Der Abteilungsleiter „Jugendhilfe und Soziale Arbeit“ geht in den Ruhestand

Daum im Interview: Zukunftsaussichten und persönliche Erinnerungen

Nach 37 Jahren im Dienst der Stadt freut sich Hans-Jürgen Daum auf den Ruhestand.(c)Foto: ron

Dietzenbach - Hans-Jürgen Daum hat 37 Jahre für die Stadtverwaltung gearbeitet. Zum Monatsende geht er in den Ruhestand. Im Interview mit Redakteur Ronny Paul spricht Daum über Schwierigkeiten, Zukunftsaussichten und persönliche Erinnerungen.

Der 65-jährige Diplom-Pädagoge aus Urberach hat 1981 als Jugendpfleger im damaligen Jugendzentrum an der Rodgaustraße begonnen und seitdem sechs Bürgermeister miterlebt. Seit 2001 ist Daum Abteilungsleiter „Jugendhilfe und Soziale Arbeit“ und später stellvertretender Fachbereichsleiter „Soziale Dienste“. Im Interview mit Redakteur Ronny Paul spricht Daum über Schwierigkeiten, Zukunftsaussichten und persönliche Erinnerungen.

Sie haben sozusagen eine halbe Ewigkeit für die Stadt gearbeitet. Fällt es Ihnen da schwer, nun loszulassen?

Nein, überhaupt nicht. Ich war 37 Jahre lang Teil der Stadtverwaltung. Für mich war das ja im Grunde genommen ein ganzes Arbeitsleben. Das waren teilweise schöne, teilweise harte Zeiten. Ich gehe nun mit zwei lachenden Augen. Ich bin dann frei und kann über meine Zeit verfügen, kann tun und lassen, was ich will. Und da freue ich mich drauf.

Und was wäre das?

Ich werde mich weiterhin engagieren, bin ja immer noch Stadtverordneter in Rödermark und sitze im Haupt- und Finanzausschuss. Auch ein Seniorenstudium an der Uni Frankfurt werde ich avisieren. Entweder im geisteswissenschaftlichen Bereich oder in der Kunstgeschichte. Ansonsten möchte ich gerne reisen und viel mit meiner Frau und meiner Familie sowie meinen Freunden unternehmen.

An was in den vergangenen 37 Jahren erinnern Sie sich besonders gerne?

In meinen ersten Jahren in Dietzenbach waren immer die Freizeiten mit den Jugendlichen ganz schön. Wir waren oft in Südfrankreich oder auf dem Ijsselmeer in Holland. Da kam man zwar kaum zum Schlafen, aber das sind Erfahrungen, die ich nicht missen möchte. Zusammen mit den Kollegen aus dem Jugendzentrum haben wir in den 80er Jahren die Trägerschaft nach dem Hessischen Bildungsurlaubsgesetz beantragt und einige wunderbare Bildungsurlaubsseminare durchgeführt, etwa in Rakovnik. Kurz nach der Wende waren Gruppen aus Paris, Nimes, Erfurt und Dietzenbach zwei Wochen gemeinsam in Carcassonne.

An was erinnern Sie sich noch?

Natürlich an den Hessentag. Das war für uns alle ein riesen Ereignis, der kurze Sommer der Anarchie. Wir mussten einfach selbstorgansiert arbeiten. Da gab’s auf einmal keine Hierarchien mehr. Ich habe mit zwei Kolleginnen den Hessen-Palace übernommen, mit Kaya Yanar, Badesalz, den jungen Tenören und Bundeswehr-Bigband. Da ging richtig die Post ab. Ich habe jeden Tag 18 bis 20 Stunden gearbeitet, ein bisschen geschlafen und war dann wieder da. Danach war ich auch ziemlich platt. Aber es war eine tolle Erfahrung. Da habe ich mir gewünscht, wir fangen das starke Gefühl, „wir sind die Dietzenbacher Stadtverwaltung“, auf und organisieren die Verwaltung im Anschluss neu.

Das hat dann nicht geklappt?

Nein, da gab es ja dann den Wechsel in der Spitze der Stadtverwaltung. Jürgen Heyer ging und Stephan Gieseler fing an. Da standen dann erst mal andere Dinge an.

Wie ging’s dann weiter?

Ich war auch eine Zeit lang Geschäftsführer des Ausbildungsforums, ein Zusammenschluss der IHK, der Schulen, Arbeits- und Stadtverwaltung sowie Betrieben in Dietzenbach. Da habe ich einen sehr engen Kontakt zu Firmen gehabt. Das war eine produktive und sehr schöne Zeit für mich, vor allen Dingen aufgrund der engen Kooperation mit den Unternehmen in Dietzenbach. Dann habe ich die Stelle als Abteilungsleiter und später stellvertretender Fachbereichsleiter bekommen. Die wird jetzt neu ausgeschrieben.

Was war Ihnen wichtig?

Mit zwei Kolleginnen habe ich den ersten Armutsbericht geschrieben. Da war es wichtig, auf Basis von Daten zu entscheiden und nicht aus dem Bauch heraus. Die Stadt hat eine hohe Fluktuation, zurzeit einen hohen Zuzug aus Südosteuropa. Das muss man einfach wissen, insbesondere im Sozialbereich.

Sind Sie ein Zahlenmensch?

Ich habe ein paar Zusatzqualifikationen. Statistik habe ich an der Uni schon gelernt. Die Software, die wir nutzen, gab es damals schon im Lochkartenformat. Ich lege viel Wert darauf, dass man auch Zahlen als Grundlage hat. Später habe ich eine zertifizierte Ausbildung zum systemischen Berater für Personal- und Organisationsentwicklung durchlaufen. Da ging es um die Verwaltungsreform und wie man in der Sozialen Arbeit Qualitätsentwicklung machen kann.

An was erinnern Sie sich lieber nicht?

Dass wir zurzeit finanziell durch den Schutzschirm sehr eingeschränkt sind. Da muss man mit umgehen. In einer Sozialausschusssitzung haben wir mal vorgestellt, was wir an fremd finanziertem Personal in meinem Bereich haben. 42 Prozent der Personenstunden, die bei mir auf der Fachebene sind, werden über Projektmittel sowie Zuschüsse vom Kreis finanziert. Die diesbezüglichen Stellen sind alle, außer die Schulsozialarbeit, zeitlich begrenzt. So hangeln wir uns durch. Diese projektbezogene Fremdfinanzierung legt uns auch inhaltlich und die Zielgruppe betreffend fest. Wir benötigen eigentlich mehr Personal, das kontinuierlich arbeitet, bei dem Kinder und Jugendliche wissen, da kann ich sofort hin.

Wie wirkt sich das aus?

Ich wünsche mir schon, dass wenn die Schutzschirmphase vorbei ist, dass man vor allem im Bereich klassische Jugendarbeit aufstockt. Da sind wir schon ziemlich eng. Die Kolleginnen und Kollegen stehen hier schon mehr unter Druck als in anderen Gemeinden. Auch in der Schulsozialarbeit müsste zumindest in den weiterführenden Schulen nachgebessert werden. Wir sind hier in einer anderen strukturellen Situation als in den Gemeinden um uns herum. Allerdings muss auch in der Jugendhilfe und sozialen Arbeit betriebswirtschaftlich gedacht werden. Es steht immer auch die Frage an: „Kann ich durch Reorganisation und gegebenenfalls. durch verbindliche Kooperation mit anderen Ressourcen bündeln und bessere Ergebnisse erzielen?“ Da muss eine Offenheit dafür da sein. Erst dann muss man sagen, „Das packen wir nicht mehr“. Dann muss in die Struktur investiert werden. Das wünsch ich mir auch, klar. Trotzdem halte ich beides für wichtig.

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Wie hat sich die Jugendarbeit in Dietzenbach verändert?

Als wir in den 80er Jahren angefangen haben, gab es die erste Phase, in der die Zahl der Bewerber um einen Ausbildungsplatz höher war als die Ausbildungsplätze. Nach einer Befragung im Jugendzentrum hat die Stadt sofort reagiert. Es gab dann eine Qualifizierungsmaßnahme, die hieß damals MBLJ. Da konnte man auch einen Hauptschulabschluss nachholen. Diese ist in das außerbetriebliche Ausbildungszentrum, das wir in der Messenhäuser Straße mal hatten, mit den drei Ausbildungsgängen, Schreiner, Schneider, Schlosser gemündet. Heute geschieht viel mehr in Kooperation mit Unternehmen. Es gibt auch entsprechende Qualifizierungs- und Bildungsträger vor Ort, wie etwa die Awo und andere, die das abfangen können. Das ist schon ein Unterschied. Was sich noch geändert hat sind die Anforderungen an die Jugendlichen selbst. Die sind enorm gestiegen. Damals gab es noch den Elektromechaniker oder den Elektriker, also den normalen Handwerker. Heute werden Mechatroniker ausgebildet. Diese Ausbildung erfordert die Fachhochschulreife. Die Digitalisierung wird diese Entwicklung noch beschleunigen. Die Frage dabei ist, was macht man mit den Jugendlichen, die da intellektuell und bildungstechnisch nicht mehr mitkommen. Die wird’s geben. Wie geht man mit denen um? Welche Möglichkeiten der Erwerbsarbeit wird es für diese geben? Generell wird es darum gehen, die Arbeitsgesellschaft neu zu definieren und zu gestalten, die soziale Sicherheit der hier lebenden Menschen zu gewährleisten und damit ihre Würde zu erhalten. Aber das ist eine Frage, die weit über den Horizont der Kommune hinausreicht, aber sich in dieser praktisch auswirkt.

Was geben Sie Ihrem Nachfolger mit auf den Weg?

Ich gebe meinem Nachfolger nichts auf den Weg. Ich kann nur beschreiben, dass man sich über diese Zukunftsfragen Gedanken machen muss, dass dies Themen werden, die die Jugendhilfe betreffen. Weiterhin wird man sich immer über die Erweiterung von Ressourcen Gedanken machen müssen – Beispiel Jugendarbeit –, weil mehr zu leisten ist, als geleistet werden kann und die Kollegen doch sehr belastet sind. Bei uns kursiert der Spruch; „Wer im Jugendhilfe- und Sozialbereich der Kreisstadt Dietzenbach arbeiten kann, kann überall arbeiten!“ Da ist was dran. Die Zahl der Geburten wird in der nächsten Zeit gleichbleiben oder steigen. Wir haben ja auch neue Wohngebiete, da kann man jetzt schon prognostizieren, wie es in zehn, 15 Jahren aussieht. Was ich mir noch wünsche, habe ich meinen Kollegen in meiner Abschiedsrede gesagt. Sie sollen weiter klar machen, wo es hakt, wo die Probleme liegen. Sie sollten weiter sehr offen darüber diskutieren und ihren Eigensinn bewahren. Ich bin davon überzeugt, dass nur eine offene Diskussion, ein guter Streit, zu guten Ergebnissen führen kann. Der Verwaltung habe ich mitgegeben, dass sie sich immer wieder Gedanken darüber macht, warum sie hier ist. Dass sie Dienstleister für die Bürger ist, dass sie dazu beitragen muss, dass die hier lebenden Menschen ein würdevolles Leben leben können.

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