Gottesdienst im Bahnhof

Geschichte der Katholiken im protestantischen Dietzenbach

Das Bild vom 1. Mai 1957 zeigt den Einzug von Bischof Albert Stohr in die neue Dietzenbacher Kirche, damals zählte die katholische Gemeinde 1200 Mitglieder.  
Repro: Schmedemann
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Das Bild vom 1. Mai 1957 zeigt den Einzug von Bischof Albert Stohr in die neue Dietzenbacher Kirche, damals zählte die katholische Gemeinde 1200 Mitglieder. Repro: Schmedemann

Dietzenbach – In einem kleinen Kreis die Feiertage zu verbringen, stand diesmal wohl bei den meisten Menschen auf dem Programm. Die Gottesdienste wurden in der Kreisstadt entweder unter freiem Himmel oder mit abgezählten Plätzen abgehalten. Doch gab es in dem Dorf im Wiesengrund auch einst eine Zeit, in der die Kirchenbänke gar nicht voll geworden wären und das Bahnhofsgebäude für die Christmette herhielt. Ein Blick in die Chronik der St. Martin Gemeinde.

Im Dezember 1898 wurde der Dietzenbacher Bahnhof eröffnet. In diesem Jahr zählte das 2000-Seelen-Dorf ganze neun Einwohner katholischen Glaubens. Als Heinrich Weygand im Jahr 1913 als Bahnhofsvorsteher von Bebra ins damalige Dorf Dietzenbach zog, erhöhte sich dieser Wert um die Anzahl seiner Familienmitglieder. Zwar zogen in der Zwischenzeit noch weitere „Andersgläubige“ hinzu, aber sie blieben eine deutliche Minderheit.

Damals zählte Dietzenbach zwar zur Pfarrei Oberroden, die Katholiken besuchten jedoch wegen der Nähe die Gottesdienste im benachbarten Heusenstamm. Allerdings zu einer Zeit, in der die Wege schlecht ausgebaut und der Pfad matschig war. An diesen beschwerlichen Weg erinnerte sich Hans Weygand in der Festschrift zu „40 Jahre Sankt Martin“. Für ihn und seine vier Geschwister machte sich Pfarrer Zöller 1913 stark, als er sich mit einem Brief an die „Großherzogliche Kreisschulkommission“ wandte und erreichte, dass es für die Weygand-Kinder und einen weiteren jungen Katholiken Religionsunterricht gab. Jeden Mittwoch kam dazu ein Lehrer aus Heusenstamm vorbei. Dennoch: Die Schwierigkeit mit dem weiten Weg nach St. Cäcilia blieb.

Wieder war es Pfarrer Zöller, der sich im Oktober 1924 abermals an das Bischöfliche Ordinariat wandte und eine Umpfarrung für die Filialgemeinde erwirkte. Fortan zu Heusenstamm zu zählen, war zwar ein Fortschritt, aber nicht das Ziel. Zwar war die Distanz zur Schlossstadt geringer als in den Rodgau, doch immer noch ein längerer Weg. Inzwischen hatte es weitere Katholiken in die neue Heimat Dietzenbach verschlagen, doch heimisch werden in der Glaubensgemeinde fiel ihnen unter diesen Umständen schwer. Der Heusenstammer Pfarrer Lorenz Eckstein bemerkte, dass die Dietzenbacher nicht häufig an den heiligen Messen teilnahmen und verfasste im November 1932 einen Brief ans Bischöfliche Ordinariat, in dem er darum bat, einmal im Monat die Filialgemeinde aufzusuchen und einen Gottesdienst abzuhalten. Der Ort dafür war schnell gefunden, wenn auch etwas ungewöhnlich: Am 11. Dezember 1932 fand der erste katholische Gottesdienst im Obergeschoss der Bahnhofsfamilie Weygand statt.

Menschen, die in den folgenden Jahren wegen des Krieges ihre Heimat verlassen mussten, fanden in Dietzenbach ein neues Zuhause. Mit der Einwohnerzahl wuchs auch die Anzahl der „Andersgläubigen“, wie sie immer noch bezeichnet wurden. 1946 waren die Gottesdienste in der Wohnung schlichtweg nicht mehr möglich. Zunächst bekam die katholische Gemeinde die Gelegenheit, in der evangelischen Christuskirche an der Darmstädter Straße Eucharistiefeiern abzuhalten. Ein Trost, der den Wunsch nach einer eigenen Kirche weckte.

Inzwischen hatte Pfarrer Hruschka aus Götzenhain die Seelsorge für die Dietzenbacher übernommen und verstand das Begehr. Mit einer kleinen Gruppe machte er sich auf den Weg nach Mainz, um die Baugenehmigung für das Gotteshaus zu erlangen, das man heute als „gelbe Kirche“ an der Offenbacher Straße kennt. Sogar finanzielle Hilfe konnte der Pfarrer erreichen für „Notwenigkeiten zum Kirchenbau, die nicht in Selbsthilfe zu beschaffen waren“, heißt es in der Chronik „50 Jahre Sankt Martin Dietzenbach“. Die Errichtung im Stil einer Basilika erfolgte hingegen in Selbsthilfe. Stein auf Stein, neben dem Beruf, von vielen fleißigen Händen, mit Gummistiefeln im Schlamm. Der Grundstein wurde am 17. Juni 1956 gelegt, das Gotteshaus schließlich am 1. Mai 1957 durch den Mainzer Bischof Albert Stohr dem Heiligen Martin geweiht. Schon vor der Reformation hatte es eine Martinskirche in Dietzenbach gegeben, der Heilige war sogar im Wappen des Dorfes zu sehen. Da lag der Schluss nahe, das neue katholische Gotteshaus und die wachsende Gemeinde in die Obhut desselben Schutzpatrons zu geben. (Lisa Schmedemann)

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