Heinrich-Mann-Schülerin Vanessa Kokoschka

Abitur, eine bösartige Verschwörung

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Bunt ist es, im Voyeur des Oberstufengebäudes in der Heinrich-Mann-Schule. Von Wänden und Geländern grüßen Freunde und Familie mit den besten Wünschen fürs Abitur. 

Dietzenbach - Unsere Mitarbeiterin Vanessa Kokoschka ist eine von 100 Heinrich-Mann-Schülern, die gerade mitten im Abiturstress stecken. Ihre Erfahrungen hat sie für uns niedergeschrieben. Von Vanessa Kokoschka

„Der Mensch ist frei, doch überall liegt er in Ketten“. Ein Satz von Rousseau, den man im Ethik-Unterricht früher oder später kennenlernt. Und die Ketten meiner Mitschüler und mir heißen momentan Abitur. Das Wort, mit dem man jeden Schüler in die Flucht schlagen kann. Denn damit sind nicht nur die Prüfungen verbunden, sondern auch das Lernen davor. Jedes Jahr Mitte März beginnen die schriftlichen Prüfungen und jedesmal im März bekommen Abiturienten die Krise.

Dieses Jahr ist mein Jahrgang dran, und besonders, wenn ich an die anstehende Mathe-Prüfung denke, bekomme ich Bauchschmerzen. Und nicht nur das: Verzweiflung ist dabei mit inbegriffen. Wie oft habe ich mein Mathe-Buch aufgeschlagen und angeekelt wieder zugeklappt beim Anblick von Sinuskurven, Polynomfunktionen und Co. Nie werde ich verstehen, wie mich sowas im Leben weiterbringen soll. Als ob ich jemals mitten im Supermarkt spontan beschließen sollte, den Rotationskörper eines Joghurtbechers zu berechnen. Oder die Wahrscheinlichkeit zu ermitteln, mit der ein Meteorit meine Schule platt macht. Fakt ist: Weder werden die beiden eben genannten Ereignisse eintreten, noch werde ich diese ganzen Formeln je benötigen. Leider sehen das meine Lehrer anders. Von Stunde zu Stunde versuchen sie uns tänzelnd und wild hin und her gestikulierend die Notwendigkeit der Mathematik weiszumachen. Nur ohne Erfolg. Deswegen ist es auch nicht weiter verwunderlich – besonders in der stressigen Abi-Phase – wenn urplötzlich Schüler unter sogenannter Schwänzeritis erkranken und der Schule fern bleiben. Und somit auch den Tücken der Mathematik.

Oder Deutsch. Welche Intentionen Kafka, Fontane oder Büchner mit ihren literarischen Werken verfolgten, sind nicht halb so interessant, wie die Lehrer es gerne darstellen. Schließlich wird mir Goethes Faust nie auf der Arbeit erscheinen, um über den Verlust von Gretchen zu quatschen. „Allwissend bin ich nicht, doch vieles ist mir bewusst“ (aus Faust). Mit diesem und noch vielen anderen Zitaten wirft mein Deutschlehrer gerne mal um sich. Und ja, ich stimme ihm zu: Mir wird nämlich genau da bewusst, dass mich Fausts Unzufriedenheit und Probleme nicht die Bohne interessieren. Umso beneidenswerter ergeht es dann denjenigen Schülern, die in diesen Fächern den kompletten Durchblick haben.

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Aber als ob das nicht schon alles genug der Grausamkeiten wäre, beraubt die Schule uns noch der Freizeit. Kein Shoppen. Keine Ausflüge. Kurzum: ein Leben in Enthaltsamkeit und Einöde. Denn Lernen wird auf Dauer ultra-langweilig. Und weil einige Schüler, wie auch ich selbst, dazu neigen, bei Langeweile einfach Schokolade und anderen Süßkram in sich hineinzustopfen, nimmt man langsam auch noch zu.

Schule und Abitur: Das ist alles eine heimtückische und bösartige Verschwörung gegen uns Schüler. Alles in allem nähert sich die Schulzeit langsam aber sicher dem Ende. Natürlich schwingt auch ein wenig Wehmut mit, denn letztendlich wollen die meisten Lehrer ja wirklich nur das Beste für uns.

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