Wohnkonzept am Bertha-von-Suttner-Weg

Die Generationen können kommen

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Bürgermeister Rogg hatte sichtlich Freude am ersten Baggeraushub.

Dietzenbach - Mehrere Generationen unter einem Dach – was schon lange in der Theorie festgelegt war, wird nun Stück für Stück Praxis. Für das nicht alltägliche Wohnkonzept ist am Montag der erste Bagger auf das Areal im Baugebiet 70 gefahren. Von Christian Wachter 

Als Bürgermeister Jürgen Rogg mit Jackett und Sonnenbrille aus der Baggerkabine steigt, ist ihm anzusehen, weshalb manch ein findiger Unternehmer so etwas schon als Erlebnisgutschein verkauft. „Ein erhebendes Gefühl, so ein Baggerbiss“. Bei zukünftigen Projekten, erwähnt er nicht ganz ernst gemeint gegenüber der Stadtentwicklerin Gabi Guddat, solle man doch darauf achten, dass ebenfalls so ein Gefährt herumstünde.

Dass viele der Anwesenden recht fröhlich dreinschauen liegt aber daran, dass ein „Langläufer“, wie es Rogg formuliert, die Ziellinie im Blick hat. Schließlich stimmten die Stadtverordneten dem Projekt am Bertha-von-Suttner-Weg im Baugebiet 70 schon 2014 zu (wir berichteten). Weil der Betreiber, die Wörner Mehrgenerationenwohnen GmbH & Co. KG, sich aber umfassend mit dem Stiftungsrecht auseinandersetzen musste und außerdem komplexe architektonische, energetische und steuerliche Fragen zu klären waren, dauerte alles ein Stückchen länger als erhofft. Er sei erleichtert, sagt Fabian Wörner von Controlware, der den Mehrgenarationen-Staffelstab von seinem Vater Helmut übernommen hat, dass es nun endlich losgehe.

Bei dem Bauvorhaben handelt es sich um einen Gebäudekomplex mit drei Häusern aus jeweils elf Wohneinheiten. Diese sollen, wenn sie erst fertig sind, verschiedene Generationen verbinden, Menschen zusammenbringen, die vielleicht auch einen sichernden Familienverband verloren haben.

Damit dies auch gelingt, sieht das Konzept offene Treffpunkte vor, Wintergärten zwischen den Häusern etwa, in denen sich Menschen verschiedenen Alters begegnen und austauschen können. Als Rückzugsbereich werden den Bewohnern zu den Wohnungen gehörige Balkone, Terrassen oder Gärten angeboten.

Verschiedene Beteiligte des Projekts Mehrgenerationenwohnen trafen sich im Baugebiet 70.

Verantwortlich fürs Energiekonzept, welches das Vorhaben laut Rogg zu einem „herausragenden Pilotprojekt macht“, ist die Firma Zieglerarchitekten. Die Frankfurter haben sich dafür auch mit dem Fraunhofer Institut für Bauphysik zusammengetan, um an Gebäudeklima und Details zu feilen. Entschieden hat man sich für eine ökologische Holztafelbauweise, die Wohnungen variieren zwischen 40 und 150 Quadratmetern Größe und werden einen hohen Anteil an Glasflächen und Fenstern haben. Angeboten werden sie zur Miete und zum Kauf. Ergänzend überlegen sich die Architekten, wie sich E-Car- oder E-Bike-Sharing-Modelle umsetzen lassen.

Architekt Alexander Ziegler betont, dass ein großes Team und viele Förderer beteiligt seien und man in den nächsten Wochen mit dem Tiefbau beginne. Die drei Wohnkörper werden in einem Werk hergestellt, sodass, wenn die Baumasse Ende des Jahres auf dem Grundstück landet, schon viel vom finalen Zustand erkennbar sein werde. „Es kommen Fertigteile mit bis zu zwölf Metern Länge, inklusive Fenster.“ Lange Trocknungszeiten könne man sich so ersparen. In 13 bis 14 Monaten soll dann alles fertig sein.

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Verantwortlich für die Bauleistungen ist der Generalunternehmer Regnauer aus Seeon-Seebruck. Dessen Projektleiter Michael Porschitz erläutert, dass man schon viel im Verborgenen habe regeln können, was sonst auf der Baustelle passiert. „Bei dieser Bauweise ist vorher klar, wo welche Steckdose hingehört, während beispielsweise beim Ziegelbau der Elektriker kommt und einen Schlitz in die Wand macht.“

Und auch eine Besucherin, die das Vorhaben schon länge verfolgt, ist gekommen. Andrea Langheld-Steuer darf gleich nach Rogg im Bagger probesitzen. Am Mehrgenerationenwohnen schätze sie das Gefühl der Gemeinschaft, der Zugehörigkeit. „Ich möchte etwas Barrierefreies, auf das ich auch bei gesundheitlichen Einschränkungen zurückgreifen kann, diese soll meine letzte Wohnung werden“, sagt die Frührentnerin.

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