Freunde und Weggefährten erinnern an Edith Conrad

Gegen das Vergessen gekämpft

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Freunde und Weggefährten nahmen in Frankfurt bei einer Gedenkfeier Abschied von Edith Conrad. Das Bild unten zeigt sie vor einigen Jahren bei der Verlegung von Stolpersteinen in Dietzenbach.

Dietzenbach/Frankfurt - Mit einer Gedenkfeier haben sich Freunde und Weggefährten in Frankfurt von Edith Conrad (†) verabschiedet. Die Dietzenbacherin war eine der letzten Zeitzeugen des Holocausts und maßgeblich an der Stolpersteinverlegung in der Kreisstadt beteiligt. Von Ronny Paul 

„Warum gibt es keine Stolpersteine in Dietzenbach?“ Diese Frage trieb Edith Conrad (*1940 - †2018) um, schrieb sie in Horst Schäfers Buch „... und tilg nicht unser Angedenken“. Edith Conrad, die aus einer christlich-jüdischen Familie stammte, bekam die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs hautnah zu spüren und entkam den Fängen der Gestapo nur knapp. Ihre Verwandten hingegen starben in den Konzentrationslagern Sobibor und Belzec. Edith Conrad hat zeitlebens gegen das Vergessen der Gräueltaten der Nationalsozialisten gekämpft. Daran und an ihr soziales Engagement sowie an ganz persönliche Erlebnisse mit ihr erinnerten sich Freunde und Weggefährten bei einer Gedenkfeier in der Kapelle der Henry-und-Emma-Budge-Stiftung in Frankfurt-Seckbach. Der Dietzenbacher Buchautor Horst Schäfer hatte die Gedenkfeier zusammen mit Renate Rauch und Martina Faltinat vom „Projekt Jüdisches Leben in Frankfurt e. V.“, bei dem Edith Conrad mitgewirkt hat, initiiert, das Dietzenbacher Ensemble Saitensprung begleitete die Zusammenkunft mit jüdischen Liedern.

„Als schmerzhaften Verlust“ bezeichnete der ehemalige Fraktionskollege Jens Hinrichsen (FW-UDS) Edith Conrads Ableben und erinnerte auch an ihr Engagement, in der Kreisstadt Stolpersteine verlegen zu lassen. Mit der Ärztin Dr. Dörte Siedentopf, dem Ehepaar Artus und Gisela Rosenbusch sowie Peter Gussmann setzte sich Edith Conrad für aktives Gedenken in der Kreisstadt ein.

In Horst Schäfers Buch schrieb sie: „In den Nachbarstädten Dreieich, Rödermarkt, Rodgau, Heusenstamm und auch für den Kreis Offenbach war von Berufs- und Lokalhistorikern ab Mitte der 1980er Jahre – teils mit aktiver Förderung und Unterstützung der Städte und des Kreises – die NS-Zeit erforscht worden.“ In Dietzenbach fand sich jedoch kein Mahnmal – „außer einer pauschalen Erwähnung auf einer Wandtafel im Heimatmuseum“. Mit Veranstaltungen wirkte Edith Conrad zusammen mit der „Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen“ (AsF) Anfang der 2000er Jahre dem entgegen. „Die Stolperstein-Idee fand nicht überall Beifall“, berichtete Edith Conrad in Schäfers Buch. Gegen einige Widerstände schaffte der Aktivkreis schließlich, Stolpersteine des Kölner Künstlers Gunter Demnig vor den damaligen Häusern von jüdischen Dietzenbachern und anderen NS-Verfolgten zu verlegen, um die Nachwelt an die Opfer der NS-Gewaltherrschaft zu erinnern. Im Februar 2006 wurden schließlich die ersten Stolpersteine verlegt.

1940 in Bielefeld geboren, bekam Edith Conrad als Kind einer jüdischen Mutter und eines katholischen Vaters hautnah zu spüren, wie skrupellos die Nationalsozialisten waren. Im September 1944, als Edith Conrad gerade einmal vier Jahre alt war, stand die Gestapo in der Tür und wollte Mutter und Tochter mitnehmen. Auf dem Revier gelang es der Mutter, erzählt Horst Schäfer, die Gestapo zu überzeugen, das Kind aufgrund einer bei einem Bombenangriff erlittenen Rauchvergiftung und wegen des katholischen Vaters nicht mitzunehmen. Die Mutter versteckte Edith Conrad dann unter falschem Namen in einem Kinderheim eines Klosters in Bad Salzuflen.

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Dank der Kontakte des katholischen Vaters zur Caritas gelang es, die Mutter aus den Fängen der Gestapo zu befreien, die anschließend unter falschem Namen bei Bauern in der Nähe von Bad Salzuflen unterkam. Sie gab sich als polnische Arbeiterin aus und zog von Hof zu Hof, starb allerdings nur wenige Jahre nach Kriegsende, 1948, an einem schweren Herzleiden. Bereits 1946 hatte die junge Edith erfahren müssen, dass ihre Verwandten nach Sobibor und Belzec deportiert und dort getötet worden waren.

Edith Conrad fehlt als Zeitzeuge, als Mensch, der sich stets mit Engagement, Neugierde und kritischem Blick für vieles eingesetzt hat. Da sind sich alle Anwesenden bei der Gedenkfeier einig. Denn Edith Conrad war nicht nur in verschiedenen jüdischen Projekten und Vereinen sowie lokalpolitisch (SPD und anschließend UDS) aktiv, sie war jahrzehntelang im Vorstand der Volkshochschule, Lehrerin an verschiedenen Schulen, im VSG, hat den Landesverband für Legastheniker mitgegründet und saß im Vorstand der Muskelkranken in Hessen. Für ihr Wirken wurde sie mit dem Landesehrenbrief ausgezeichnet.

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