Kunden ärgern sich

Enorme Preissteigerungen: Fernwärme erhitzt Gemüter

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Wolfgang Knecht in seinem Heizungsraum. In den vergangenen Jahren hat er in energieeffiziente Technik investiert. Die Ersparnis wird nun durch die Preiserhöhung aufgefressen.

Dietzenbach -  1200 Kunden beziehen in der Kreisstadt Fernwärme von der Energieversorgung Dietzenbach. Das zum 1. Oktober in Kraft getretene neue Preissystem hat für einige Abnehmer Preissteigerungen von bis zu 30 Prozent die Folge. Von Norman Körtge

Wolfgang Knecht ist stinksauer. Auf die Energieversorgung Dietzenbach (EVD) und deren neues Preissystem für Fernwärme. Im Durchschnitt acht Prozent, so hatten der Fernwärmelieferant und die Energieversorgung Offenbach (EVO) Mitte September kommuniziert, würden die Preise zum 1. Oktober steigen. Eine Größenordnung, die für den Steinberger akzeptabel erschien. Auch wenn er noch die Aussage von Juli 2014 im Kopf hat, als bei der Gründung der EVD – gehört zu jeweils 50 Prozent den Stadtwerken und der EVO – gesagt worden ist, dass die Preise „bis auf Weiteres unverändert“ bleiben sollen. Fassungslos war der Hausbesitzer aber, als er sich im Kundenzentrum der Stadtwerke anhand seines aktuellen Verbrauchs die zukünftigen Kosten berechnen ließ.

Eine Steigerung um 21,05 Prozent, das bedeutet für Knecht 600 Euro mehr: „Ein Unding!“ Noch mehr regt ihn auf, dass die EVD damit warb, das neue Preissystem belohne Energiesparen, da der Grundpreis gesenkt und die Arbeitspreise erhöht wurden. Sprich: Wer weniger verbraucht, spart erst recht. Knecht hat in den vergangenen Jahren viel in Technik investiert, eine neue Steuereinheit eingebaut, die Motoren regelrecht eingekapselt, damit im Heizungsraum so gut wie keine Wärme verloren geht. Zirka 20 Prozent habe er dadurch an Energie eingespart, zeigt er anhand der Abrechnungen der vergangenen Jahre. „Ich kann nicht noch mehr an Energie sparen“, sagt er. Außer, er investiere mehrere Zehntausende Euro in die Gebäudesubstanz: neue Fenster, ein neues Dach oder in die Fassadendämmung.

Auch Manfred Schaffeld staunte nicht schlecht, als er anhand der neuen Preise seine zukünftigen Heizkosten ausrechnete und auf satte 33 Prozent mehr kam. Er gibt zu, dass bei seinem Verbrauch sicherlich noch Spielraum sei, aber selbst bei seinem sparsamen Nachbarn seien es mehr als 20 Prozent Mehrkosten. Frustrierend sei, dass die EVD bei der Fernwärme ein Monopol habe und die Fernwärmenutzung in den Grundbüchern festgeschrieben ist. Er hält diese große Preissteigerung aus rechtlicher Sicht für fragwürdig. Auch Knecht würde liebend gerne den Anbieter wechseln und hat sich bei der Mainova in Frankfurt erkundigt, was er dort als Kunde zahlen würde. Das Ergebnis: 200 Euro im Jahr weniger als bei der EVD.

Tobias Brandt, der zusammen mit Lena Blazek die Geschäftsführung der EVD stellt, sagt zum einen, dass er zu den individuellen Fällen ohne genaue Prüfung nichts sagen kann, muss aber zugegeben, dass es mit der Mainova derzeit in direkter Nachbarschaft einen günstigeren Anbieter gibt. „Das hat sich gerade gedreht. Sonst waren wir immer günstiger“, sagt er, betont aber zugleich, dass die EVD mit ihren Preisen noch immer unter dem Bundesschnitt liege. Nach Erhöhungen und Senkungen in den vergangenen Jahren bewegen sich die Preise nun auf dem Niveau von 2011, so Brandt.

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Letzteres kann Knecht nicht nachvollziehen. Er hat ausgerechnet, dass er 2011, alle Kosten eingerechnet, für eine Kilowattsunde 0,073 Euro bezahlte. Für 2014 hat er 0,081 Euro ermittelt, und nach dem neuen Preissystem sind es 0,095 Euro. „Die Preise sind deutlich höher als 2011“, stellt er fest. Er hatte auch bemängelt, dass für den Kunden nicht ersichtlich sei, wie denn die bisherige Abrechnungseinheit Heizwasserdurchflussmenge (l/h) in die neue Einheit Kilowatt umgerechnet wird. Eine Kritik, die die EVD annimmt. In den nächsten Tagen werde die Formel auf die Homepage www.energieversorgung-dietzenbach.de gestellt.

Ein Fernwärmekunde, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, da Verwandtschaft in der Stadtverwaltung arbeitet, spricht vom Griff in die Trickkiste, um die tatsächlichen Erhöhungen zu verbergen. Unter anderem kritisiert er, dass die nun separat ausgewiesenen Kosten für Messung und Abrechnung über 101 Euro früher im Grundpreis enthalten gewesen sind und daher die Grundpreissenkung geringer ausfalle als es auf den ersten Blick erscheint. Ein Kritikpunkt, den Brandt so nicht stehen lassen will. Die Kosten seien getrennt aufgelistet worden, um Transparenz zu schaffen. Zudem habe Berechnungen der EVD zufolge der Anteil des Grundpreises bislang zirka 60 Prozent an den Gesamtkosten ausgemacht, jetzt seien es 45 Prozent.

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