„Es gibt ruhigere Arbeitsplätze“ 

Bürgerservice hat deutlich weniger Personal als früher

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Der Bürgerservice im Rathaus ist die zentrale Anlaufstelle für städtische Dienstleistungen.

Dietzenbach - Der Bürgerservice ist ein städtisches Aushängeschild. Die Arbeit an den Schaltern dort bringt zahlreiche Herausforderungen mit sich – und das nicht nur wegen der Personalsituation. Von Christian Wachter 

Es ist einer dieser Orte, an dem Welten aufeinanderprallen. Der eine schaut kurz vorbei, holt sich seinen Pass für die nächste Übersee-Reise ab und kümmert sich dabei gleich noch um einen Anwohnerparkplatz. Ein anderer wartet, von für ihn fremder Sprache umgeben, auf die Dokumente, die der bürokratische Boden für seine Zukunft sein sollen. Irgendwann jedenfalls muss eh jeder mal vorbeischauen. Für die Mitarbeiter des Bürgerservices führt das zur so einfachen wie konsequenzenreichen Rechnung: Mehr Einwohner, das heißt auch mehr Arbeit. Und dass die in den vergangenen Jahren kaum leichter geworden ist, zeigt ein von Abteilungsleiter Volker Lotz erarbeitetes Dossier.

Im Jahr 2002, als das Stadtbüro gerade eröffnet hatte, lebten 32.852 Menschen in der Kreisstadt. Inklusive der Altstadt-Dependence hatte der Bürgerservice neun Vollzeitstellen, zwei an der Info- und Telefonzentrale, sieben Schalterplätze. Rathaus und Stadtbüro standen den Bürgern damit wöchentlich 66,5 Stunden zur Verfügung, 346,5 Arbeitsstunden fielen wöchentlich an. Inzwischen ist das Stadtbüro passé, die Besetzung, und das auch erst seit Zuwachs Anfang März, auf drei Vollzeit- und drei Teilzeitstellen geschrumpft, die Infozentrale noch von einem Mitarbeiter besetzt. Aus den 66,5 Stunden sind 21 geworden, die wöchentliche Arbeitszeit beträgt 217 Stunden. Und das bei 35.559 Einwohnern.

Lange Wartezeiten, Ärger bei Bürgern und eine höhere Belastung der Mitarbeiter sind die Folge. Die Fluktuation, erläutert Markus Hockling, Fachbereichsleiter für Sicherheit und Ordnung, sei hoch, manche hätten gekündigt, andere seien innerhalb des Hauses gewechselt. Es gebe einfachere Orte, um im Rathaus sein Geld zu verdienen, „ruhigere“, fügt Lotz lächelnd hinzu. Das Anspruchsdenken der Bürger sei hoch, betont Hockling. „Viele benutzen die Mitarbeiter als Blitzableiter.“ Dennoch hielten sich die Beschwerden trotz der angespannten Situation in Grenzen.

Wie viel Arbeit im Rathaus anfällt, wird maßgeblich auch von der Politik bestimmt. Seien es die Flüchtlingsströme der vergangenen Jahre, Spätaussiedler oder die Arbeitnehmerfreizügigkeit und die EU-Osterweiterung. Menschen aus Rumänien etwa kämen häufig ohne Perspektive nach Deutschland, berichtet Hockling. „Aber ihnen ist es immer noch lieber, hier auf der Straße zu leben, als in der Heimat zu bleiben.“ Die Leute würden bewusst nach Deutschland geschickt, dann übernehme jemand vom Typus „Manager“ – seriös mit Anzug gekleidet – den Papierkram. „Ein Gewerbe wird dann gleich mit angemeldet und den Menschen als Arbeitsvertrag verkauft.“ Zu welchen Arbeitsbedingungen das führen kann, ist längst kein Geheimnis mehr.

Natürlich versuche man, etwa über das Finanzamt, unlauteren Praktiken einen Riegel vorzuschieben, zu prüfen, ob eine Dienstleistung auch angemeldet wird, sagt Hockling. „Wenn hier allerdings wieder mal ein Kleinbus auftaucht, verlängert sich die Wartezeit für alle anderen um eine Stunde“, führt Lotz an.

Wenn dann auch noch Wahlen sind – schließlich trägt der Bürgerservice schon offiziell das Addendum Wahlamt– wird es personell noch ein Stückchen enger. So wird laut Lotz allein schon eine Sachbearbeiterin wochenlang für die Briefwahl abgestellt. Dann gilt es die Wahlhelfer zu managen, die nicht unbedingt mehr werden. „Es ist wie bei den Vereinen, immer die gleichen sind dabei.“

Von den Schattenseiten des Lebens bekommt man im Bürgerservice reichlich mit. Von den Wohnungen im Spessartviertel, in denen am Montag und Freitag einer Woche verschiedene Menschen aus dem Trolley leben, von anderen Wohnungen, in denen sich 20 Menschen 45 Quadratmeter teilen. Dann sind da jene, die sich in einer Lebenssituation befinden, in der man es mit der Hygiene nicht mehr ganz so ernstnimmt. Weil sich schon so manche Körperflüssigkeit von der Kleidung auf die Stühle übertragen hat, wurden die Polster beim Bürgerservice abgeschafft.

Archivbilder:

Rathaus öffnet erstmals sanierte Türen

Spitze Gegenstände, ob Schere oder Brieföffner, sollten laut Anordnung nicht für die Besucher greifbar auf dem Tisch liegen. Und weil auch unbefugte Zutritte keine Seltenheit waren, wurden aus den Türklinken außen Knäufe. Manche Mitarbeiter seien schon auf dem Parkplatz abgefangen worden, und selbst Morddrohungen habe es schon gegeben, berichtet Hockling.

Auch andere kommen nicht mit holden Absichten. Sie haben unechte Dokumente dabei. „Wir haben eine Mitarbeiterin, die entdeckt gefühlt jede Woche einen gefälschten Ausweis“, erzählt Lotz.

Für die Zukunft plant man beim Bürgerservice eine Kombination von Terminvergaben und offenen Sprechstunden. Außerdem soll ein Schnellschalter kommen; für Angelegenheiten, die sich unkomplizierter regeln lassen, die Ausgabe eines Personalausweises oder einer Lebensbescheinigung etwa. So soll mehr Flexibilität her und der Stress für die Mitarbeiter weniger werden. Dietzenbach jedenfalls, so die Prognose, wird kaum kleiner werden. Für 2030 gehen die Schätzungen von 37.000 bis 38.000 Einwohnern aus.

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