Theaterensemble „Bühne für Menschenrechte“ erzählt von Geflüchteten und Helfern

„Ich schrie, aber keiner half“

Vier Charaktere, vier Schicksale: In „Die Mittelmeer-Monologe“ thematisiert das Theaterensemble „Bühne für Menschenrechte“ die Seenotrettung im Mittelmeer. Foto: bw

Dietzenbach – „Ich hatte große Angst“, sagt Naomie. Die junge Frau aus Kamerun erzählt, wie sie mit ihrer Tochter eng aneinander gepresst in einem kleinen überladenen Boot saß, mit Hunderten fremden Menschen auf dem Mittelmeer. Sie waren auf der Flucht nach Europa. VON BURGHARD WITTEKOPF

„Meine Rettungsweste drohte mich zu ersticken, deswegen zog ich sie aus. Ein Mann entriss sie mir und gab sie mir nicht wieder“, erzählt sie.

„Meine Tochter hatte auch keine Weste an. Es gab einfach zu wenige.“ Immer wieder habe die Kleine gesagt, ihr sei kalt. Dann kamen die Wellen. Das Boot zerbrach in zwei Teile, sie sanken. „Wir konnten beide nicht schwimmen. Ich strampelte mich an die Oberfläche und schrie, aber keiner half uns. Meine Tochter habe ich nie wiedergesehen.“

Es ist einer der beklemmenden Sätze, den die vielen Zuschauer in der fast zweistündigen Aufführung im großen Sitzungssaal des Kreishauses hören. Dort zeigt das Theaterensemble „Bühne für Menschenrechte“ sein neues Stück „Die Mittelmeer-Monologe“. Es erzählt die tragische Flucht der beiden Flüchtlinge Naomie (Gina Marie Hudson) aus Kamerun und Yassin (Michael Ruf) aus Syrien, aber auch die der beiden Aktivisten Thelma (Marlene Zimmer), die für „Alarmphone“ arbeitet, und Joe (Aaron Henninger), der als Kapitän für Seawatch Flüchtlinge aufnimmt und nach Italien oder Griechenland bringt.

Vier Schauspieler stehen auf der Bühne, jeder spielt eine der vier Rollen. Dabei erzählt jeder Protagonist seine eigene Geschichte. Naomie ist eine junge aufgeweckte Frau, die gerne Fußball spielt. Sie lernt einen Mann kennen, wird schwanger und schließlich wird ihre Tochter geboren. Als die Familie des Mannes Naomie das kleine Mädchen wegnimmt und beschneiden lässt, entscheidet sich die Frau zu fliehen. Über Nigeria und Algerien führt sie ihre Flucht nach Libyen, wo sie der Willkür der Rebellen ausgesetzt ist. Sie schafft es auf ein Boot und erreicht mit Hilfe von Seawatch schließlich Italien. Ihre vierjährige Tochter allerdings schafft es nicht, sie ertrinkt kurz vor der Rettung.

Auch Yassin gelangt mit seiner Familie nach Italien. Der studierte Ingenieur aus Syrien hat seine Flucht sehr gut vorbereitet und kommt nahezu unversehrt nach Europa. Die Aktivistin Thelma, die ihr Abitur an der Waldorfschule gemacht hat, arbeitet für Alarmphone und stellt den Kontakt zwischen den Flüchtlingen auf dem Boot und den Rettungsmannschaften, die nach diesen Booten Ausschau halten, her. Joe ist einer der Kapitäne, die für Seawatch Menschen vor dem Ertrinken retten wollen.

Alle vier Charaktere gibt es wirklich. Das Theaterstück hat der Regisseur Michael Ruf aufbauend auf Interviews und Aufzeichnungen von lebenden Vorbildern geschrieben. Die Szenen zeigen, wie Europa mit der Flüchtlingskrise umgeht. „Man will uns nicht“, sagt Naomie.

In der anschließenden Diskussionsrunde erzählt Manos Radisoglou, wie er für Seawatch mit einem kleinen Flugzeug das Meer nach Booten absucht: „Wir erleben teils schreckliche Momente, teils gute Momente“, sagt er. „Manchmal kommen wir aber einfach zu spät und sehen nur die Reste gekenterter Boote, manchmal auch leblose Körper.“ Der Chirurg Dr. Hans-Ulrich Thürck wiederum war für Ärzte ohne Grenzen (MSF) in Syrien und berichtet im Kreishaus, wie er während des Kriegs in Rakka in dem letzten intakten Krankenhaus gearbeitet hat. „Wir hatten nur eine sehr bescheidene Ausrüstung“, sagt er. „Es gab keine Röntgengeräte und nur wenig Fachpersonal.“

Die vielen Fragen der Zuschauer beantworten die Podiumsgäste gerne. Doch immer wieder kommt man auf die mangelnde Unterstützung der Öffentlichkeit und der Politik zu sprechen. Ein Teilnehmer äußert: „Ich schäme mich für die deutsche Bundesregierung.“

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