Beratungszentrum Mitte stellt Jahresbericht vor / Mehr Fälle als im Vorjahr

Emotionaler Stress und einsame Tage

Die Beratungszentrum-Mitte-Leiterin Lilya Ramme-Traczyk (links) berät eine Klientin (nachgestellte Szene).
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DieBeratungszentrum-Mitte-Leiterin Lilya Ramme-Traczyk (links) berät eine Klientin (nachgestellte Szene).

Gerade auch Menschen, die andere unterstützen, müssen in Zeiten der Pandemie besonders flexibel und kreativ sein. So etwa das Team des Beratungszentrums Mitte. Das multiprofessionelle Zentrum in Trägerschaft des Diakonischen Werkes Offenbach-Dreieich-Rodgau verzichtete im vergangenen Jahr nicht nur auf eine Feier zum 15. Geburtstag. Die Mitarbeiter ließen sich auch viel einfallen, um ihren Konsultationen weiterhin nachgehen zu können.

Dietzenbach – Die Mentoren und Ratgeber stehen Eltern, Kindern und Jugendlichen mit Problemstellungen zur Seite, begleiten Menschen, die in Schulden oder gar einer Insolvenz feststecken, helfen Zuwanderern und Schwangeren, sorgen für einen begleiteten Umgang bei Kindern, deren Eltern getrennt sind, und bieten Anti-Gewalttraining für Männer und Beratung für Frauen bei häuslicher Gewalt. Dazu kommen Schulsozialarbeit und eine allgemeine Ehe-, Familien- und Lebensberatung. Neu ist der Bereich „Asyl- und Aufenthaltsrecht“.

Fehlende menschliche Nähe im Vordergrund

In all diesen Fachbereichen zählt der Jahresbericht zum vergangenen Jahr Probleme auf, die zuvor in der Weise keine Rolle spielten: Räumliche Enge, Homeoffice, Kinder, die nicht in die Kita dürfen und Kinder, die Zuhause unterrichtet werden müssen. Lilya Ramme-Traczyk, die Leiterin des Beratungszentrums Mitte erläutert: „Jeder, der schon mal mit den eigenen Kindern für Klassenarbeiten gelernt hat, weiß, wie ungeeignet Eltern manchmal als Hilfslehrer sind.“

Wie bei den Jüngeren auch, habe bei den älteren Ratsuchenden vor allem die fehlende menschliche Nähe im Vordergrund gestanden. Dazu komme die Sorge um die eigene Gesundheit und die der Angehörigen. Altersübergreifend ging es um finanzielle und existenzielle Probleme. „Wir mussten uns auch als Team mit der eigenen Unsicherheit auseinandersetzen und gleichzeitig unser Angebot anpassen“, beschreibt Ramme-Traczyk anfängliche Probleme. So sei die Beratung per Telefon eine erste Maßnahme gewesen. Jedoch: „Die Reduzierung auf eine Sinneswahrnehmung nimmt der Beratung viele Eindrücke, die ansonsten das Gesagte ergänzen.“ Später seien dann zwar Videoberatungen dazu gekommen, dennoch sei die Zeit schwierig gewesen, in der das Beratungszentrum zum ersten Mal in seiner Geschichte keine persönlichen Termine anbieten konnte. Eine Alternative habe etwa das Projekt „Walk und Talk“ geboten, mit Beratungsgesprächen während Spaziergängen. So habe die Beratung auch im Rahmen der Corona-Pandemie eine große Rolle gespielt. Dabei hätten an der ein oder anderen Stelle die Herausforderungen bei aller Anstrengung und Verunsicherung sogar einen „Schub“ ermöglicht und damit das Angebot erweitert.

„Die fehlenden sozialen Kontakte waren für viele Jugendliche ein Problem“

2035 Fälle standen im vergangenen Jahr an. „Das sind fast 20 Prozent mehr als im Vorjahr“, heißt es in dem Bericht. Allein in der allgemeinen Beratung für Eltern, Kinder und Jugendliche wurden 336 Neuzugänge verzeichnet. Rund 40 Prozent der Ratsuchenden kamen dabei aus Dietzenbach, etwas mehr als 20 Prozent aus Obertshausen. Auf einen Termin warten müssen die Ratsuchenden rund zwei Wochen. Grundsätzlich stellte das Team im Vergleich zu den Vorjahren erhöhten emotionalen Stress fest. Manche Schüler seien in eine Depression gefallen, sodass sie nicht mehr zur Schule gingen und auch mit Homeschooling nicht zu erreichen waren. „Die fehlenden sozialen Kontakte waren für viele Jugendliche ein Problem, der Tag schien ohne Sport- und Freizeitaktivitäten lang und einsam“, heißt es. Neue Entwicklungen habe es auch beim Umgang mit Kindern von getrennt lebenden Eltern während der Corona-Zeit gegeben. „So weigerte sich ein Vater, das Kind nach dem Wochenende zur Mutter zurückzulassen, aus Angst, es könne sich woanders infizieren und dann auch ihn als Risikopatienten anstecken.“

Ebenso wirbelte das Virus die Schulsozialarbeit durcheinander. „Wenn Kinder nicht zur Schule kommen dürfen, ist der persönliche Kontakt zu den Mitarbeitern nur schwer möglich“, heißt es in dem Bericht. Aber auch da handelte das Team, erweiterte die Präsenz in den sozialen Medien und erstellte Instagram-Profile, etwa mit einem Podcast zum Thema „Prüfungsangst“. Entsprechend bedankt sich Lilya Ramme-Traczyk ausdrücklich für die Bereitschaft aller, „von jetzt auf gleich neue Wege zu gehen“. (Barbara Scholze)

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