Der Herr der schönen Stoffe

In der Kreisstadt weht seit mehr als 20 Jahren ein Hauch Japans durch die Straßen: Norman Seibel ist fasziniert vom Land der aufgehenden Sonne. Aus seiner Begeisterung heraus hat er nicht nur eine Geschäftsidee entwickelt. 

Dietzenbach – Eine metallerne Treppe führt hinauf in das Büro von Norman Seidel in der Gartenstraße 4. Durch die Tür hindurch betreten Besucher eine andere Welt: Die Fenster sind bedeckt mit Jalousinen aus Reispaper – Washi genannt –, an der Notizwand hängt ein Plakat für das Main-Matsuri in Frankfurt. Gegenüber hängen Shirts mit Küken und Katzen. Auf der anderen Seite der Tür stehen traditionell japanische Schuhe in Reih und Glied. Darüber hängt der Druck einer Geisha. Im Raum dahinter stapeln sich Kartons neben Kleiderstangen und Regalen. Diese sind bestückt mit kunstvoll verzierten Stoffen.

All diese Dinge beschreiben die Arbeit von Norman Seidel: Innenausstattung, Kimono-Verkauf, das Modelabel Yakitori sowie das Designlabel Kanoko und Eventorganisation. Er ist der Chef und Gründer der Agentur Tenjikai, unter die die meisten Angebote fallen. Seine Arbeit ist stark geprägt durch sein Interesse für das Land der aufgehenden Sonne. Mit vielen Ideen bereichert er die kleine, aber stetig wachsende Szene der Japan-Fans.

Den Anstoß gab damals sein Judo- und Kendo-Training, das er als Kind begann. „Ich reiste für Wettbewerbe auch nach Asien“, erinnert er sich. Durch den Sport beschäftigte sich der damalige Jugendliche mit der Kultur des Landes, das seine Arbeit als gelernter Raumausstatter später beeinflusste.

„Dabei entstehen viele Ideen aus einer Laune heraus.“ 2000 und 2001 zum Beispiel organisierte der 53-Jährige einen japanischen Brunch, um dazu beizutragen, das Reinhard-Göpfert-Haus wiederzubeleben. „Das wurde sehr gut angekommen“, erinnert sich Norman Seidel.

Die Faszination des ostasiatischen Landes sei groß und ziehe daher viele Neugierige an. „Viele fahren japanische Autos oder benutzen japanische Elektronik, aber wissen nur wenig über das Land“, sagt der zweifache Vater. Daher empfinden viele den Inselstaat als exotisch. „Je weniger wir über ein Land wissen, desto interessanter ist es.“ Bis heute verbinden viele mit dem Land nur Sushi, Geishas und den Berg Fuji, erläutert Seidel. Es sei ein Land der Ruhe und daher ein Gegenpol zu der westlichen Hektik. „Das ist ein Trugschluss“, sagt er.

Ein weiterer Grund für die Beliebtheit der japanischen Kultur sieht Seidel in dem hohen kulturellen Anspruch, den das Land entwickelt hat. „Das ist geschichtlich und geografisch begründet“, erläutert der gelernte Raumausstatter. Nicht nur durch die Lage im Pazifik, sondern auch die Landesabschließung – 1630 bis 1853 herrschten, wenn überhaupt, nur selektive Handelsbeziehungen zum Ausland – perfektionierten die Japaner normale, alltägliche Handlungen. Daraus entstanden Künste wie Ikebana (die Kunst des Blumenarrangierens) oder die Teezeremonie (japanisch chadou), die auch außerhalb Japans beliebt sind.

Dieses kulturelle Angebot kombiniert Norman Seidel mit seinem eigenen Designs, wodurch das Label Yakitori entstand, aber auch die Zusammenarbeit mit einem niederländischen Rollo- und Jalousienhersteller.

Zwei bis drei Mal im Jahr reist Seidel nach Japan, um sich nach Künstlern und Designern umzuschauen. Dabei nutzt er auch die Gelegenheit, um zum Beispiel bei Haushaltsauflösungen Materialien für sein Designlabel Kanoko zu sammeln. Oder Yukata und Kimono – seidene traditionelle Kleidung – mitsamt Zubehör zu ergattern. „Diese stelle ich dann hier in der Gartenstraße aus“, berichtet Seidel. So auch am morgigen Sonntag, 27. Oktober, von 11 bis 17 Uhr. Die Kimono und Haori sind größtenteils Vintage-Stücke, die er zum Kaufen anbietet.

Das ist nicht die einzige Veranstaltung, die der Dietzenbacher das Jahr über organisiert: Das Main Matsuri, für das Seidel Ideengeber war, fand in diesem Jahr zum zweiten Mal statt – für das kommende steht das Datum auch schon fest. Aber als nächstes steht ein deutsch-japanischer Wirtschaftsdialog in Zusammenarbeit mit der IHK Offenbach am 20. November an.

„Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht“, sagt Seidel zufrieden und fragt: „Was gibt es denn besseres?“

VON YVONNE FITZENBERGER

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