„In jedem Film stirbt jemand“

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Eben noch Schulsanitätsraum, jetzt Notaufnahme eines Krankenhauses: Im Rahmen der bundesweiten Aktionswoche für Kinder in Suchtfamilien haben Siebtklässler der Ernst-Reuter-Schule drei Tage lang Kurzfilme zum Thema erarbeitet und gedreht.

Dietzenbach - Siebtklässler der Ernst-Reuter-Schule nähern sich dem Thema Drogensucht mit Skript, Mikro und Kamera. Von Katharina Hempel 

Anissa will einfach nicht tot sein. Auch nicht beim fünften Versuch. Sobald die Krankenschwester die Atemmaske entfernt, zuckt Anissas Mundwinkel. Oder ihr Finger. „Du darfst dich kein bisschen bewegen“, ermahnt sie Kamerafrau Emilie eindringlich. Die Klasse 7dG der Ernst-Reuter-Schule (ERS) dreht Kurzfilme zum Thema Drogensucht. Eine von drei Dreiergruppen hat dafür den Sanitätsraum der Schule zur Notaufnahme eines Krankenhauses umgestaltet.

Während Ärztin und Krankenschwester ihren Text durchgehen, fasst Emilie die Handlung zusammen, die sie sich gemeinsam mit Klassenkameradin Franka ausgedacht hat: „Es geht um ein Mädchen, dass von einem Auto überfahren wird. Auf dem Beifahrersitz sitzt der Junge, der in sie verliebt ist. Weil er mit dem Schmerz und seinen Schuldgefühlen nicht zurechtkommt, greift er zu Drogen – und zieht auch die Schwester und die beste Freundin des Opfers in die Drogensucht hinein. Am Ende stirbt die beste Freundin, dargestellt von Anissa, an einer Überdosis.“

Tod in letzter Sekunde

Der Tod in der letzten Szene ist nur gespielt. Echt ist, dass in Deutschland 2,7 Millionen Kinder und Jugendliche mit einem suchtkranken Elternteil zusammenleben. „Die elterliche Erkrankung wird jedoch häufig als Familiengeheimnis gehütet, so dass es sehr schwer ist, zu den Kindern durchzudringen oder Hilfe anzubieten“, sagt Sozialpädagogin Anja Lindner. Um auf diese besondere Situation hinzuweisen, ergänzt sie, findet zurzeit bundesweit die Aktionswoche für Kinder in Suchtfamilien statt. Die Sozialpädagogin betreut den Filmdreh. Sie arbeitet für das Projekt „STARK“ der im Europahaus beheimateten Aktionsgemeinschaft Soziale Arbeit (AGS), das erste und einzige Angebot für Kinder und Jugendliche mit suchtkrankem Elternteil im Kreis Offenbach.

Bevor die Kamera filmt und das Mikrofon aufnimmt, hat die Pädagogin mit den ERS-Schülern erarbeitet, was Sucht ist, und welche Auswirkungen Drogen haben. Nicht nur auf den, der sie konsumiert, sondern auch auf diejenigen, die diesem Menschen nahestehen.

„Es macht voll Spaß“

„Herausgekommen sind Drehbücher, in denen Sucht sehr krass und drastisch dargestellt wird. Eben so, wie sich die Kinder das vorstellen. In jedem Kurzfilm stirbt mindestens ein Mensch“, analysiert Projektleiterin Lindner. An einem der Ergebnisse feilt die neunköpfige Schülergruppe der 7dG noch. „Es macht voll Spaß, sich komplett in eine andere Person hineinzuversetzen, die Sachen erlebt, die so weit entfernt sind von meinem täglichen Leben“, schwärmt eine der Laienschauspielerinnen.

Die Proben im Sanitätsraum sind abgeschlossen, die Schauspieler bereit für die Aufnahme. Tonmann Emre trägt Kopfhörer und balanciert die Tonangel über seinem Kopf. „Du machst Ton und Mikro?“, fragt Lindner. Emre nickt. „Das ist besser so, dann höre ich gleich, ob das Kabel knirscht.“ Kamerafrau Emilie gibt das Zeichen zur Aufnahme. Diesmal gelingt es Anissa, in Ruhe zu sterben. Nur die Ärztin scheint den Ernst der Lage noch nicht begriffen zu haben: „Meike, wenn es einen Notfall gibt, sitzt der Arzt nicht auf seinem Bürostuhl“, ermahnen die anderen. Lindner blickt auf ihr Handy: „Wir haben noch zwei Stunden, dann ist der zweite Drehtag um.“

Schulanfänger 2013 in Dietzenbach

Schulanfänger 2013 in Dietzenbach

Den dritten Tag verbringen die Schüler im Schnittraum des Offenen Kanals Offenbach, auf dessen Internetseite die Kurzfilme zu sehen sein werden. Genauso wie am Präventionstag der ERS.

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