Sozialpädagoge Thomas Quiring berät und hilft Männern

Häusliche Gewalt: „Ich habe ja nur mal geschubst“

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In seinem Büro im Beratungszentrum Mitte spricht Sozialpädagoge Thomas Quiring mit Männern über ihre Gewaltausbrüche.

Dietzenbach - Zwischen 50 und 60 Klienten suchen pro Jahr Hilfe bei Thomas Quiring im Beratungszentrum Mitte. Er bietet dort eine Anti-Gewalt- Beratung für Männer an. Von Barbara Scholze 

Noch immer ist das Thema ein Tabu. Vor allem die Handelnden sind wenig in der Lage, über die schwierigen Ereignisse zu sprechen. Wenn es um häusliche Gewalt geht, werden die Taten von allen Beteiligten verschwiegen. Schließlich ist es peinlich, darüber hinaus setzt rasch ein Verdrängungsmechanismus ein. Im Büro von Thomas Quiring kann allerdings kaum einer dem Problem entgehen. Seit mehr als fünf Jahren bietet der Sozialpädagoge im Beratungszentrum Mitte des Diakonischen Werkes eine Anti-Gewalt-Beratung für Männer an. Zwischen 50 und 60 Klienten suchen ihn pro Jahr auf. „Viele Männer sagen zuerst, so etwas brauchen sie nicht“, weiß der Berater. Ist eine Situation gewalttätig ausgeartet, gegen die Partnerin oder gar gegen die Kinder, sei im Nachhinein die Wahrnehmung der Geschehnisse oft diffus. „Ich hab ja nur mal geschubst, heißt es dann“, so Quiring. Manchmal gelte auch der Alkohol als Entschuldigung. Das Treffen mit dem Sozialpädagogen sei für viele Männer die erste Gelegenheit, über sich selbst zu sprechen und der Situation ins Auge zu sehen. Zumal auch mit dem besten Freund Gewalttätigkeiten zu Hause eher kein Thema sind. Wirklich freiwillig findet nur ein kleiner Teil der Klienten den Weg in das Beratungszentrum. Andere schickt das Gericht oder ein Amt.

Eine „Bestrafung“ sollen die Sitzungen bei Quiring allerdings auf keinen Fall sein, Ziel ist eher, die grundsätzliche Gewaltbereitschaft einzudämmen. „Ich fälle auch kein Urteil, ich nehme die Männer so wie sie sind“, betont der Sozialarbeiter. Ihm gegenüber auf dem Stuhl sitzen für zwölf Termine mit einer Option auf Verlängerung alle Vertreter des sozialen Lebens: die gut Situierten, die schlecht Bezahlten und die Arbeitslosen, Junge und Alte, ein paar Migranten und viele Deutsche. Zwischen 30 und 50 Jahre alt sind die meisten, bezahlen müssen sie für ihre Therapie nichts.

Dem einen ist immer mal wieder die Hand ausgerutscht, der andere hat zugetreten oder eine sexuelle Handlung erzwungen. „Aber Gewalt ist grundsätzlich jede Handlung, die Dominanz und Macht ausdrückt und darauf ausgerichtet ist, zu demütigen und zu erniedrigen“, so der Berater. Das geht auch, indem man den Geldhahn zudreht oder jemanden durch ständige Suizid-Drohungen seelisch zermürbt. Also ist das Feld weit und die Dunkelziffer hoch. Eine klare Abgrenzung gibt es nur, wenn gewalttätige Handlungen strafrechtlich verfolgbar sind. „Dann können auch wir nicht mehr helfen.“

In Gewaltkonflikten richtig verhalten

In den gemeinsamen Sitzungen zeigt Quiring seinen Klienten Handlungsalternativen auf und erarbeitet Techniken, die Provokationen aushaltbarer machen. So etwa das „Time-Out“, bei dem es darum geht, Distanz zu schaffen und Diskussionen zu unterbrechen. „Aber eine Änderung ist immer ein ständiger Prozess“, so Quiring. Er könne mit den Gesprächen nur die Saat legen, dauerhaft aufgehen lassen müsse sie der Betroffene selbst. „Es gibt auch Klienten, die nach abgeschlossener Beratungszeit wiederkommen und mir erzählen, wie es ihnen geht, dann ist besonders was gewachsen“, sagt er.

Ein weitergehendes Angebot hält der Sozialpädagoge seit zwei Jahren in Kooperation mit der Beratungseinheit „Frauen helfen Frauen“ vor. Dann steht er mit seiner Kollegin Karin Hübner im Doppel parat, um zu helfen. „Manchmal geht es um eine reine Paarproblematik, dann arbeitet man besser mit beiden“, sagt er. Doch trotz aller Flexibilität sei das Thema häusliche Gewalt in der Öffentlichkeit immer noch mühsam darzustellen. „Man muss sich ständig Gehör verschaffen“, sagt Quiring. Also Klinken putzen, präsent sein und immer wieder mit Behörden und Institutionen ins Gespräch kommen.

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