Diakonie-Berater Michael Gallisch im Gespräch

Interview: Neue Herausforderungen für Paare, Politik und Psychologie

Offenbach/Dietzenbach -  Deutschland ist Singleland. Laut Statistischem Bundesamt leben 41 Prozent der Menschen allein.

Am Internationalen Welttag der Familie haben unsere Redakteure Peter Schulte-Holtey und Eva-Maria Lill beim Diakonischen Werk Offenbach-Dreieich-Rodgau nachgefragt, wie es um Vater-Mutter-Kind bestellt ist und mit welchen Problemen Paare heute kämpfen. Psychologe und Ehe-, Familien-, Lebensberater Michael Gallisch über Gleichberechtigung, trügerische Zahlen und Streitkultur.

Viele Deutsche leben allein. Ist die Zeit der Familie vorbei?

Die Statistik über Singles trügt. Denn in ihr zählen auch Witwer oder Witwen zu den Einpersonen-Haushalten. Ebenso Elternteile, die zwar nicht mit ihren Kindern zusammenleben, aber dennoch familiär eingebunden sind. Oder Partner, die ihre eigenen Wohnungen behalten. Zudem sehen viele „echte Singles“ ihr Alleinleben bloß als vorübergehende Phase. Familie ist also gar nicht out.

Warum brauchen wir diese Form des Zusammenlebens?

Familie ist eine in allen Kulturen und zu allen Zeiten auffindbare Grundgegebenheit. Wahrscheinlich ist unser Bindungssystem, wie es Hirnforscher beschreiben, evolutionsbiologisch in uns verankert und wir können kaum anders, als nach Liebe zu suchen. Urlaub, beruflicher Erfolg, eine durchtanzte Nacht in der Disco sind verglichen mit den Glücksgefühlen bei einer Geburt oder dem Beziehungsgeschehen zwischen Eltern und Kindern wie Stroh- und Brikettfeuer; Letzteres wärmt länger und nachhaltiger.

Und wenn’s mal nicht wärmt, kommen Paare zu Ihnen. Was sind häufige Probleme?

Allgemein können Beziehungskrisen plötzlich auftreten, etwa bedingt durch äußere Einwirkungen wie Arbeitsplatzverlust. Oder aufgrund einer schweren Erkrankung, auch psychischer Natur. Andere Krisen sind Zuspitzungen immer wieder hochkochender Konflikte. Das Nicht-Miteinander-Reden-Können ist der häufigste Anmelde-Grund. Es ist für die empfundene Güte der Ehe oder der Liebesbeziehung jedoch enorm wichtig, wie es gelingt, eine passende Konfliktkultur oder „Streitkultur“ zu entwickeln.

Wie kann diese aussehen?

Ein schlechtes Vorbild ist da die Konfliktkultur politischer Diskussionen, in denen es sich um das Recht haben, das Sich-Behaupten dreht. Es geht ums Gewinnen, was zugleich Verlierer produziert. Viele Konfliktsituationen führen zu Win-Lose-Ergebnissen statt zu Win-Win-Resultaten. Gelingt aber Letzteres, kann ein Paar seine Bindung stärken, da es einen Konfliktlöse-Modus erarbeitet, der von Respekt, Verständnis, Aufeinander-Zugehen und dem Ziel von einvernehmlichen Lösungen gekennzeichnet ist.

Können Sie uns ein Beispiel für gelungene Konfliktlösung nennen?

Psychologe Michael Gallisch ist bei der Diakonie Offenbach-Dreieich-Rodgau für Ehe-, Familien und Lebensberatung zuständig.

Im Alltag geht es oft um Kleinigkeiten. Etwa darum, was es zu essen gibt oder was im Fernsehen läuft. Eine Lösung gelingt mit wechselndem Reden über Hoffnungen und Vorstellungen und dem Zuhören bei der Wunschwelt des anderen. Das Kenntnisnehmen der Differenzen und der dahinterstehenden Motivationen ist der erste Schritt zu einem guten Umgang mit Problemen. Der zweite besteht in der Suche nach intelligenten Kompromissen. Will der eine etwa am Wochenende essen gehen, der andere daheim kochen, lässt sich eine Kombination an beiden Tagen vereinbaren. Ein solches Coaching können gerade junge Paare, die die Gleichberechtigung hochhalten, gebrauchen.

Das heißt, Gleichberechtigung befeuert die Probleme in einer Partnerschaft?

Gleichberechtigung ist durchaus eine Herausforderung. Das liegt unter anderem daran, dass moderne Paare nicht immer am Beispiel der Eltern lernen konnten, wie man konstruktiv mit Themen umgeht. Das betrifft etwa Erziehungsfragen, Haushaltsdinge und Finanzielles. Steigende Anmelde-Zahlen bei der Beratung belegen, dass das Verlassen der hierarchischen Geschlechterbeziehung hin zu einer demokratischen Geschlechterverfassung nicht von selbst klappt, sondern je nach Paar individuell „erfunden“ werden muss.

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An welchem Punkt der Beziehung sollte ein Paar überhaupt zu Ihnen in die Beratung kommen?

Es gibt keine Eingangskriterien. Jedes Paar kann jederzeit entscheiden, professionelle Hilfe aufzusuchen. Einmal kam ein Pärchen kurz vor der Hochzeit, um prüfen zu lassen, ob es Sinn macht, dass beide ein zweites Mal die Ehe wagen. Es hat einige Jahre gehalten. Manche Paare haben nur einige Probleme bei vorhandenem Liebesfundament. Bei einigen ist die Liebe angeknackst oder verschüttet. Einige kommen, um einen letzten Rettungsversuch zu starten, auch wenn die innere Aufkündigung der Beziehung schon erfolgt ist. Manchmal kommen Paare auch, da eine Seite gehen und die andere bleiben möchte. Manche wollen Hilfestellung nach einer Trennung, um es noch einmal zu versuchen.

Wenn es um ganz alte Wunden geht, können diese überhaupt geheilt werden?

Viele seelische Wunden sind durch Worte geschlagen. Diese können auch durch Worte geheilt werden. Das braucht etwas Zeit, aber wenn Liebe hinter dem Gesagten steckt, kann man das fühlen. Natürlich muss der „Täter“ auf das „Opfer“ zugehen und nicht die alten Wunden als „olle Kamellen“ entwerten und somit sein mangelndes Mitgefühl offenbaren. Empathiemangel ist oft ein Liebesgift.

Ist es noch so, dass meist Frauen die Initiative ergreifen und an der Beziehung arbeiten wollen?

In etwa zwei Drittel der Fälle kommen Frauen zuerst zur Beratung. Aber auch Männer melden sich in Beziehungsangelegenheiten, oft in einer persönlichen Krise. Als Grund für dieses Geschlechterverhalten kann der spezifische Umgang gelten, also der mit Leid, Beeinträchtigung und sogenannten negativen Gefühlen wie Angst, Stress, Unzulänglichkeit. Das „soziale Geschlecht“ ist eher bereit und geübt, andere um Hilfe zu bitten. Das ist bei Männern oft durch die Denke erschwert, dass sie keine Schwäche zeigen dürfen. Teilweise empfinden Männer psychologische Hilfe an sich bereits als Versagen. Denn sie verwechseln das Aufsuchen einer Fachkraft mit: Ich bin seelisch krank. Das ist natürlich ein Missverständnis.

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Die Diskussion über Familie ist in der Politik oft eine hitzige. Was muss sich ändern?

Politik für die Familie dokumentiert sich oft über die Millionen oder Milliarden, die mehr ins System fließen sollen, weniger in „soften“ Zielen wie Unterstützung bei Problemen. Jugendämter haben zu viel zu tun bei zu wenig Personal, bei Erziehungs- und Familienberatungseinrichtungen ist es ähnlich. Ein Schulfach, in dem das Miteinander kontinuierlich gelehrt und gelernt wird, ist Mangelware. Ehe- und Paarberatung wird nur von den beiden christlichen Kirchen finanziert, das heißt, in der Keimzelle der Familie wird ein Paar alleingelassen.

Können Sie fünf Tipps für ein glückliches Zusammenleben geben, die ein Paar eben auch allein umsetzen kann?

Erstens: Nehmen Sie sich jede Woche Zeit füreinander, zum Reden und für gemeinsame Aktivitäten! Ohne angemessenes Zeitfenster klappt nichts. Zweitens: Sagen und zeigen Sie Ihre Liebe! Ohne die wertschätzende, zärtliche Mitteilung dessen, was man empfindet, fehlt das Fundament der Beziehung. Drittens: Kümmern Sie sich um ein zufriedenstellendes Liebemachen! Intimität und Sexualität sind eine wichtige Säule der Partnerschaft. Viertens: Gehen Sie die Aufgaben des Lebens als Team an! Die Zusammenarbeit bei der Einrichtung der Wohnung, bei Alltagsaufgaben, in der Familienphase, der Lebensplanung, all das entscheidet darüber, ob Sie sich wohlfühlen, da sich jeder in fairer Weise einbringen kann. Fünftens: Entwickeln Sie eine liebeskompatible Streitkultur, in der keine Seite der Verlierer ist. Das bedeutet Aufwand, aber wenn etwas gut werden soll, muss man Zeit und Energie investieren, sonst geht es vorhersagbar schief.

Rubriklistenbild: © dpa

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