert“, erzählt der 45-Jährige, der bereits vorher Mitglied der Geschäftsführung war.

Die erste Krise meisterte er vor neun Jahren gemeinsam mit seinem Vater. „Damals hatte ich noch nicht viel Berufserfahrung“, erzählt er. Zu Beginn der Finanzkrise im Jahr 2009 und bis 2010 erlitt die Firma einen herben Einbruch: Fünf Millionen Euro Verlust, 38 Mitarbeiter mussten entlassen werden. „Das war ziemlich bitter, ich musste das erst mal einordnen“, erinnert sich Martin. „Es war keine gute Zeit.“ Die Firma erholte sich. Der Umsatz ist zwar um 30 Prozent zurückgegangen, hat sich nach der Bankenkrise aber von sieben auf knapp 14 Millionen wieder verdoppelt.

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Auch er bekomme den Fachkräftemangel deutlich zu spüren, sagt der Unternehmer. „Stellen sind schwerer nachzubesetzen.“ Eine Möglichkeit, neue Mitarbeiter zu gewinnen, ist die Zusammenarbeit mit dem Dietzenbacher Boxclub. Christoph Martin ist dort Pate für diverse Projekte mit Jugendlichen. In der Vergangenheit bot Martin den jungen Boxern Firmenführungen als Berufsorientierung an. Mit Erfolg: Ein junger Mann absolvierte ein Praktikum, dann eine Ausbildung zum Maschinen- und Anlagenführer bei Martin. Der Boxclub agiert nach dem Prinzip „ohne Fleiß, keinen Preis“: Erst wenn die Jugendlichen ihre Hausaufgaben erledigt haben, dürfen sie in den Ring. Das strenge System sieht Martin als Vorbereitung auf das spätere Arbeitsleben. „Wenn du ein guter Sportler bist, hast du auch den Willen zu arbeiten“, sagt er.

In der Zukunft will sich der Geschäftsführer vermehrt auf die Luftfahrt konzentrieren. „Wir wollen weiter wachsen“, kündigt er an. Christoph Martin will noch mehr Werkstatthallen bauen. Platz genug wäre jedenfalls vorhanden auf dem Gelände.

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