Einstige Kriegsgefangene Kurt Geibel berichtet

Menschlichkeit der Feinde erleben

Dietzenbach - Die Engel, die Kurt Geibel während seiner jahrelangen Gefangenschaft kennenlernen durfte, wird der 90-Jährige wohl nie vergessen. Von Barbara Scholze 

Er war der „Prisoner of War“ mit der Nummer 52387. Gerade 20 Jahre alt, erlebte Kurt Geibel nach dem Zweiten Weltkrieg die Kriegsgefangenschaft in England. Im Frühjahr 1945 wurde er im Lager Glen Mill in Oldham interniert. Fast 18 Monate blieb er dort, weitere zehn Lager musste er durchlaufen, bis er, nach insgesamt vier Jahren, endlich wieder nach Hause durfte. Viel Grauen und Schrecken hat er während des Krieges und auch danach erlebt. Geblieben sind dem heute 90-Jährigen aber immer die guten Ereignisse, die Menschlichkeit, die er auch im „Feindesland“ so reich erfahren durfte. Zeitzeugen berichteten oft nur von ihren grauenvollen Erlebnissen, sagt Geibel. „Ich möchte aber davon erzählen, dass auch menschliche Zuneigung möglich war.“

Es sei mehr als „Verzeihen“ gewesen, was sich in den Jahren nach dem Krieg abgespielt habe. „Wir mussten erst die Schwelle zum Frieden überschreiten, sodass aus Todfeinden Partner und sogar Freunde werden konnten.“ Trotz des Fraternisierungsverbotes hat der Dietzenbacher Freundlichkeit und Unterstützung erfahren. Gewachsen sind daraus letztendlich Freundschaften fürs Leben. Etwa zu Mrs Blagbrough, einer Quäkerin, die sich im Lager Glen Mill intensiv für die Gefangenen einsetzte. „Eine außergewöhnliche Frau, man nannte sie Angel of Glen Mill“, erzählt Geibel. Blagbrough gehörte der Initiative „Save Europe now“ an, die sich unter anderem für eine gerechtere Behandlung Deutschlands einsetzte. Als ihr Geibel als einer der Jüngsten unter den Gefangenen auffiel, schloss sie ihn sogleich ins Herz. „Immer, wenn es vonnöten oder möglich war, gewährte sie mir ihre Hilfe“, erinnert sich der ehemalige Kriegsgefangene. So schrieb Blagbrough auch Briefe an die Eltern des jungen Mannes, um sie über sein Schicksal auf dem Laufenden zu halten. Indes entging das der Lagerführung nicht. Kurzum wurde Kurt Geibel in ein anderes Lager in Kent versetzt.

Noch in Oldham begegnete der junge Gefangene einem weiteren „Engel“. Die kleine Pat Rennie, damals sieben Jahre alt, und ihre Großmutter, Mrs Walsh, kamen oft vorbei und beobachteten Kurt bei seiner Arbeit, wenn er Tee und Verpflegung für die Arbeiter auf den Gefangenen-Baustellen besorgen musste. „Meine ersten Worte Englisch habe ich von dem Kind gelernt“, erinnert er sich. Um sich zu revanchieren, reparierte er mehrfach Pats Roller.

Aufgefrischt hat er all seine Verbindungen im Jahr 1988, als er zum ersten Mal nach dem Krieg wieder nach England reiste. Unter anderem traf er dabei auch Pat, die nun Patricia Rennie hieß, verheiratet war und drei Kinder hatte. „Nach mehr als 40 Jahren kommt ein ehemaliger Kriegsgefangener zurück nach Oldham“, titelte die örtliche Zeitung. All seine Erlebnisse hat Kurt Geibel sorgsam aufgeschrieben, unzählige Briefe hat er gesammelt, Fotos und Zeitungsartikel dazu gestellt. Entstanden ist so eine beeindruckende Dokumentation über Fürsorge und Barmherzigkeit. „Wie ein deutscher Kriegsgefangener in England die Menschlichkeit seiner ,Feinde’ erlebte“, hat er sie genannt.

Rubriklistenbild: © dpa

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