Folgeschäden sind offiziell tabu

Dietzenbach - Japan ist ein hochtechnisiertes Land – und dennoch leben viele Menschen dort gewissermaßen abgeschottet, hat die Dietzenbacher Medizinerin Dr. Dörte Siedentopf erfahren. Risikobeschreibungen von Radioaktivität in Lehrbüchern? Fehlanzeige. Von Nina Beck

Viele könnten Englisch – wenn überhaupt – nur schlecht, weshalb auch das Internet nicht für so viel unabhängige Aufklärung sorge, wie gedacht. Erst jetzt, nach Fukushima, ändere sich das langsam, würden etwa auch Artikel über die Folgen von Tschernobyl ins Japanische übersetzt.

„Als die Ärzteorganisation IPPNW (International Physicians for the Prevention of Nuclear War / Internationale Ärzte für die Verhinderung des Atomkriegs) Siedentopf gebeten hatte, im Anschluss an den 20. IPPNW-Weltkongress in Hiroshima mit einer Delegation die Präfektur Fukushima zu bereisen und in fünf Städten Vorträge über die Folgen von Tschernobyl zu halten, war sie „erstmal etwas verwundert“, gibt Siedentopf zu. „Das ist doch alles hinlänglich beschrieben und bekannt“, dachte sie. Bis sie feststellen musste: Das ist keineswegs so. Auf Einladung der Volkshochschule berichtete die Vorsitzende des Freundeskreises Kostjukovitschi nun von ihrer Reise: „Ausnahmezustand in Fukushima als Normalität.“

Natürlich lasse sich in ein, zwei Jahren nicht alles aufholen, was vorher, also bereits seit Hiroshima 1945, schlicht nicht erwünscht gewesen sei, so Siedentopf. Bis heute seien Verdrängung, Verharmlosung und Manipulation an der Tagesordnung, wie sie erfuhr: „Es gibt in Japan eine unglaubliche Verquickung von Politik, Wirtschaft und Beamtentum.“ Bereits im Sommer 2011 etwa sei ein Propaganda-Marathonlauf nach Fukushima organisiert worden – um zu demonstrieren, wie ungefährlich doch alles sei. Wenn Siedentopf bei ihrem Japanbesuch Plakate mit der Aufschrift „Halten wir durch – Fukushima“ sah oder eines, auf dem ein lächelndes Gesicht verkündete: „Allen gefällt Fukushima“, da habe einem schon schlecht werden können.

Bilder vom AKW Fukushima

Neue Bilder vom AKW Fukushima

Die sogenannten stochastischen Strahlenschäden (verursacht durch Niedrigstrahlung), die noch bis zu 70 Jahre später auftreten können, würden von Regierungsberatern nahezu ausgeblendet, so Siedentopf. Richtig geärgert hat sie sich bei ihrer Reise denn auch über einige japanische Ärztekollegen. Das Gesundheitswesen ist stark zentralisiert, die Kliniken fast alle staatlich. Bis August sei es Ärzten verboten gewesen, Kinder aus der Region Fukushima zu untersuchen, so Siedentopf. Dann wurde einzig die dortige Klinik offiziell damit beauftragt; Befunde durften die Ärzte den Eltern aber nicht mitgeben. Von 360.000 Kindern sind laut Siedentopf bisher nur etwa 60.000 untersucht worden, bei mehr als 40 Prozent von ihnen seien Veränderungen in der Schilddrüse aufgefallen. „Kinder sollten noch keinerlei Zysten oder Knoten in dem Organ haben“, erläutert die Ärztin. Die japanischen Kollegen aber sagten, Knoten bis zu 0,5 Millimetern oder Bläschen bis zwei Millimetern Größe machten nichts. Es reiche, diese Kinder erst in zwei Jahren wieder zu untersuchen. Dabei sei eine frühzeitige Krebsdiagnose sehr wichtig, und auch eine Über- oder Unterfunktion des Organs müsse behandelt werden.

Mittlerweile, hat Siedentopf aber auch erfahren, gibt es immer mehr Mütter, die ihre Kinder heimlich von anderen Ärzten untersuchen lassen. Und auch der Protest informierter Bürger wächst. So etwa gibt es in großen Städten regelmäßig Aktionen gegen Atomkraft. Bürger organisieren juristische und humanitäre Hilfe, richten eigene Messstationen ein oder auch eine unabhängige Ambulanz in Fukushima. „Sie nehmen das nicht mehr hin, vernetzen sich“, hofft Siedentopf auf weiteres Umdenken.

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