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Inflation: Dietzenbacher Zeitzeugen erinnern sich an die Krise der 1920er

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Von: Barbara Scholze

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Symbolbild
Die aktuelle Inflation weckt bei 92-jährigen Dietzenbacherin Erinnerung an die 1920er © Symbolbild: dpa

Beim Vater hat es gerade so für einen Regenschirm gereicht, der Großvater konnte sich immerhin noch einen Küchenherd leisten. Gespräche über Geld kann Sofie Dörr eigentlich nicht leiden. Ebenso wenig kann die 92-Jährige aber die Erinnerungen verhindern, die derzeit auf sie einstürmen. „Meine Eltern hatten ihr Vermögen in Versicherungen angelegt und waren nach der Inflation in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts auf einmal bitterarm“, erzählt die ehemalige Lehrerin. Ihre Reaktion: Keine einzige Lebensversicherung hat sie jemals abgeschlossen. Und trotzdem wachsen momentan mit jeder Schlagzeile über die vom Ukraine-Krieg mitverursachten Inflation die Befürchtungen vor einem neuen Zusammenbruch.

Dietzenbach - Die Turbulenzen um die Währung, die Europa enger zusammen schmieden sollte, wecken vor allem bei älteren Menschen üble Rückblicke an die verheerende Inflation im Deutschland der 20er Jahre. Um die hohen Reparationszahlungen nach dem Ersten Weltkrieg leisten zu können, griffen die Politiker damals zur simpelsten Form der Geldvermehrung. Fleißig und beständig druckten die Maschinen neue Scheine, der Bargeldumlauf schoss ins Unendliche, irgendwann waren so viele Penunzen da, dass sie nicht mehr im Portemonnaie, sondern gleich in Waschkörben aufgehoben wurden.

Von dieser „Hyperinflation“ kann auch der Dietzenbacher Heimatforscher Ernst Hammann erzählen. Geboren im Jahr 1923, nach seinen Aussagen „auf dem Höhepunkt der galoppierenden Inflation“, hat er sich mit der Finanzpolitik seiner ersten Lebensjahre auseinandergesetzt. „Noch 1922 zahlten Reichsbank und Post für ein goldenes 20-Mark-Stück 700 Mark aus“, hat Hammann herausgefunden. Im Juli habe es dafür 1700 Mark gegeben, im Dezember bereits 20 000. „Und das war erst der Anfang der Geldentwertung.“

Auf der Straße habe man sehen können, wie der Wind mit achtlos weggeworfenen Banknoten spielte. „Das Geld wurde in Koffern und Körben transportiert und musste sofort ausgegeben werden, weil es am anderen Morgen nur noch den halben Wert hatte.“

Bei seinen Recherchen ist der Heimatforscher auf einen Zeitungsausschnitt vom 20. November 1923 in der „Chronik Hessens“ gestoßen, der die Inflation an einem drastischen Beispiel schildert: „Wegen der inflationären Geldentwertung erhöht die Stadt Frankfurt die Straßenbahntarife zum 30. Mal im Laufe des Jahres. Die kürzeste Teilstrecke kostet jetzt 90 Milliarden Mark. Im Februar betrug der Preis für diese Strecke noch 200 Mark. Die Inflation galoppiert. In der vorletzten Septemberwoche liegt der hessische Tagesdurchschnittslohn zwischen zehn und 12 Millionen Mark; ein Roggenbrot kostet 1,5 Millionen Mark. Die Notenpressen kommen nicht mehr mit. Städte und Betriebe drucken eigenes Notgeld.“

Erst die Einführung der Rentenmark, gegen Ende des Jahres 1923 bringt wieder Stabilität. Auch wenn der Tausch bitter ist: Eine Rentenmark entspricht einer Billion Papiermark. Hammann erzählt weiter: „Die folgende kurze Wirtschaftsblüte ließ die Menschen aufatmen. Doch schon nahte die nächste Katastrophe, der ,schwarze Freitag’ der New Yorker Börse (25. Oktober 1929). Es war das Jahr meines Schulanfangs.“

Als die amerikanischen Banken Kapital aus den europäischen Staaten zurückzogen, wurden auch diese von der Wirtschaftskrise erfasst. Die Industrieproduktion in Deutschland brach zusammen. Die Zahl der Arbeitslosen stieg auf etwa 30 Prozent und hatte ihren Höhepunkt 1932 erreicht. „Viele Väter wurden arbeitslos und gerieten mit ihren Angehörigen an das Existenzminimum. Da sahen die Nationalsozialisten ihre Zeit gekommen. Allen Warnungen zum Trotz war Hitler für viele Deutsche ihre .letzte Hoffnung’, so dass er 1933 die Regierungsmacht übernehmen konnte“, so der Heimatforscher. (Von Barbara Scholze)

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