Innovationspreis für Schwimmbadlifter

Gewicht als Herausforderung

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RMT-Geschäftsführerin Nadine Resch hat die Fernbedienung eines Schwimmbadlifters in der Hand, mit dem sie den Business-Development-Manager Christoph Mikuschek, der die Urkunde für den „German Innovation Award“ zeigt, manövrieren kann.

Dietzenbach - Ob hinter kleinen Ladentheken in der Altstadt oder in großen Hallen im Gewerbegebiet: Die Dietzenbacher Unternehmenswelt hat einiges zu bieten. In loser Reihenfolge werfen wir einen Blick hinter die Kulissen. Von Ronny Paul 

Diesmal haben wir das Familienunternehmen „Reha Med Technology GmbH“ an der Waldstraße besucht.
Als Rollstuhlfahrer ohne fremde Hilfe in ein Schwimmbecken zu gelangen, ist nahezu unmöglich. Damit aber auch Menschen mit Mobilitätseinschränkungen sich selbstständig bewegen können, gibt’s Schwimmbadlifte. Und da ist das kreisstädtische Familienunternehmen „Reha Med Technology GmbH“ – kurz RMT – nach eigenen Angaben Deutschlands größter Anbieter. Mit einer Fernbedienung, die lediglich vier Knöpfe – oben, unten, rechts und links – hat und den Lifter sich so elektronisch bis zu 359 Grad drehen, heben und senken lässt, braucht es keine Anleitung oder Einweisung. Das erregt auch weniger unerwünschtes Aufsehen, als wenn der Bademeister die Gäste ins Becken lassen muss.

Nun ist RMT vom „Rat für Formgebung“ mit dem „German Innovation Award 2018“ ausgezeichnet worden. Die Ehrung gab’s für das Modell „Portable Aquatic Lift“, einen mobilen Schwimmbadlifter, der es Menschen mit Mobilitätseinschränkung ermöglicht, an beliebiger Stelle ins Schwimmbecken zu gelangen und ebenso ohne fremde Hilfe wieder aus dem Nass herrauszukommen. Diese Lösung entspreche zu 100 Prozent dem Allgemeinen Gleichstellungsgesetz, betont Nadine Resch, Tochter des Firmengründers Bernhard Resch und seine Nachfolgerin in der Geschäftsführung. „Der Award ist wieder einmal eine tolle Bestätigung unserer Entwicklungsarbeit“, findet sie. „So kann der Badegast mit Stock oder Rollstuhl an den Lift herankommen und ihn selbstständig bedienen“, erläutert der ehemalige Rudolf-Steiner-Schüler Christoph Mikuschek, Business-Development-Manager und seit zwölf Jahren Nadine Reschs Lebenspartner.

Angefangen hat alles 1989 im Nebenraum von Bernhard Resches Wohnzimmer in Steinberg: Dort entwarf der aus der Medizinbranche kommende Tüftler eine sogenannte Anti-Dekubitus-Matratze, die Patienten vor dem Wundliegen schützen soll. Die Grundidee war und ist nach wie vor, die „Lagerung und den Transfer von schwerst-pflegebedürftigen Menschen“ zu ermöglichen, erläutert seine Tochter. Auch damals werkelte der mittlerweile im „Unruhestand“ – „Er ist nach wie vor unser bester Berater und gibt unseren jungen Technikern viele Tipps“ – befindliche Firmengründer schon an Patientenliften, um diese etwa auf einen Stuhl oder ins Bett hieven zu können, informiert die ehemalige Heinrich-Mann-Schülerin und BWL-Studentin Resch.

Und auch sonst wird das familiäre Gefühl im Unternehmen, das seit 2007 an der Waldstraße residiert, groß geschrieben, betont Geschäftsführerin Resch, die seit 2000 im Betrieb ist und seit acht Jahren an der Spitze steht: Ein Feierabendbier freitagnachmittags mit den rund zwölf Mitarbeitern in lockerer Runde gehört zum Wochenendstart dazu – stets mit dabei die beiden „guten Seelen“, die Australian Cattle Dogs Yuka und Skadi: „Das zeichnet uns aus, jeder kommt gerne zur Arbeit.“ Überhaupt arbeite die Mannschaft super zusammen. Bei Bewerbern achte sie vor allem auf Sozialkompetenz und darauf, dass Techniker „zwei rechte Hände“ haben, betont Nadine Resch.

Dabei ist die Arbeitsumgebung „nicht immer jedermanns Sache“, sagt Mikuschek, der auch für die CDU in der Stadtverordnetenversammlung sitzt: Zu den Hauptabnehmern der Matratzen, Schwimmbad- und Patientenlifte sowie Zubehörartikel gehören Sanitäts- und Krankenhäuser sowie Kliniken: Die Techniker müssen Lifte auch auf Intensivstationen oder in Pathologien installieren. Aber ebenso Hotels fragen Schwimmbadlifte immer öfter nach. Die größte Herausforderung für RMT – das die Geräte nicht mehr selbst, sondern in Schweden und im US-amerikanischen Tennessee produzieren lässt – ist die Gewichtszunahme von Menschen. Uni-Kliniken melden sich laut Mikuschek immer häufiger bei RMT, weil Leichname nicht zu heben seien. RMT baut dann Deckenlifte ein. Die Anfragen für Tragekapazitäten jenseits der 200 Kilo habe in den vergangenen drei bis vier Jahren stark zugenommen: „Dieses Jahr haben wir in einer großen Klinik einen Lifter mit einer Tragkraft von 540 Kilogramm für adipöse Patienten installiert“, sagt Mikuschek.

Teure Freiheit: Das Auto behindertengerecht umbauen

„Wir versuchen immer, nah dran an Trends zu sein“, allerdings seien die Skandinavier in der Pflege und der Ausstattung in den Kliniken mindestens zehn Jahre voraus, informiert Nadine Resch. Aktuell arbeitet RMT, das im Schnitt jährlich rund 1,5 Millionen Euro umsetzt, mit der „Aktion Mensch“ an der Werbekampagne „Toilette für alle“ – behindertengerechte WCs mit Deckenlifter. Diese hat RMT etwa ins Nürnberger Frankenstadtion eingebaut.

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