Im Zweifel für den Angeklagten

Offenbach: Prozess wegen Vergewaltigung endet überraschend mit Freispruch

Vor dem Schöffengericht in Offenbach hat sich ein ehemaliger Rechtsanwalt aus Obertshausen verantworten müssen. (Symbolbild)
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Das Schöffengericht entschied sich „Im Zweifel für den Angeklagten“. (Symbolbild)

Im Prozess wegen Vergewaltigung in Offenbach heißt es „Im Zweifel für den Angeklagten“. Die genauen Umstände bleiben weiterhin fraglich.

Dietzenbach – Mit einem Freispruch endete der Vergewaltigungsprozess vor dem Schöffengericht in Offenbach nach drei Verhandlungstagen. Die Staatsanwaltschaft hatte einem 38-Jährigen vorgeworfen, seine damalige Freundin in deren Wohnung in Dietzenbach zum Sex gezwungen und sie mehrere Male misshandelt zu haben. Richter Manfred Beck und die beiden Schöffen urteilten nach dem Grundsatz „im Zweifel für den Angeklagten“.

Während des zweiten Prozesstermins Ende März hatte Verteidigerin Jennifer Pia Gehrke einen Befangenheitsantrag gegen Richter Beck gestellt. Die Nebenklägerin habe zu einem unzulässigen Zeitpunkt Akteneinsicht erhalten. Ein Richter aus Darmstadt wies den Antrag zurück, so dass der dritte Verhandlungstag wie geplant mit den Plädoyers begann.

Offenbach: Angeklagter im Prozess hatte antiquiertes Rollenbild

Staatsanwältin Isabelle Schad konstatiert, die Verhandlung habe die Vorwürfe umfänglich bestätigt. Der Angeklagte habe seine damalige Lebensgefährtin im November 2016 gegen deren Willen ausgezogen, sie festgehalten, ins Gesicht geschlagen und vergewaltigt. Im Jahr 2017 soll er die 38-Jährige außerdem dreimal körperlich attackiert, ihr einmal eine schmerzhafte Kopfnuss verpasst und zweimal seine jeweils am Boden liegende Freundin getreten haben. Dabei sei die Geschädigte einmal im dritten, das andere mal im achten Monat von ihm schwanger gewesen.

Die Zeugenaussage der Geschädigten habe glaubhaft gewirkt und in keinerlei Widerspruch zu dem gestanden, was sie damals bei der Polizei ausgesagt hatte. Für den Angeklagten wirkten zum einen diverse Eintragungen im Bundeszentralregister strafverschärfend, „wenn auch nicht einschlägig“, zum anderen belasteten die besonders verwerflichen Angriffe auf eine schwangere Frau. Schad fordert eine Haftstrafe von drei Jahren und vier Monaten Gefängnis. Dem schließt sich die Nebenklagevertreterin Karin Weber an, die dem Angeklagten ein antiquiertes Rollenverständnis attestiert. Konflikte habe er stets mit Geschrei und Gewalt lösen wollen. Die Zeugenaussage der Geschädigten habe auf tatsächlichen Erlebnissen basiert. Vermeintliche Liebesbekundungen per Textnachricht, die nach Ansicht des Angeklagten die Vorwürfe widerlegen, hätte die Geschädigte nur abgesendet, um ihren gewaltaffinen Lebensgefährten zu besänftigen.

Prozess in Offenbach: Es geht auch um das Kind des Angeklagten

Verteidigerin Gehrke fordert zu Beginn ihres Plädoyers einen Freispruch: „Die Vorfälle fanden so nicht statt, das Motiv ist klar erkennbar.“ Der Geschädigten gehe es darum, ein Umgangsrecht des Angeklagten mit dem gemeinsamen Kind zu torpedieren. Der Angeklagte habe die Nebenklägerin angeblich im November 2016 vergewaltigt. Sie habe die Beziehung dennoch weiter geführt und erst 2019 Anzeige erstattet. In der Zeit sei sie auch schwanger geworden, „weil die Nebenklägerin nach der unsicheren Zyklus-Berechnung verhütet haben will“. Wenn man von einem Partner jedoch, wie behauptet, unbedingt weg wolle, „dann vermeidet man doch, sich durch ein Kind zu binden“. Alle vorgeworfenen Taten fußten lediglich auf der Aussage der Nebenklägerin.

Richter Manfred Beck folgt Verteidigerin Gehrke im Kern. Er begründet den Freispruch unter anderem damit, „dass sich die Nebenklägerin nach der angeblichen Vergewaltigung nicht trennte, den Angeklagten erst Jahre später anzeigte“. Das Gericht könne nicht ausschließen, „dass es so war, wie Sie bezeugen“. Aber die Zweifel ließen sich nicht ausräumen, „zumal die Schilderung der Vergewaltigung schematisch wirkte“. Es sei außerdem nicht plausibel, dass ihr damaliger Freund sie zum Sex gezwungen habe, anstatt erst den Versuch zu unternehmen, sie zu überreden. Ferner bezeuge nur ihre Aussage die Gewalttaten, „nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs reicht das nicht für eine Verurteilung“. (Von Stefan Mangold)

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