Von Menschen in Dietzenbach

Horst Schäfer beleuchtet Schicksale während des Dritten Reichs

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Horst Schäfer (links) stellt sein Buch „...und tilg nicht unser Angedenken“ vor. Artus Rosenbusch hat bei der Umsetzung geholfen.

Dietzenbach - Es ist ein wahrhaft monumentales Werk entstanden, das ein dunkles Kapitel der Dietzenbacher Geschichte aufarbeitet wie keine Publikation zuvor. Drei Jahre Arbeit hat der ehemalige Richter Horst Schäfer in ein Projekt gesteckt, das nun zum Abschluss gekommen ist. Von Barbara Scholze

In einem mehr als 600 Seiten starken Buch schildert Horst Schneider unter dem Titel „...und tilg nicht unser Angedenken“ die Ereignisse im nach außen so beschaulichen Dörfchen während des Dritten Reichs. Als Herausgeber der aufklärenden Lektüre fungieren zwei Dietzenbacher Initiativen: Die Arbeitsgruppe „Aktives Gedenken in Dietzenbach“ und der Verein „Zusammenleben der Kulturen“. Er sei schon immer sehr „geschichtsinteressiert“ gewesen, erzählt Autor Schäfer. Geprägt von der 68er Bewegung habe er sich auch um Informationen über die NS-Zeit bemüht. Den Ausschlag für das eigene Buchprojekt habe allerdings eine eher persönliche Betroffenheit gegeben. Im Rahmen der Stolperstein-Aktion der Gruppe „Aktives Gedenken“ habe er immer wieder Geschichten aus dem Leben von Dietzenbacher Juden und auch von Euthanasieopfern gehört. Niedergeschriebene, zusammenhängende und aufgearbeitete Informationen habe es jedoch keine gegeben. „Irgendwann fühlte ich mich aber den Schicksalen der Betroffenen und ihrer Würde verpflichtet“, sagt Schäfer.

Eine Verpflichtung, die dem Juristen während der Entstehungszeit des Buches teils ein „Leben auf der Straße“ bescherte. Schäfer war ständig unterwegs. Immer wieder zog es ihn in Archive, Gedenkstätten und Stiftungen quer durch Deutschland. Von der Korrespondenz mit wissenschaftlichen Institutionen ganz zu schweigen. „Langwierige und akribische Recherchen“ habe Schäfer geleistet, schreibt auch Landrat Oliver Quilling in seinem Grußwort zu dem Buch. Bürgermeister Jürgen Rogg bestätigt: „Schäfer hat eine unglaubliche Fülle an neuen Fakten und Details zutage gefördert“.

So lässt das Werk auf rund 250 Seiten die Geschichte der weitverzweigten jüdischen Familien von Max, Hermann, Gottschalk, David und Benjamin Wolf lebendig werden, widmet sich anschließend auf etwa 66 Blättern den Euthanasie- und politischen Opfern sowie erstmals ausgiebig den ausländischen, in Dietzenbach tätigen Arbeitern, die bisher kaum in einer Geschichtsschreibung auftauchen. „Jüdische Bürger, behinderte Menschen oder einfach Andersdenkende. Sie traf die NSDAP-Wucht in den Jahren des Dritten Reichs auch in Dietzenbach mit voller Macht“, stellt der Autor fest.

Dann kommen die Täter. „Ohne Täter gibt es keine Opfer“, weiß Schäfer. Allen voran steht der damalige Dietzenbacher Bürgermeister Heinrich Fickel, der während seiner Amtszeit im wahrsten Sinn des Wortes mit harter Faust regierte. Er wolle mit den Biografien keinesfalls „anklagen, beschämen, verletzen, polarisieren und schon gar nicht rächen oder vergelten“, so Schäfer. Sondern eher durch exakte Dokumentation die Erinnerung möglichst faktengerecht wachhalten. Dementsprechend habe er für seine Darstellungen nicht die Prosaform gewählt, vielmehr habe er Opfer und Täter mithilfe von Schriftzeugnissen und Protokollen vorgestellt. „So kann sich der Leser selbst ein authentisches Bild machen“, folgert der Autor. Auch wenn er kein Berufshistoriker sei, so habe er doch wissenschaftlich exakt gearbeitet und die Quellen am Ende jedes einzelnen Biografie-Kapitels angegeben, mit den Dokumentennummern der einzelnen Archive. „Jeder Leser wird also präzise nachprüfen können, woher die einzelne Erkenntnis stammt.“

Wesentlich beigetragen zu der Aufarbeitungs-Lektüre hat schließlich Artus Rosenbusch vom Gedenkkreis, der dem Werk nicht nur eine strukturelle, sondern auch die gestalterische Ordnung gegeben hat. Finanziell ermöglicht haben das Buch mehrere Sponsoren, darunter Privatleute, Stiftungen, Vereine und Projektträger. 400 Exemplare sind nun vorerst gedruckt. Zugutekommen werden sie vor allem dem Nachwuchs. Rosenbusch und Schäfer planen Besuche in den Schulen, nicht nur zum Gespräch, sondern auch mit einem Klassensatz Lektüre im Gepäck. Fertig ist Horst Schäfer indes noch lange nicht. „Ich habe weder alles verarbeiten können, noch habe ich aufgehört zu recherchieren, ich könnte mir also durchaus ein zweites Buch vorstellen“, kündigt er an.

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