Eine wohlüberlegte Bauchentscheidung

Dietzenbacher Reiner Wagner feiert Zehnjähriges mit seinem Theater Schöne Aussichten

Zehn Jahre Wohnzimmertheater: Reiner Wagner mit dem Tigerteppich aus „Dinner for one“.
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Zehn Jahre Wohnzimmertheater: Reiner Wagner mit dem Tigerteppich aus „Dinner for one“.

Es wäre sicher spannend gewesen, einen buchstäblichen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Zu sehen, wie winzig die Garderobe ist, wie bescheiden der Bühnenaufbau – und wie rustikal das gesamte Ambiente.

Dietzenbach – Nicht nur Dietzenbacher schätzen das „Theater Schöne Aussichten“ (Thesa), das sich seit 2013 am Harmonieplatz in der Schäfergasse 22 befindet. Das selbstbetitelte Wohnzimmertheater lockt Besucher aus dem ganzen Umkreis an, die sich auf Theaterstücke, Quizabende, Musik und Kabarett freuen. Wegen der nun wieder verschärften Coronamaßnahmen hat Reiner Wagner darauf verzichtet, sein zehnjähriges Bestehen zu feiern. Aus einer Dekade Theaterführung und 14 Jahren Spielerfahrung hat er dennoch einiges zu berichten.

Eines nimmt der 65-Jährige vorweg: „Ich habe es nie bereut, das Theater eröffnet zu haben.“ Bevor Wagner seine Liebe zum Schauspiel entdeckt hat, war er im Capitol Dietzenbach für die Öffentlichkeitsarbeit und Veranstaltungsplanung von Kleinkunst und Musik verantwortlich. Ein sicherer Job hinter dem Vorhang, aber die Leidenschaft lag davor. Im Äppelwoi-Theater in Bad Homburg und Neu-Isenburg machte der Schauspieler 2006 seine ersten wertvollen Erfahrungen, die er als seine „Lehrjahre“ bezeichnet. Daneben spielte er zusammen mit Judith Beier in ihrem „Theater im Lädchen“ an der Bahnhofstraße, vorerst als Hobby.

2013 geht‘s vom „Bersch“ in die Schäfergasse

2010 war es der Hinweis eines Freundes, der den Schauspieler buchstäblich aufsteigen ließ: Im Gebäude der TG Dietzenbach war ein Saal frei. Der idyllische Blick vom Wingertsberg hinab gab dem Kind einen Namen: Im Oktober 2010 war das Theater „Schöne Aussichten“ geboren.

Mit der Theatereröffnung trennte sich Wagner nun auch von dem sicheren Job bei der Stadt. Eine wohlüberlegte Bauchentscheidung. In sich trug der damals 55-Jährige schon das Konzept des Wohnzimmertheaters – mit Großmutters Einrichtung, keiner klassischen Reihenbestuhlung und der Nähe zum Publikum. Schon am Anfang ahnte er aber, dass er nicht „auf dem Bersch“ bleiben würde. Der Schauspieler erinnert sich: „Der neue Pächter des Restaurants hatte andere Vorstellungen für den Theatersaal.“ In einem Gespräch mit Axel Schäfer, dessen Schwiegerfamilie Schickedanz gerade die Gaststätte Harmonie verkauft hatten, erfuhr Wagner, dass in der Schäfergasse das alte „Palmhaus“ neben dem Wirtshaus noch freistand. Dort, wo früher Supermärkte, Vereine und Spielkreise untergebracht waren, eröffnete Wagner schließlich im März 2013 das Theater neu. Vielleicht ein wenig schicksalsgelenkt, denn in den angrenzenden Speyergärten verbrachte der Dietzenbacher seine Kindheit und Jugend. „Sechs Wochen lang haben wir renoviert“, erzählt Wagner.

Reiner Wagner: „Man macht aus jedem Stück etwas eigenes“

Kabarett und Satire, Drama und Komödie, die Figuren Karl und Berta, die „Kindsköpp“ als Nachwuchsensemble. Selbst Tanzveranstaltungen zur Fastnacht und Kerb. „Das Thesa ist mehr, es ist anders und genauso gut, wie es ist“, findet Wagner. Etwas Größeres wolle er nicht. Das Heimelige und die Nähe zum Publikum ist das, was der Schauspieler so genießt. Sogar das Rustical „De Bersch ruft“ (2017) und das Singspiel „Im weißen Rössl am Bieberbach“ (2019) hat das Ensemble inklusive Livemusik thesatauglich gemacht – mit einer guten Portion Lokalkolorit. „Man macht aus jedem Stück etwas eigenes“, beschreibt Wagner, der auch Regie führt. Seinen Einstand auf der neuen Bühne feierte er mit „Tratschgeschwätz im Stiegenhaus“, was das Ensemble gleich 38 Mal aufgeführt hat. „Und dann ging es richtig rund.“ Auch „open air“ war Wagner regelmäßig zu sehen, etwa beim Kulturfestival im Eckertschen Hof (Darmstädter Straße) oder direkt vorm Theatereingang zur Nacht der Lichter, zumindest vor der Pandemie.

Als „Privileg“ bezeichnet Wagner, „Dinner for one“ gespielt zu haben. „Das war wirklich ganz, ganz nah am Original.“ Eine Leistung, auf die der 65-Jährige stolz ist. Anfang des kommenden Jahres will er Miss Sophie und Butler James abermals „the same procedure“ auf der Bühne erleben lassen. Auch „Die Geschichte vom Brander Kaspar“ steht für das kommende Frühjahr in Aussicht. „Es geht weiter, auch mit Corona“, verspricht Axel Schäfer, Vorsitzender des Fördervereins „Kultur im Thesa“, der sich im April 2019 gegründet hat. Die nächste Anschaffung ist ein Luftfilter. Damit den Nachholterminen von „Männerschnupfen“ und dem Zehnjährigen nichts mehr im Wege steht. (Lisa Schmedemann)

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