Herrenchor lässt nach fast 150 Jahren die Aktivitäten ruhen

Verstummen der Männerstimmen

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Dietzenbach - Die Sängervereinigung „Germania-Frohsinn 1871/1903“ ist einer der ältesten Vereine der Stadt mit stolzer Tradition. Ende des Monats lässt der dort angesiedelte Männerchor alle Aktivitäten ruhen. Es findet sich nicht genügend Nachwuchs. Von Tamara Schempp 

Wenn Heinz Albert mit einem Lächeln auf den Lippen die ersten Zeilen der Ballade „Die Rose“ von Peter Alexander anstimmt, eines seiner Lieblingslieder, wird er melancholisch. „Liebe ist wie wildes Wasser, das sich durch Felsen zwängt...“ singt er mit vibrierender Stimme. Dann wird der 83-Jährige, der sonst vor Lebensenergie nur so strotzt, fast schon ein bisschen verschämt. „Ich bin kein Solosänger“, erklärt er. Seit 68 Jahren leiht Albert dem Männerchor des Gesangvereins Germania-Frohsinn seine 1. Bassstimme. Ende des Monats wird das vorbei sein. Der Chor muss seine Aktivitäten niederlegen, der Vertrag mit dem Leiter Christian Hauck läuft aus.

Für die Männer geht eine Ära zu Ende. Eine Zeit, in der sie gemeinsam viel erlebt haben. Der Verein blickt auf eine fast 150 Jahre alte Geschichte zurück. Dessen Männerchor ist eine Gemeinschaft der beiden eigenständigen Gesangvereine Sängerkranz, gegründet 1861 und damit der älteste Verein Dietzenbachs, und der zehn Jahre später aus der Taufe gehobenen Germania. Der Zusammenschluss zwischen „Germania“ und dem 1903 gegründeten Bruder „Frohsinn“ mit dem Sängerkranz erfolgte 1920 – aus einem traurigen Grund. Der Erste Weltkrieg forderte zwischen 1914 und 1918 auch unter den Sängern viele Opfer. So taten sich die Hinterbliebenen zusammen. Die Zeit des Zweiten Weltkriegs brachte wiederholt Probleme: Erneut wurden junge Männer eingezogen, Vereine verboten. 1943 stellte Germania-Frohsinn schließlich die Proben ein.

Drei Jahre später durften die Männer offiziell wieder gemeinsam singen. 1946 erteilte die amerikanische Militärregierung Germania-Frohsinn als erstem Gesangverein in Dietzenbach eine Genehmigung. Es folgten sieben Jahrzehnte voller Erinnerungen, die Heinz Albert in Fotoalben, Umschlägen und Ordnern aufbewahrt. Zu den Höhepunkten zählen für den 83-Jährigen neben Auftritten im Rundfunk und Großveranstaltungen wie dem Jubiläumskonzert zum 25-jährigen Bestehen der Johannis Freimaurerloge in der Stadthalle Aschaffenburg 1992 die heimischen Konzerte. Anlässlich der Stadtwerdung Dietzenbachs 1970 sang der Chor in der Ernst-Reuter-Halle. Bei Konzertreisen nach Ungarn, Holland, Luxemburg, Frankreich und Tschechien präsentierten die Männer im Ausland traditionelle deutsche Lieder.

20 Jahre lang war Heinz Albert Vorsitzender des Vereins. Begonnen hat er 1950, mit 15 Jahren – kurz nach dem Stimmbruch. Sein Vater, selbst Vollblutmusiker und Mitglied bei Germania-Frohsinn, nahm den Bub eines Tages mit zu den Proben im Saal des „Neuen Löwen“, dem späteren „Wienerwald“ an der Rathenaustraße. Dort trifft sich der Männerchor jeden Montag zum Proben.

Was die Männer bis heute vereint, ist die Pflege traditionellen Liedguts, der Spaß am Singen – und die Freude am Gewinnen. „Wir haben schon immer versucht, Leistung zu erbringen“, erklärt Albert. „Auch der zweite Platz war schon eine Niederlage“, sagt er lachend. Wettstreite wie das Bundesleistungssingen schrieben die Gesangsvereine zumeist selbst aus. „Es war aufregend. Wir haben meistens gewonnen“, erzählt Albert immer noch stolz.

So wirkt Musik auf unseren Körper

Dass der Männerchor ab September ruht, stimmt den sonst so fröhlichen Rentner traurig. Sein Vater habe ihm noch auf dem Sterbebett gesagt: „Pass’ mir gut auf den Verein auf!“ Gern hätte Heinz Albert sein 70-Jähriges als aktiver Sänger in zwei Jahren gefeiert und beim 150. Jubiläum des Vereins in drei Jahren gesungen. „Das tut schon weh“, sagt er. Der Grund für das Aus der Aktivitäten: Nachwuchsprobleme. „Wenn ich kein Holz habe, kann ich als Schreiner nicht arbeiten“, erklärt Albert das Problem. Dem Verein fehlen die Jungen, sowohl dem Vorstand als auch den Sängern. Mit der Zeit wurde es immer schwieriger, Sänger für alle vier Stimmlagen – 1. Tenor, 2. Tenor, 1. Bass, 2. Bass – zu finden. Für den gelernten Kaufmann habe die Entscheidung, die Aktivitäten ruhen zu lassen, auch wirtschaftliche Gründe, sagt er. „Man muss sich fragen: Habe ich noch genug Kapital und lohnt es sich zu investieren?“ Schließlich müssten die Kosten, etwa für den Dirigenten, gedeckt werden. Ohne genug Mitglieder, die den Beitrag über 60 Euro im Jahr zahlen, ist das irgendwann nicht mehr möglich. Was Albert ab September montags vorhat, wenn er nicht zum Singen fährt? „Glauben Sie etwa, mir wird langweilig?“ fragt er mit einem Augenzwinkern und lacht. Sicherlich nicht.

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