„Faustlos“ mit Ärger umgehen

+
Erste Begegnung mit dem wilden Willi und dem ruhigen Schneck: Interessiert verfolgen die sechsjährige Inasse (links) und die fünfjährige Yeliz, wie Erzieherin Birgit Reuter die Puppen vorstellt, die als Haupttransporteure der Lerninhalte dienen.

Dietzenbach ‐ Entwicklungspsychologische Orientierung, Intervention, Empathie, Impulskontrolle, Curriculum – braucht man alles nicht, um Gewalt zu verhindern, ehe sie entsteht. Zumindest nicht als Worte. Von Barbara Hoven

Aber den wilden Willi und den ruhigen Schneck, die braucht man unbedingt. Die Handpuppen, ein Hund und, klar, eine Schnecke, beschützen die, denen sie etwas über den friedlichen Umgang miteinander beibringen sollen, vor all den abschreckenden Begriffen aus den Schulungsunterlagen für „Faustlos“. Kindergartenkinder würden bestenfalls große Augen und dann ganz schnell etwas Spannenderes machen, wenn man ihnen von einem „evaluierten und theoretisch fundierten Programm zur Förderung sozial-emotionaler Kompetenzen und zur Gewaltprävention“ erzählen würde. Das ist auch dem Heidelberger Präventionszentrum klar, das „Faustlos“ entwickelt hat.

Folgerichtig saßen am Montag erstmal 18 Erzieherinnen aus den drei Spessartviertel-Kitas im so genannten „Innenohr“ – Kita VII, IX und XII – mit der vom Zentrum beauftragten Pädagogin Karina Krenz zusammen, um sich in Sachen kindgerecht verpackter Gewaltprävention schulen zu lassen. Und am Dienstag lernten in der Kita IX im ersten Praxistest fünf Kinder der Mäusegruppe die zwei Neuen kennen, die nun mindestens einmal die Woche zu Besuch kommen: Willi und Schneck.

Grundgedanken in den Kita-Alltag integrieren

Die sollen künftig helfen, Kindern spielerisch den richtigen Umgang mit Ärger und Wut beizubringen und sie stark zu machen, ohne dass sie ihre Fäuste gebrauchen müssen. Barbara Spahn-Nessel, Leiterin der Kita IX in der Rodgaustraße, weiß, wie wichtig es ist, schon früh der Gewaltbereitschaft unter Kindern entgegenzuwirken. Und sie erklärt das an Beispielen aus dem Kita-Alltag. „Wenn wir mit einer Kita-Gruppe zum Beispiel in die Stadtbücherei gehen wollen, dauert es oft eine Weile, bis alle fertig sind. Manche trödeln, während andere schon herumstehen, ungeduldig warten und anfangen zu schubsen. Wie verhält man sich dann?“ Lektion eins am Dienstag: Beruhigen und Nachdenken. Wenn Willi sich aufregt, wild wird also, dann mahnt Schneck zur Ruhe.

Das und vieles mehr sollen die drei- bis sechsjährigen Kita-Kinder nicht nur in den einmal wöchentlich geplanten „Faustlos“-Lehreinheiten erfahren. Die Grundgedanken des Programms sollen immer wieder in den Kita-Alltag integriert werden.

Dazu seien die Handpuppen eine wichtige Unterstützung, betont Erzieherin Birgit Reuter, die am Dienstag die Faustlos-Premiere mit fünf Kindern über die Bühne brachte. „Gerade wenn Kinder ihre Gefühle ausdrücken sollen, fällt ihnen das leichter, wenn wir Puppen als Vermittler einsetzen.“

Auch bei den Kindern kam die Premiere an

Finanziert wurde die Fortbildung der Erzieherinnen, die etwa 120 Euro pro Kopf kostet, zum größten Teil vom Ministerium für Arbeit, Familie und Gesundheit, das auch den 400 Euro teuren Materialkoffer mit Fotofolien, Anweisungsheft für die 28 Übungslektionen und Puppen spendiert hat. Spahn-Nessel ist sich sicher, dass die Investition lohnt: „Faustlos dürfte eine tolle Sache werden, der Aufbau ist gut, das Material vielversprechend.“

Auch bei den Kindern kam die Premiere an. Schon nach der ersten Übung haben Yeliz und Inasse verinnerlicht, dass man mit Händen besseres anstellen kann, als sie zu Fäusten zu ballen. Als Willi und Schneck zurück in den Koffer sollen, betteln sie: „Können wir die nicht mit zum Nachmittagskaffee nehmen?“

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare