Motivation hoch, Deutsch schlecht, Berufsabschluss selten

Jobchancen für Flüchtlinge: Schnelle Erfolge nicht zu erwarten

Dietzenbach -  „Wir können uns der Realität nicht entziehen, die Zahlen, die uns vorliegen, sprechen eine deutliche Sprache.“ Das Zitat stammt von Carsten Müller (SPD), Sozialdezernent des Kreises Offenbach. Von Michael Eschenauer 

Thema ist die Tauglichkeit der Flüchtlinge für den deutschen Arbeitsmarkt. In der Region kehrt Ernüchterung ein. Anlass für die klaren Worte des Kreispolitikers war die erste Bilanz des gemeinsam von Agentur für Arbeit und Kommunalem Jobcenter/Pro Arbeit betriebenen Arbeitsmarktbüros für Flüchtlinge. Hier werden die ankommenden Migranten hinsichtlich ihrer Qualifikation eingestuft, bei Fragen zu Arbeit und Ausbildung beraten sowie in Sprach- und Integrationskurse vermittelt. Gleichzeitig bemüht man sich, Kontakt zu Arbeitgebern herzustellen, die Personal suchen.

Nach Angaben von Müller sowie des Vorsitzenden der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Offenbach, Thomas Iser, wurden von den seit Herbst 2015 erfassten 750 Flüchtlingen ganze 20 in Arbeit oder ein Praktikum vermittelt. Bei den Arbeitsplätzen handelt es sich um Jobs im Sicherheitsgewerbe und der Systemgastronomie. „Für die meisten dieser Menschen wird es länger dauern, bis sie eine gut bezahlte Arbeit finden“, so der Chef der Arbeitsagentur. Mit schnellen Erfolgen bei der Vermittlung in den ersten Arbeitsmarkt sei, so die Bilanz, „eher nicht zu rechnen“.

Wie die Auswertungen des Arbeitsmarktbüros ergaben, hat lediglich ein Drittel der ersten Generation der Flüchtlinge am deutschen Arbeitsmarkt realistische Chancen. Und das auch nur dann, wenn sie schnell Deutsch lernen und ausreichend qualifiziert werden. Nach Müllers Einschätzung „wird es für die anderen zwei Drittel schwer, in absehbarer Zeit einen Job zu finden.“ Hauptgrund seien fehlende Sprachkenntnisse sowie unzureichende Bildungs- und Berufsqualifikationen. So können von den 750 Befragten 27 Prozent nur schlecht und 61 Prozent gar kein Deutsch. Immerhin 24 Prozent sprechen mittelmäßig bis gut Englisch.

Iser unterstrich mehrfach, dass die Flüchtlinge hoch motiviert und zur Hälfte unter 25 Jahren seien. Es sei klar, dass für gut qualifizierte und entwicklungsfähige Fachkräfte der Arbeitsmarkt in Stadt und Kreis Offenbach aufnahmefähig sei und in einigen Betrieben sogar händeringend Fachkräfte gesucht würden. Voraussetzung, um hier einsteigen zu können, seien aber „gute bis sehr guter Sprachkenntnisse“. Diese könnten aber nur zwei Prozent der Flüchtlinge nachweisen. Hinderlich für eine schnelle Integration in den Arbeitsmarkt sei auch, dass 73 Prozent der Flüchtlinge keinerlei Ausbildung oder zuvor lediglich als angelernte Hilfskräfte gearbeitet hätten.

Laut Müller können 82 Prozent der befragten Flüchtlinge „keinerlei Zeugnis für einen Universitätsabschluss beziehungsweise einen schriftlichen Nachweis für eine berufliche Qualifikation vorlegen“. Dies führe dazu, dass die Arbeitsvermittler bezüglich der Berufsausübung „manchen Traum zerplatzen lassen müssen“. Sogar bei denjenigen, die in der Heimat studiert (14 Prozent) oder in diesem Bereich darüber hinaus Berufserfahrung gesammelt haben (12,5 Prozent), sieht man große Probleme wegen der Sprachdefizite und wegen hoher Hürden bei der Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse. Iser zitierte eine Analyse des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesanstalt von 2001. Danach fanden im ersten Jahr nach ihrer Ankunft acht Prozent der Flüchtlinge einen Job. Nach fünf Jahren waren es 50, nach zehn Jahren 60 Prozent. Nach 15 Jahren aber war noch immer ein Viertel ohne Arbeit, was der durchschnittlichen Arbeitslosigkeit der ausländischen Bevölkerung entspricht. Trotz der großen Herausforderung, so Iser und Müller, sei es gelungen das Arbeitsmarktbüro in der Verwaltung, bei den Firmen und bei den Helfern im Landkreis gut zu vernetzen. Müller will das Augenmerk besonders auf die Flüchtlingskinder richten. Bildung und Chancengleichheit seien der Schlüssel für eine gelungene Integration in den Arbeitsmarkt.

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