Bunker und andere Überbleibsel des Zweiten Weltkriegs

Stollen im instabilen Wingertsberg

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Auf dem Grundstück hinter dem Zaun, auf das der Ausscheller „schaut“, befand sich das Haus der Familie Knecht an der heutigen Darmstädter Straße.  

Dietzenbach - Bei Führungen durch die Dietzenbacher Altstadt lernt man das Dorf kennen, aus dem die heutige Kreisstadt entsprungen ist. Gerolf Baum vom Heimat- und Geschichtsverein erzählt bei seinen Führungen von Überbleibseln aus dem Zweiten Weltkrieg. Von Lisa Schmedemann

Eine Skizze aus dem Privatbesitz von Gerolf Baum zeigt das Wohnhaus der Knechts.

Das Jahr 2017 ist vorbei und die guten Vorsätze für das neue Jahr werden in die Tat umgesetzt. Manche Menschen möchten sich selbst etwas Gutes tun, indem sie regelmäßig das Fitnessstudio aufsuchen, andere setzen den Fokus auf ihre Mitmenschen. In den sozialen Medien werden Aufrufe gestartet, um bedürftigen Mitbürgern unter die Arme zu greifen. Das jüngste Beispiel sind warme Winterjacken, die an den Stamm eines Baumes gehängt werden und somit obdachlosen Menschen zur Verfügung stehen. Heute geht es den meisten Menschen in Deutschland gut, doch vor rund 75 Jahren sah die Lage anders aus. Der Zweite Weltkrieg hat seine Spuren auch in Dietzenbach hinterlassen.

Bei der „Bombennacht“ vom 20. auf den 21. September im Jahre 1941 war der heutige Altstadtkern nach dem Angriff der Briten schwer beschädigt worden. Die evangelische Christuskirche erinnert jedes Jahr mit Glockenläuten an den Angriff und aufmerksame Spaziergänger können Bombenkrater im Wald, zum Beispiel neben dem Wollwiesenteich, entdecken. Es existieren noch weitere Relikte aus diesen Tagen und erst vor etwa zwei Jahren wurde ein weiteres in Steinberg entdeckt.

Während es sich bei dem Steinberger Exempel um einen Privatbunker eines geflüchteten Frankfurter Pferdemetzgers handelt, wurde der Bau der in der Altstadt verteilten Bunker von vielen Familien als Gemeinschaftsprojekt finanziert. „Vom Staat gab es zu dieser Zeit keine Unterstützung“, erzählt Gerolf Baum vom Heimat- und Geschichtsverein (HGV) bei einer Altstadtführung. Der größte Bunker befindet sich unter dem Kirchhof der evangelischen Christuskirche. Wenn man genau schaut, ist er leicht gewölbt, was der Betonkonstruktion im Erdreich geschuldet ist. Während des Hessentages 2001 in der Kreisstadt ist der Unterschlupf vom HGV geöffnet worden. „Der Verein entschied sich jedoch damals dagegen, ihn für Führungen offenzulassen“, erinnert sich Baum.

Ein weiterer Bunker befindet sich unter dem heutigen Feuerwehrmuseum. Einige Dietzenbacher suchten außerdem Schutz in ihren Gewölbekellern, sofern sie einen besaßen, und die Mehrheit grub Stollen in den Wingertsberg. „Der Berg war durchlöchert wie ein Schweizer Käse und damit instabil, die Verstecke hätten einem Bombenangriff nicht standhalten können“, vermutet der Heimatforscher. Dies sei auch der Grund, weshalb die Gänge recht zügig wieder geschlossen worden sind, wenn sie nicht schon von selbst einstürzten.

Baum berichtet auch von der Familie des Landwirtes Philipp Knecht. Diese suchte vermutlich während des Luftangriffes der Royal Air Force im September 1941 Schutz im Bunker unter der Kirche. Dass das damals kleine Dorf Dietzenbach Ziel eines Bombenangriffes geworden ist, ist ungewöhnlich. Der Verein hat nachgeforscht: In den offiziellen Berichten der Royal Air Force ist vermerkt, dass an diesem Tag die Stadt Frankfurt bombardiert worden sei. Bei dem Angriff verlor Familie Knecht ihr Wohnhaus in der heutigen Darmstädter Straße, ungefähr auf Höhe des Ausschellers.

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Unter dem Dach des Hauses der Familie saß eine kleine Teufelsfigur mit blauer Hose, roter Jacke und einem Wams. Nachdem der Brand gelöscht war, entdeckten die Knechts, dass ihr „Deiwelsche“ den Angriff unbeschadet überstanden hatte. Den Balken, auf dem die Figur saß, lagerte man ein, um das Wohnhaus eines Tages wieder aufzubauen. „Doch wie es der Teufel will, verschwand das Deiwelsche spurlos“, berichtet der Altstadtführer. „In Ditzebach, in Ditzebach, da sitzt de Deiwel unnerm Dach“, heißt es im Volksmund und wird immer wieder aufgegriffen: Im Jahr 2000 spendete der Lions-Club die Deiwel-Skulptur, die vor dem Museum für Heimatkunde und Geschichte steht, ein Jahr später folgte das rot-gelbe Maskottchen des Hessentags in Dietzenbach. Der Kerbborsche-Jahrgang 2015 wählte das Motto „De Deiwel im Kopp“ und der diesjährige Jahrgang ist „Deiwelisch goud“ als Hommage an den Deiwel der Familie Knecht.

 

Der Heimat- und Geschichtsverein geht davon aus, dass noch weitere Privatbunker nach dem Steinberger Beispiel existieren. Er freut sich daher über Menschen, die mehr wissen, und ihm entsprechende Informationen unter 06074/41742 zukommen lassen.

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