„Lage wird zunehmend schwieriger“

Dietzenbach bewirbt sich erneut für „Soziale Stadt“

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Die Großwohnanlage an der Robert-Koch-Straße gehört zum Quartier Süd-Ost.

Dietzenbach - Nach zehn plus drei Jahren „Soziale Stadt“ im Spessartviertel erwägt die Verwaltung nun eine erneute Bewerbung für das Förderprogramm des Landes. Diesmal allerdings für das Quartier Süd-Ost, wo die soziale Lage zunehmend schwieriger wird. Von Ronny Paul 

Die Nassauische Heimstätte hat dazu im Ausschuss für Soziales, Kultur und Integration ein Konzept vorgestellt. Der Fachbereich 50, Soziale Dienste, stuft die Entwicklung im Stadtteil Süd-Ost als bedenklich ein, heißt es in einem Statusbericht, der den Stadtverordneten vorliegt. Als Süd-Ost wird das Quartier rund um die Großwohnanlagen an der Robert-Koch-Straße sowie entlang der Messenhäuser- und Max-Planck-Straße bezeichnet. „Dort ist die Bewohnerstruktur zunehmend instabil und unübersichtlich, neue Gruppen von Ankömmlingen aus Osteuropa, Marokkanern aus Spanien sowie Pakistanis aus Italien und andere sind oftmals ohne soziale Absicherung und Einbindung.“ Weiter heißt es, es gebe eine fortwährende Zunahme der Bewohnerschaft bei gleichbleibendem Wohnraum – Stichwort: Überbelegung. Die Bevölkerungszahl ist dort laut Erstem Stadtrat Dieter Lang in den vergangenen zehn Jahren von etwa 690 auf rund 950 Bewohner gestiegen – darunter ein hoher männlicher Anteil im Erwerbsalter zwischen 18 und 45 Jahren ohne Familie vor Ort.

Peter Amrein, Fachbereichsleiter Soziale Dienste, sagte im Ausschuss für Soziales, Kultur und Integration: „Wir beobachten, dass die Lage dort zunehmend schwieriger wird.“ Das strahlt auch bis in die Altstadt. Die Kita I, Friedensstraße, und die Dietrich-Bonhoeffer-Schule (DBS) bekommen das zu spüren. Im Ausschuss meldeten sich drei Elternvertreter zu Wort und schilderten die Zustände an der Grundschule: Man habe enorme Probleme, die Kinder nicht nur räumlich unterzubringen, sondern auch fachlich zu begleiten. Die Intensivklassen seien absolut am Limit, manche Klassen müssten teils im Keller beschult werden. Kinder, die noch nicht richtig Deutsch sprechen, würden aus Kapazitätsgründen vorschnell in die Regelklassen gesteckt. Das sei frustrierend und „unterm Strich leiden alle Kinder darunter“, so der Tenor der Eltern. Amrein betonte, neben dem Ziel, den ungesteuerten Zuzug in dem Quartier zu stoppen, sei es notwendig, die Probleme an der DBS anzugehen. Er machte ebenso deutlich, dass eine konzertierte Aktion nötig sei, um die Entwicklung dort aufzuhalten.

Daher stellte Jan Thielmann, Projektleiter für integrierte Stadtentwicklung bei der Nassauischen Heimstätte, im Ausschuss vor, was das Förderprogramm Soziale Stadt für das Quartier bewirken könne. Zunächst berichtete Thielmann, der auch schon das Projekt im Spessartviertel begleitet hat und sich somit bestens in der Kreisstadt auskennt, dass das Land Hessen einer Aufnahme Dietzenbachs positiv gegenüber stehe. Es gehe um die soziale Aufwertung des gesamten Stadtquartiers und darum, einer Negativ-Spirale und einem Imageverlust für die Kreisstadt entgegenzuwirken. Dafür verschaffe das Städtebauförderprogramm den erforderlichen Handlungsspielraum und erzeuge Synergien. Dazu zählen etwa die Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur. Thielmann nannte etwa die Neugestaltung der Übergänge zur S-Bahnstation und Richtung Altstadt sowie die Umgestaltung und Aufwertung der Straßen als mögliche Vorhaben. Auch die Gestaltung von Freiflächen, etwa am Gehrengraben oder im Umfeld der Großwohnanlagen, und die Verlagerung von Betrieben gehören zum möglichen Förderkorridor.

Zentraler Aspekt ist, neben der Kriminalprävention und Sicherheit, die Modernisierung und Instandsetzung von Gebäuden. Dazu, sagte Erster Stadtrat Dieter Lang, habe es bereits Gespräche mit dem Besitzer der Großwohnanlagen an der Robert-Koch-Straße, Robert Richter, gegeben. Dieser habe eine Absichtserklärung unterzeichnet und das von der Stadt vorgelegte Finanzierungsszenario befürwortet. Im von Thielmann vorgestellten Entwurf würde Richter rund zwei Millionen Euro in zehn Jahren in die Gebäude investieren.

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Insgesamt würde das Förderprogramm zehn Millionen Euro Investitionen für die Kreisstadt bringen. Nicht klar ist bislang, wie hoch der Eigenanteil wäre, den die Stadt zu tragen habe. Das wollten einige Ausschussmitglieder wissen. Thielmann sprach von zehn bis 20 Prozent Eigenanteil, sagte allerdings auch: „Das finanzielle Volumen ist offen.“ Weiteres Fördergeld kommt von Land und Bund. Anträge für geplante Investitionen müssten allerdings jedes Jahr neu gestellt werden, betonte Lang, der darauf hinwies, dass es für die Bewerbung allerdings zunächst grünes Licht vonseiten der Stadtverordneten brauche. Eine Abstimmung ist für die Sitzung am 23. März angedacht, damit sie fristgerecht im April in Wiesbaden ankommt. Mit einem Aufnahmebescheid sei im vierten Quartal zu rechnen.

Seit 1999 wurden in Hessen insgesamt 67 Standorte gefördert, darunter das „Östliche Spessartviertel“ (1999 bis 2009 plus drei Jahre Verstetigungsphase). Im vergangenen Jahr standen für das Bund-Länder-Programm in Hessen rund 28 Millionen Euro zur Verfügung. Für das laufende hat das zuständige Ministerium für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz noch keine Bestätigung seitens des Bundes über die finanziellen Mittel, die zur Verfügung stehen, erhalten, heißt es auf Nachfrage aus Wiesbaden.

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