Unterwegs mit Pietät Familie Wurm

Seit sechs Generationen im Geschäft mit dem Tod

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Dietzenbach - Das Geschäft mit dem Tod stirbt nie. Seit 175 Jahren ist die Pietät der Familie Wurm in Dietzenbach ansässig, ist damit eines der ältesten Unternehmen und eine Konstante in der Stadt. Wir haben sie einen Tag lang bei ihrer Arbeit begleitet. Von Carolin Henneberg 

Behutsam legt Daniel Sponagel die Hände des Verstorbenen ineinander, sodass sie wie zum Gebet gefaltet über der weißen Decke liegen. Er glättet die Haare mit einem kleinen Kamm. Julian Wurm hievt den schweren Holzdeckel hoch, schließt damit den hellbraunen Kiefernsarg. Während die Pathologin im Offenbacher Sana-Klinikum den Namen des Verstorbenen mit einem kleinen Schwamm von der Tafel wischt, unterschreibt der 34-jährige Sponagel die Papiere. Ein ganz normaler Ablauf im Leben eines Bestatters, denn die Brüder sind Teil der Dietzenbacher „Pietät am Friedhof St. Wendel“.

Der Familienbetrieb kümmert sich seit 175 Jahren um die Verstorbenen der Stadt.

Seit acht Jahren ist Sponagel im Familienunternehmen tätig: „Ich wollte eigentlich nur vorübergehend aushelfen, bin dann aber ganz geblieben“, sagt der gelernte Industriekaufmann und fügt lachend hinzu: „Es ist schön, mit der Familie zu arbeiten, auch wenn ich das früher nicht gedacht hätte.“ Sein jüngerer Bruder Julian Wurm (28) studiert Wirtschaftsingenieurwesen, ist bei den Fahrten aber seit bald zwei Jahren regelmäßig dabei: „Jeder von uns hat seine Aufgabe.“ Und das ist schon seit sechs Generationen so. Gegründet wurde der einstige Tischlerbetrieb 1840. Damals – und bis in die Zeit nach den Weltkriegen hinein – bauten Wurms die Särge sogar noch selbst.

Während Sponagel zur Krankenhausverwaltung geht, um die Abwicklung zu übernehmen, kümmert sich Wurm um den zweiten Verstorbenen. Als die Pathologin die Tür zum Kühlhaus öffnet, um die Bahre herauszuziehen, wird es kalt in dem Raum, in den Katakomben des Klinikums. Zwei stille Passagiere begleiten die beiden nun auf ihrem Weg durch den Offenbacher Stadtverkehr weiter zum Standesamt. Termin ist um 11 Uhr, es ist halb. Das Timing stimmt. „Auch wenn jemand in Dietzenbach verstirbt, müssen wir mit den Papieren nach Offenbach, denn dort sitzt das zuständige Amt“, erklärt Sponagel.

Ihr Leichenwagen fällt auf, sticht aus der Masse heraus. Denn anders als bei den meisten Bestattern ist ihr Wagen weiß. Geschäftsführer Andreas Wurm kam vor 13 Jahren auf die Idee mit dem Klischee des schwarz gekleideten Totengräbers und der dunklen Limousine zu brechen. „Ein Todesfall ist schon traurig genug, da müssen wir es nicht noch schlimmer machen“, sagt der 55-jährige Tischlermeister. Er ist auch derjenige, der für die Gespräche mit den Hinterbliebenen zuständig ist. „Trauer ist in unserem Beruf ein ständiger Begleiter, auch ich muss in manchen Situationen noch schlucken, wir sind ja schließlich auch nur Menschen.“ Auch wenn es oft schwer sei, den richtigen Grad zu finden, sei es stets sein Ziel, den Menschen auch in der traurigsten Stunde irgendwie ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern.

Thanatopraktiker balsamieren Tote ein

Erst nachdem mit den Angehörigen alles geklärt ist – etwa die Frage nach der Art der Bestattung und die Auswahl des Sarges – ist die jüngste Generation am Zuge. Die beiden Brüder Daniel und Julian erledigen neben dem Transport auch die Bürokratie. Und davon gibt es nicht gerade wenig. Mit dem vom Arzt ausgefüllten Leichenschauschein, dem Personalausweis des Verstorbenen sowie der Geburts- oder Heiratsurkunde müssen sie sich auf dem Standesamt melden. „Wir nehmen den Angehörigen diese ganze bürokratische Arbeit ab“, sagt Sponagel, „während sie trauern, sollen sie sich nicht auch noch mit solchen Dingen herumschlagen müssen“. Die Trauer können sie den Hinterbliebenen nicht abnehmen, die Arbeit aber schon.

Die Dame im Amt erwartet die beiden. Sie tauschen Dokumente aus, kontrollieren alles immer wieder. „Hier darf natürlich nichts verwechselt werden“, sagt Wurm. Alle Papiere sind da, die Daten korrekt. Die Dame händigt die Sterbeurkunden aus, die etwa zum Abmelden bei Kranken- und Rentenkasse nötig sind. Fünf Stück für 30 Euro, Bürokratie hat ihren Preis.

Weiter geht’s zum Krematorium nach Obertshausen. Über 90 Prozent der Dietzenbacher Kunden wählen mittlerweile die Einäscherung als Bestattungsart. „So entfällt oft die Grabpflege“, sagt Wurm. „In vielen Fällen wohnen etwa die Kinder nicht mehr in der Heimatstadt, können sich demnach auch nicht immer darum kümmern.“ Doch auch die Naturbestattung in Urnen an Plätzen wie dem Friedwald in Dietzenbach wird gut angenommen, „rund 40 Menschen aus der Kreisstadt haben wir seit dem einjährigen Bestehen dort beigesetzt“, weiß Sponagel, der einmal Geschäftsführer der Pietät werden soll.

Auf der Fahrt unterhalten sie sich. Über Sport. Fußball, Handball. Über ganz normale Dinge eben, wenn man mit seinem Bruder zusammenarbeitet und viel unterwegs ist. Der Umgang mit dem Tod habe ihm nie Unbehagen bereitet, sagt der 28-jährige Student, „ich bin damit aufgewachsen. Das Thema war bei uns immer alltäglich“. Ähnlich sieht es auch sein Bruder: „Sterben gehört zum Leben einfach dazu: Der eine muss früher gehen, der andere später, mal ist es dramatischer, aber es gehört dazu.“ Sie seien keinesfalls abgestumpft, doch müsse sich auch ein Bestatter den Abstand zu seinem Beruf bewahren, um routiniert an die Arbeit gehen zu können.

Engel und Mausoleum: Unterwegs auf dem Alten Friedhof

Im Krematorium angekommen, laden sie ihre stillen Mitfahrer aus, rollen die Särge in ein Zimmer gleich am Eingang. Die beiden Verstorbenen haben sich zu Lebzeiten für das Verbrennen entschieden. Wieder heißt es Dokumente abgleichen. Ein grüner Punkt wird auf den Sarg geklebt. Der bedeutet: Alles abgeklärt, bereit zum Einäschern. „Oft werden wir gefragt, ob der Sarg überhaupt notwendig ist, wenn der Verstorbene verbrannt werden soll“, erzählt Sponagel. „Er ist es deshalb, weil er aus brennbarem Material, nämlich Holz, besteht. Und das ist nötig für den Vorgang des Kremierens.“ Um diesen weiter anzutreiben, werden auch die weißen Kissen in den Särgen mit Zeitungsschnipseln ausgestopft. „Früher, als die Schreinerei noch in Betrieb war, haben wir auch Sägespäne genommen“, erklärt der 34-Jährige.

Jetzt dauert es acht bis zehn Tage, bis die Aschereste für die Trauerfeier zur Verfügung stehen. „Manche entscheiden sich allerdings auch dafür, die Trauerfeier schon vorher abzuhalten“, sagt Sponagel. Die beiden Verblichenen aus dem Sana-Klinikum bleiben im Krematorium. Stattdessen treten zwei Urnenkapseln aus vergänglichem Material im Leichenwagen die Heimreise zu ihren Hinterbliebenen an. Darin befindet sich die Asche zweier Menschen, die von den Brüdern vor einigen Tagen zum Kremieren gebracht worden sind.

Im Büro der Pietät angekommen, geht’s auch gleich weiter mit dem Papierkram: „Wir müssen die Verstorbenen jetzt überall abmelden“, sagt Sponagel. Zuhause wartet auch Großvater Willi Wurm. Der 80-Jährige übernahm die Firma in vierter Generation, erinnert sich noch gut an die Nachkriegszeit und wie dann in den 1950er Jahren das erste Automobil das Pferdegespann ablöste. „Ein Handwerksbetrieb ist immer mit einem hohen Zeitaufwand verbunden, deswegen finde ich es super, dass die Jungs das Unternehmen weiterführen“, sagt Wurm.

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