Täglich Eier und Spaß für Kinder

Hahn und Henne als Haustiere

Uschi Heusel mit Ehemann Klaus und einem ihrer braunen Hühner.
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Uschi Heusel mit Ehemann Klaus und einem ihrer braunen Hühner.

Corona hat Mathilde, Cordula Grün und Cäcilie längst bundesweit zum Trend gemacht, in Dietzenbach tummeln sie sich mit ihren Gesellinnen aber schon lange in Hof und Garten: Hühner als Haustiere liegen neuerdings voll im Trend.

Dietzenbach – In dem ehemaligen Bauern- und Handwerkerdorf Dietzenbach haben sie bereits lange Tradition. Allerdings sind sie mittlerweile ihrer Aufgabe als Schlachtvieh entronnen und bereichern eher das Familienleben. Hahn und Henne dürfen den Garten erobern und so lange leben, bis sie von selbst tot umfallen.

Etwa bei der Familie Knecht mitten in der Altstadt. „Wir haben immer schon Hühner gehalten, ich bin damit aufgewachsen“, erzählt Senior Günther Knecht. In dem verwinkelten Garten tummeln sich regelmäßig vier bis fünf befiederte Zweibeiner, auch für die Jüngsten in der Familie ist die Pflege der Tiere eine Selbstverständlichkeit. „Geschlachtet haben wir nur einmal vor vielen Jahren, als ein Freund uns dazu geraten hat“, erzählt Knecht. Essen konnte die Familie die ans Herz gewachsenen Tiere dann aber doch nicht. „Deshalb dürfen sie bei uns leben, bis sie eines natürlichen Todes sterben.“ Dabei erfüllen sie ihre Aufgabe als Eierlieferant stets fleißig. „Gerade jetzt vor Ostern kontrolliert unsere Enkeltochter regelmäßig das Gehege und sammelt sorgfältig jedes Ei zum Färben ein.“

Ähnlich in die Familie eingebunden sind die Hühner der Künstlerin Uschi Heusel in Steinberg. Dort ist „Gerda“ nicht nur die weit über Dietzenbach hinaus bekannte Partnerin der Ratte Ludwig. Ihr Vorbild läuft vielmehr munter durch den Garten. „Schon als unser jetzt längst erwachsener Sohn noch Kind war, hatten wir Hühner“, erzählt die Karikaturistin und Malerin. Da auch die Enkelkinder das gefiederte Leben hautnah verfolgen sollten, zogen vor rund zehn Jahren wieder die ersten gackernden Tiere ein. „Und alle lieben sie“, freut sich Heusel. Im letzten Sommer sind zu den vier vorherigen Hennen noch zehn weitere Tiere dazugekommen, geschlüpft mithilfe eines Brutautomaten. „Unsere Enkel haben ihre Favoriten, sie nehmen sie auf den Schoß, streicheln sie und haben ihnen natürlich Namen gegeben“, berichtet die Künstlerin. Als Dank bekommt die Familie pro Tag vier bis fünf Eier. „Und auch da ist es schön zu wissen, wo das Lebensmittel herkommt“, so Heusel.

Im vergangenen September fand nun eine Truppe Gackervieh gar vier Wochen lang Heimat in der Kita Martinstraße. Drei Miethühner, allesamt mit Namen Berta, eroberten mit Stall, Zaun, Futter, Tränke und Zubehör den Garten der Kindertagesstätte. „Die Kinder waren begeistert“, resümiert das Erzieher-Team. Neben der Faszination, die die Tiere ausübten, lernten die Jungen und Mädchen zugleich Verantwortungsbewusstsein, Disziplin und ein bisschen etwas über Lebensmittelkunde. Der neue Rhythmus in der Kita bestand darin, morgens die Tiere aus dem schützenden Stall zu lassen, sie abends wieder zurückzubringen, tagsüber zu füttern und zu tränken und zwischendurch nachzuschauen, ob es ihnen gut geht. In der Kita bescherte der geflügelte Besuch den Kindern zwei bis drei Eier pro Tag.

Auch die Kinder- und Jugendfarm „Wilde Wiese“ hat immer mal wieder Hühner zu Besuch. „Im Rahmen unserer Ferienspiele gehören Miethühner zum festen Programm, das ist jedes Mal ein voller Erfolg“, sagt die Vorsitzende Anne Reitz. Den eher professionellen Blick auf Huhn und Hahn haben dagegen die Mitglieder des Geflügelzuchtvereins 1927. Jetzt im Frühjahr wuseln massenweise Küken auf der Anlage an der Alfred-Nobel-Straße herum. Etwa 200 Tiere leben dort regulär, in Nachwuchszeiten sind es bis zu 500. Gegen den aktuellen Trend zur privaten Hühnerhaltung hat Klaus Buchsbaum, Vorsitzender der Züchter, nichts einzuwenden. „Es muss nur genug Platz sein und die Hühner müssen trocken stehen können“, sagt er. Gut aufgehoben ist bei den Geflügelfans auch der Nachwuchs, der im privaten Umfeld keine Hühner erleben kann. Regelmäßig gibt es auf der Anlage Anschauungsunterricht zur artgerechten Tierhaltung für Schulklassen und Kindergartengruppen. Staunen erweckt dann meist das Federvieh mit dem Namen „Indio Gigante“ aus Südamerika, das bis zu 1,20 Meter groß werden kann. „Es ist sehr schade, dass wir coronabedingt unsere Führungen jetzt schon so lange nicht anbieten können“, bedauert Buchsbaum.

Nicht immer jedoch war die Verbindung der heutigen Kreisstadt mit dem Federvieh unbelastet. So brachten nach Berichten der Stadtpost zwei Hühnerfarmen in den 1960er Jahren dem Ort mit ihren insgesamt 150 000 Hühnern, die täglich etwa 30 Tonnen Kot produzierten, ein „ekelerregendes Geruchsproblem“. Nach erfolglosen Versuchen mit Trocknungsanlagen und Feldaufbringung führte erst „die konzentrierte Ablagerung in einer offenen Grube“ zu einem Fortschritt. (Von Barbara Scholze)

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