„Freunde Kameruns“ sorgen sich weiter

Die Gewalt in Zentralafrika eskaliert

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Die Gewalt in West-Kamerun zwischen Separatisten und Militär droht laut Amnesty International weiter zu eskalieren.

Dietzenbach - Trotz der gewaltgetränkten Atmosphäre im Westen des Landes unterstützen die Freunde Kameruns weiterhin die Bevölkerung. Die Lage im zentralafrikanischen Land macht dem Vereinsvorsitzenden Horst Peter Jäger Sorgen. Von Ronny Paul 

Der Vorsitzende der Freunde Kameruns, Horst Peter Jäger, hofft darauf, dass sich die Lage im zentralafrikanischen Land bald beruhigt.

Kamerun hat es Horst Peter Jäger angetan, seitdem der Dietzenbacher mit seiner Frau Ruth Anfang der 70er Jahre als Entwicklungshelfer zum ersten Mal in dem zentralafrikanischen Land war. Derzeit kommt für den Vorsitzenden der „Freunde Kameruns“ eine Reise dorthin aber nicht infrage. „Erst wenn das gegenseitige Umbringen beendet ist und Ruhe und Frieden eingekehrt sind“, sagt er. Das letzte Mal waren die Jägers im Oktober 2016 im Westen Kameruns (wir berichteten), einen Monat bevor dort die bis heute andauernden Unruhen begonnen haben. Im englischsprachigen Landesteil – in den Provinzen Northwest und Southwest – kommt es verstärkt zu Protesten gegen die französischsprachige Mehrheit des Landes. Die Gewalt zwischen Separatisten und Sicherheitskräften droht laut Amnesty International weiter zu eskalieren. Es heißt, Polizei und Militär hätten willkürlich Menschen festgenommen, gefoltert und sogar getötet. Tausende seien in der Folge außer Landes geflohen, meldet die Menschenrechtsorganisation weiter. Die Separatisten wiederum töteten Sicherheitskräfte und schüchterten die Bevölkerung ein. „Die Menschen in Kameruns anglophonen Regionen sind im Griff einer tödlichen Gewaltspirale“, heißt es vonseiten Amnesty Internationals.

Die bedrohliche Lage „hat unsere Projektarbeit sehr intensiv gestört“, berichtet Jäger. Die Freunde Kameruns ermöglichen 55 Waisenkindern zwischen sechs und 16 Jahren mithilfe von Spendengeld den Bildungsweg vom Kindergarten bis zur Secondary School. Doch nachdem im vergangenen Jahr in den beiden anglophilen Provinzen die Schulen gänzlich geschlossen waren, genießen derzeit nur 20 Kinder den Schulalltag. „Nach wie vor sind 50 Prozent der Schulen geschlossen, oder die Eltern lassen ihre Kinder aus Angst vor Anschlägen zu Hause“, informiert Jäger, der über einen alten Freund, der gleichzeitig Präsident der Nicht-Regierungsorganisation „Cameroon Friends for Rural Development“ (CAMFRUD) ist, über Telefon und WhatsApp auf dem Laufenden gehalten wird. Das sei allerdings nicht immer möglich, vor allem in den anglophonen Gebieten sei das Telekommunikationsnetz mehr als dürftig. Vorgestern haben die beiden das letzte Mal miteinander geschrieben. Allerdings sei offene Kommunikation aus Angst, abgehört zu werden, nicht ohne Weiteres möglich. Die Regierung unter dem seit 1983 amtierenden Präsidenten Paul Biya hat unter anderem auf die Proteste mit dem monatelangen Abschalten des Internets in den Provinzen reagiert.

Eine Gruppe anglophiler Separatisten hat im Oktober unter dem Namen „Ambazonia“ symbolisch die Unabhängigkeit ihres Landesteils erklärt. Laut dem CAMFRUD-Präsidenten wollen die Menschen in beiden Provinzen allerdings Ambazonien garnicht, betont Jäger. Das seien Einflüsse im Ausland weilender Kameruner. Den in den Provinzen lebenden Menschen gehe es darum, dass die englische Sprache, das Schulsystem und die Gerichtsbarkeit erhalten bleiben“, erläutert der 71-Jährige. Dieser Sprach- und Kulturkonflikt existiert bereits, seitdem das französische und das britische Gebiet als Föderative Republik Kamerun 1961 zusammengeschlossen wurden. Elf Jahre später erklärte Kamerun die Unabhängigkeit, die Verfassung garantiert seither, erläutert Jäger, dass in den beiden westlichen Provinzen das englische Justizsystem erhalten bleibt.

Das Milliardengeschäft mit dem menschlichen Leid

Jedoch werde das von der Regierung immer wieder untergraben, indem sie von der im französischen Gebiet liegenden Hauptstadt Yaoundé frankophile Richter in den Westen entsende, erläutert der Vereinsvorsitzende. „Stellen sie sich mal vor, ein Richter spricht das Urteil auf Französisch und sie verstehen es nicht“, sagt Jäger, den die Frage umtreibt, wie das 23-Millionen-Einwohner-Land wieder zur Ruhe komme. Er habe sich bereits mit Schreiben an das Entwicklungs- und das Außenministerium gewandt. Vom ersten habe er bislang gar keine Antwort erhalten. Vonseiten des Außenministeriums habe es geheißen, man werde sich auf diplomatischem Weg mit dem Thema befassen, berichtet der 71-Jährige. Ein Papier einiger Parlamentarier an den Bundestag, das der Redaktion vorliegt, kommt zu dem Schluss: „Insgesamt verschlechtert sich die Menschenrechtslage in den beiden anglophilen Provinzen Southwest und Northwest dramatisch.“ Das rabiate Vorgehen der Sicherheitskräfte werde die englischsprachige Minderheit weiter an den Rand drängen und Spannungen weiter anheizen, prophezeit Amnesty International.

Trotzdem haben die Freunde Kameruns in diesem Jahr wieder rund 10.000 Spenden-Euro nach Kamerun überwiesen. Ein großer Teil (rund 6500 Euro) kommt den Schulkindern zugute, für die der Verein etwa eine Gruppenkrankenversicherung abgeschlossen hat. Zudem berichtet Jäger: „Wir konnten die Finanzierung für einen Trinkwasserbrunnen in einem Reha-Zentrum und die Reparaturkosten einer Maschine in der orthopädischen Werkstatt eines anderen Reha-Zentrums übernehmen.“ Ob und wie das Geld eingesetzt wird, kontrolliert ein Projektkoordinator vor Ort, der mit dem Verein in ständigem Kontakt ist.

Unterstützung seit den 90er Jahren

Seit 1996 gibt es den 35 Mitglieder starken Verein unter der offiziellen Bezeichnung „Freunde Kameruns“. Allerdings hat sich der dieser bereits drei Jahre zuvor unter dem Namen „Gesellschaft der Freunde Bandja“ gegründet. Die Freunde Kameruns engagieren sich für die Menschen des zentralafrikanischen Landes und helfen mit infrastrukturellen Maßnahmen zur Überwindung der Probleme. Das Prinzip ist laut Vereinsvorsitzendem Horst Peter Jäger „Hilfe zur Selbsthilfe“. Er war 1970 das erste Mal zusammen mit seiner Frau Ruth als Entwicklungshelfer im englischsprachigen Teil Kameruns tätig. Innerhalb von zweieinhalb Jahren haben die beiden das Land kennengelernt und dort Freunde gefunden. Als sie 1995 dorthin zurückkehrten, bemerkten sie, dass die in den 70er Jahren „allgegenwärtige Entwicklung“ in den 90ern nicht mehr sichtbar war. Der Verein sammelt Spenden und sorgt dafür, dass diese auch vor Ort ankommen. Die Freunde Kameruns freuen sich über jeden, der sich engagieren möchte.

Infos unter freunde-kameruns.de

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