Noch viele freie Betten

Erste Flüchtlinge ziehen in Gemeinschaftsunterkunft des Kreises

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Später als ursprünglich geplant: In die Gemeinschaftsunterkunft des Kreises an der Paul-Brass-Straße sind inzwischen Geflüchtete eingezogen. Insgesamt ist Platz für 120 Menschen.

Dietzenbach – Rund zwei Jahre, nachdem das Haus der Integration an der Justus-von-Liebig-Straße für viele Flüchtlinge ein neues Zuhause wurde, sind nun in Schlagdistanz die ersten Menschen in die Gemeinschaftsunterkunft an der Paul-Brass-Straße eingezogen. Von Christian Wachter

Und das deutlich später, als man ursprünglich gedacht hatte. Den eigentlich sollte der Bau, für den der Kreis Offenbach zuständig ist, ja schon 2016 bezugsfertig sein. Das verhinderte die Insolvenz des Generalunternehmers.

Anlaufschwierigkeiten, so ist auf Nachfrage beim Kreis zu erfahren, habe es nicht gegeben. Generell baue man auch auf die in vielen Jahrzehnten gesammelten Erfahrungen in anderen Gemeinschaftsunterkünften und sei „sozial verträglich“ bei der Belegung. Die Betreuung übernimmt die Arbeiterwohlfahrt (Awo), wie sich die Bewohnerzahlen langfristig entwickeln, kann man beim Kreis noch nicht prognostizieren. „Donnerstags teilt uns das Regierungspräsidium mit, wer am Montag kommt, das ist das übliche Prozedere.“ Platz wäre für 120 Menschen, verteilt auf 61 Zimmer, darunter acht Familien- und 45 Doppelzimmer.

Die Einrichtung, so beschreibt es Gerd Wendtland von der Flüchtlingshilfe, sei noch „spartanisch“, die Zimmer eng. „Es gibt Betten, Matratzen, Handtücher, Pfannen und Töpfe, viel mehr nicht.“ Für Duschvorhänge etwa habe man selbst gesorgt, außerdem hat man Willkommenspakete geschnürt, mit Apfelsinen zum Beispiel, aber auch Spülmittel und Ähnlichem. Die Vorhänge spart man laut Angaben des Kreises aus hygienischen Gründen aus. Ansonsten sei laut Wendtland aber auch viel in Ordnung bei der Ausstattung, Küchen, Waschmaschinen und Trockner vorhanden. Allerdings sehe es auf der Außenanlage noch nicht sonderlich einladend aus, „auch wenn der Hausmeister sehr bemüht ist“. Im Frühjahr, teilt der Kreis mit, geht es los mit den Pflanzenarbeiten.

Zwischen 25 und 30 Geflüchtete, aus Syrien, Somalia, Eritrea, Afghanistan oder der Türkei zum Beispiel, sind bislang eingezogen, manche haben zuvor schon in anderen Unterkünften im Kreis gewohnt, andere in Gießen. Wenig überraschend falle Letzteren die Umgewöhnung schwerer, sagt Wendtland, „sie haben meist keine Bekannten hier“.

Bei dem, was alles so anfällt, sieht er die Mitarbeiter der Awo extrem gefordert, die Betreuung dadurch „aufs Notwendigste beschränkt“. Mit der Bürokratie werde es allerdings nicht einfacher, gerade wenn die Flüchtlinge schon anerkannt sind, damit unter das SGB II fallen und die entsprechenden Anträge ausfüllen müssen. Dabei unterstützt die Flüchtlingshilfe zum Beispiel eine fünfköpfiger türkische Familie, begleitet sie auch zum Schulamt. Der Kreis wiederum betont, dass man bei der Betreuung mit einem Verteilungsschlüssel von eins zu 100 besser aufgestellt sei als viele andere.

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Wie viele seiner Mitstreiter im Kreis äußert Wendtland Unverständnis darüber, dass jene, die erwerbstätig sind, bis zu 375 Euro, abgestuft nach Einkommen, bezahlen – pro Bett, nicht pro Zimmer. „Das wird als Nutzungsgebühr bezeichnet, nicht als Miete, sonst müsste man ja auch von Wucher sprechen.“

Mit den Ansprüchen der Geflüchteten haben sich inzwischen auch die Anforderungen an die Ehrenamtler geändert, berichtet Wendtland. „Es geht weniger um die Freizeitgestaltung.“ Vielmehr befasse man sich nun etwa mit der Suche nach Ausbildungsplätzen oder eben jenen Behördengängen. „Das wird eher mit persönlichen Patenschaften geregelt, es gibt mehr Einzelbetreuung.“

Personell sei man weit davon entfernt, mehr Helfer als Flüchtlinge zu haben. Die Geflüchteten „sind nach zwei Jahren auf sich gestellt, werden aus der Betreuung herausgenommen, ein Integrationsprozess ist aber nicht nach zwei Jahren abgeschlossen, das sind extreme Ausnahmen.“ Derzeit habe man rund 60 Mitglieder im 2017 gegründeten Verein und kann auf 200 Mitwirkende zählen, die mit unterschiedlichem Engagement mitmachen. „Wir sind auch über temporäre Hilfe dankbar, wenn die Gemeinschaftsunterkunft erst gefüllt ist, kommen wir an unsere Grenzen.“ Felder, auf denen sich Engagierte einbringen können, weiß Wendtland viele zu nennen. So würde man gerne PC-Kurse inklusive der nötigen Technik oder Mathestunden anbieten können.

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