„Erinnerung ist wichtiger denn je“

Initiative „Aktives Gedenken“ ruft Schicksal der Dietzenbacher NS-Opfer ins Gedächtnis

Auf Hochglanz gebracht haben Susanne Diaz Pacheco (Mitte), Gisela und Artus Rosenbusch die Stolpersteine, die vor dem ehemaligen Wohnhaus der Familie Wolf in der Bahnhofstraße 13 an deren Schicksal erinnern, bereits im Oktober.
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Auf Hochglanz gebracht haben Susanne Diaz Pacheco (Mitte), Gisela und Artus Rosenbusch die Stolpersteine, die vor dem ehemaligen Wohnhaus der Familie Wolf in der Bahnhofstraße 13 an deren Schicksal erinnern, bereits im Oktober.

Es sind acht Familien, 23 Menschen, deren Namen in der Kreisstadt auf ewig mit den Verbrechen in des Nazi-Regimes verbunden sein werden. Martin Werwatz, die Familien Joseph und Johannette Ostermann, David und Bertha May, Max und Johanna Wolf, Max und Rosa Merkel sowie Hermann und Emma Wolf, Philipp Wurm, Elisabethe Ebert. An sie alle, an weitere betroffene Familienmitglieder und an das, was ihnen widerfahren ist, erinnern Stolpersteine, kleine Messingtafeln, eingelassen ins Pflaster der Gehwege vor den Wohnhäusern, in denen sie einst lebten.

Dietzenbach – Ebendiese Stolpersteine am 9. November zum Gedenken an die Reichspogromnacht an ebendiesem Datum im Jahr 1938 zu putzen und zu polieren, ist in der Kreisstadt mittlerweile schon Tradition. Jährlich ruft die Initiative „Aktives Gedenken in Dietzenbach“ dazu auf, lädt damit zum gemeinsamen Gedenken ein. Ein Rundgang durch die Altstadt mit Station an allen Gedenktafeln, so wie es ihn etwa im vergangenen Jahr gab, kann aufgrund des Coronavirus diesmal nicht stattfinden. In weiser Voraussicht haben die Mitglieder der Initiative das Aufpolieren der Stolpersteine bereits im Oktober in kleiner Runde erledigt. Dennoch ist es ihnen wichtig, dass der heutige Tag dazu genutzt wird, an die schrecklichen Geschehnisse von damals zurückzudenken. „Gerade jetzt ist die Erinnerung wieder nötiger denn je“, sagt Artus Rosenbusch , Mitglied und Sprecher der Initiative „Aktives Gedenken“. Antisemitismus, Rassismus, Hass seien in der jüngeren Vergangenheit wieder deutlich zu Tag getreten. Artus Rosenbusch nennt als Beispiele die Ereignisse in Halle und in Hanau. „All das ist mir unbegreiflich.“ Umso wichtiger sei es also, sich daran zu erinnern, was solches Gedankengut anrichten kann.

Darum wollen Artus Rosenbusch und seine Mitstreiter auch in diesem Jahr zeigen, dass die vielen Opfer der NS-Gewaltherrschaft auch in Dietzenbach nicht vergessen sind. Deshalb erinnert die Initiative an Max Wolf, schildert in einem Schreiben dessen Schicksal.

Max Wolf wohnte mit seiner Familie in der Bahnhofstraße 13. Er wurde 1879 in Dietzenbach geboren. Im Ort kannte ihn jeder unter dem Spitznamen Götze-Max. So nannte man ihn wegen seines Vaters, Götz Wolf. 1908 heiratete Max Wolf Johanna Adler, mit der eine Tochter bekam, Irma. Gemeinsam führte das Ehepaar einen Agrar- und Düngemittelhandel. Auch nachdem Max Wolf als Soldat im Ersten Weltkrieg gedient hatte, bestand das Geschäft weiter. Doch der NS-Boykott ab 1933 trieb die Familie schließlich in den Ruin. 1936 konnte Max Wolf nicht einmal mehr seine Kommunalabgaben an die Gemeinde zahlen. In Folge dessen wurde er zum Verkauf seines Grundstücks gezwungen. Um sich in Sicherheit zu bringen, zog die Familie im Mai 1938 nach Frankfurt um. Doch noch im gleichen Jahr, in der Reichspogromnacht am 9. November 1938, wurde Max Wolf dort festgenommen und ins KZ Buchenwald verschleppt. Trotz aller Qualen gelang es ihm , die Zeit im Lager zu überstehen, und er kehrte Ende Dezember 1938 nach Frankfurt zurück. Obwohl der NS-Staat der Familie dann auch die letzten Ersparnisse abpresste, gelang den Wolfs schließlich im Oktober 1939 die Flucht in die USA.

Die Erinnerung an dieses und viele andere Schicksale wollen die Mitglieder der Initiative wach halten. Auch wenn heute kein gemeinsames Gedenken möglich ist. Aber auch zuhause könne sich jeder für sich oder im Kreise der Familie erinnern und so einen Beitrag leisten, sagt Artus Rosenbusch. „Eine ganze Reihe vom Dietzenbachern hat uns bereits zugesagt, dennoch zu gedenken, dazu etwa eine Kerze aufzustellen.“ (Von Lena Jochum)

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