Isolation schlägt aufs Gemüt

Dietzenbach: Coronavirus stellt Leben in Philipp-Jäger-Wohnanlage auf den Kopf

Masken, Abstand, kein Besuch: Pflegebeauftragter Thorsten Pöchel, Betreuerin Sina Duda, Leiter Jürgen Thomen und ihre Kollegen geben ihr Bestes, um die Bewohner der Philipp-Jäger-Wohnanlage zu schützen.
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Masken, Abstand, kein Besuch: Pflegebeauftragter Thorsten Pöchel, Betreuerin Sina Duda, Leiter Jürgen Thomen und ihre Kollegen geben ihr Bestes, um die Bewohner der Philipp-Jäger-Wohnanlage zu schützen. 

In vielen Alten- und Pflegeheimen hat das Coronavirus den Alltag vollständig verändert. So auch in Dietzenbach.

Dietzenbach – Seit Montag gilt es auch in Hessen: Wer öffentliche Verkehrsmittel nutzt oder einkaufen geht, muss eine Schutzmaske tragen. Das Gefühl mag für manche ungewohnt sein, für andere gilt die Pflicht am Arbeitsplatz schon eine ganze Weile.  Die Mitarbeiter in der Philipp-Jäger-Wohnanlage am Kindäcker Weg etwa tragen die Masken während der gesamten Arbeitszeit.

Umso mehr freut sich Einrichtungsleiter Jürgen Thomen daher über die Maskenspenden, die in den vergangenen Wochen die Behindertenwohnanlage erreicht haben. Rund 100 Stück haben Dietzenbacher Bürger genäht, vom Kreis Offenbach gab es noch einmal etwa 200. „Dafür sind wir sehr dankbar, denn jetzt können die Mitarbeiter auch mal wechseln“, erläutert Thomen. Betreuerin Sina Duda sagt: „Wir tauschen unsere Masken bis zu drei Mal am Tag aus.“ Etwas, das mit Einweg-Masken aus finanziellem Aspekt schnell irrsinnig würde.

Dietzenbach: Coronavirus hat den Alltag grundlegend verändert

Sowohl der Alltag der Mitarbeiter als auch jener der Bewohner hat sich durch das Coronavirus verändert. „Wir haben früh reagiert und unsere Türen für Besuch verschlossen“, berichtet Thomen. Dennoch: Die Isolation schlägt aufs Gemüt. Viele Bewohner arbeiten in den Werkstätten im Hainbachtal, haben einen geregelten Alltag und Beschäftigung. Doch auch diese sind geschlossen. Zumindest entschleunigt das die allmorgendliche Routine. „Wir können uns für die Pflege am Morgen noch mehr Zeit lassen – beide Seiten nutzen die Gelegenheit gerne“, sagt Duda. Wenn der Bus nicht wartet, ist es auch nicht weiter schlimm, wenn die Frisur nicht auf Anhieb sitzt.

Zwar halten die Mitarbeiter zueinander den Mindestabstand – lieber zwei Meter als anderthalb – doch kann dieser nicht in jeder Art der Pflege gewährleistet werden. Zu den üblichen Hygienevorkehrungen kam nun also auch die Maske dazu. „Für die Bewohner war der Anblick erst einmal ungewöhnlich“, sagt Sina Duda. Man habe sich auch als Mitarbeiter an die neue Kommunikationsform gewöhnen müssen, weil man lauter sprechen und mehr über die Augen ausdrücken müsse. Auch auf Dudas Alltag wirkt sich die Vorsicht aus: „Die Bewohner sind meine Schutzbefohlenen, deswegen unternehme ich privat so gut wie nichts.“ Außerdem fahre sie mehr mit dem Auto, um auch unterwegs das Infektionsrisiko zu minimieren.

Dietzenbach: Zwispalt zwischen Schutz und Freiheit

„Wir sind eben auch im Zwiespalt: Auf der einen Seite müssen wir unsere Bewohner schützen, auf der anderen Seite können wir sie nicht einsperren“, betont Thomen. Auf Besuche von Freunden und Familie müssen die Bewohner der Philipp-Jäger-Wohnanlage derzeit verzichten, was der eine besser, der andere schlechter wegsteckt. „Wir leisten zwar viel, doch alles können wir eben nicht ersetzen“, sagt der Leiter. Betreuerin Sina Duda fügt hinzu: „Die Bewohner sind etwas aufgewühlter, sie wollen mal wieder raus.“ 

Die Beschäftigungsmöglichkeiten seien begrenzt, denn „irgendwann hat man jeden Film gesehen“. Konnte man vor einigen Wochen die Bewohner noch mit einem „bald vorbei“ beschwichtigen, fällt das Vertrösten inzwischen schwerer. „Manche können mit solchen ungenauen Angaben nichts anfangen, sie verstehen sie nicht“, erläutert Duda. Doch unwissend wolle man sie auch nicht lassen. „Das fällt manchmal nicht leicht.“

Dietzenbach: Eine neue Situation für alle durch das Coronavirus

Insgesamt ist Thomen jedoch zufrieden: „Wir hatten in unserem Wohnheim glücklicherweise noch keine größeren Krisen.“ Der Einrichtungsleiter lobt seine Belegschaft und die Bewohner, die „die Zeit der erzwungenen Isolation gut händeln“. Länger als zwei Wochen plant das Wohnheim derzeit nicht. Im Hinblick auf die Maskenpflicht erzählt Thomen, dass das Tragen der Masken mit den Bewohnern bereits geübt werde. Mit den Eltern hält der Leiter telefonisch Kontakt. 

„Es ist eben für jeden eine neue Situation, die auch jeden anders betrifft.“ Die Besuchssperre gelte auch in Altenheimen, „und die haben es ähnlich schwer“. Einen Corona-Bonus, wie es er für Pflegekräfte derzeit diskutiert wird, werden die Mitarbeiter der Philipp-Jäger-Wohnanlage nicht bekommen. „Wir gelten nicht als Pflegeeinrichtung, sondern als Einrichtung für gemeinschaftliches Wohnen im Rahmen der Eingliederungshilfe.“ Dennoch würde sich jeder Mitarbeiter der Offenbacher Behindertenhilfe, Träger des Wohnheims, darüber freuen, sagt Jürgen Thomen.

VON LISA SCHMEDEMANN

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