Das Konzert des Internationalen Chors steht an, für Leiterin Barbara Wendtland ist es das letzte

Ein Kalender voll mit Musik

Barbara Wendtlands Kalender für die nächsten Wochen ist vollgepackt. 

Dietzenbach – Auf dem festen Papier in Din-A-4-Format, das vor ihr auf dem Esstisch liegt, sind viele der kleinen Kästchen, die die Monate in Tage unterteilen, ausgefüllt, Termine und Verabredungen sind mit Kugelschreiber oder Bleistift eingetragen. Noch sechs Wochen sind es bis zum Konzert des Internationalen Chors, den Barbara Wendtland seit siebeneinhalb Jahren leitet.

Seit März arbeitet sie mit dem Chor am Programm für das diesjährige Konzert, das am 16. November in der Heinrich-Mann-Schule stattfindet. Alle zwei Wochen proben Sänger und Dirigentin samstagnachmittags im Bildungshaus. Für Barbara Wendtland, die die musikalische Leitung von Anfang an ehrenamtlich übernimmt, ist das nur einer von vielen Terminen. Mehrmals in der Woche übt sie mit verschiedenen Ensembles, einige treten beim Konzert im November als Gäste auf. Viele der Stücke, die sie mit dem Internationalen Chor einstudiert, arrangiert die Chorleiterin selbst, auch Eigenkompositionen bringt sie auf die Bühne. „Das kostet viel Zeit“, sagt Barbara Wendtland. Aber so könne sie die Stücke ganz individuell bearbeiten, sodass sie auf die Stimmen zugeschnitten sind. Für viele der Werke, die sie auswählt, gebe es sowieso keine Chorbearbeitung. Also setzt sich die ehemalige Musiklehrerin, die neben Schulmusik auch Komposition studiert hat, hin und schreibt selbst.

Jahr für Jahr werde all das immer anstrengender für sie, erzählt Barbara Wendtland, mittlerweile ist sie 73 Jahre alt. Das Komponieren, das Proben, die Termine, der Zeitdruck. Das kommende Konzert wird darum ihr letztes mit dem Internationalen Chor sein. „Das habe ich mir bereits Ende vergangenen Jahres überlegt und früh mit dem Chor darüber gesprochen.“ Ein Nachfolger stehe schon fest. Wer das sein wird, darüber will die scheidende Chorleiterin erst sprechen, wenn vertraglich alles unter Dach und Fach ist. Traurig sei sie nicht, sagt Barbara Wendtland. „Ich hatte ja jetzt genügend Zeit, mich mit dem Gedanken anzufreunden.“ Sie könne auf viel Schönes zurückblicken und freue sich auf mehr freie Zeitfenster in ihrem Kalender. Abschließen, einen Schlussstrich ziehen, das habe sie auch schon gut gekonnt, als sie in Rente ging. Der letzte große Auftritt mit ihrem Chor soll aber auch diesmal etwas besonderes sein. Abwechslungsreich und unterhaltsam. Das aber sei immer ihr Anspruch gewesen.

Barbara Wendtland greift nach einen mintgrünen Ordner mit zartem Blumenmuster, er liegt neben dem Kalender. Auf die Vorderseite hat sie einen Konzert-Flyer geklebt. Das motiviere, erzählt sie. Alle Partituren, die sie für das Konzert braucht, sind in dem Ordner abgeheftet, in Klarsichtfolien. Noten deutscher, englischer, französischer Stücke, auch Werke aus der Türkei und ein persisches Lied sind darunter. Gesungen wird immer in der Originalsprache. International eben, so die Idee hinter dem Chor, der Teil des Vereins „Zusammenleben der Kulturen in Dietzenbach“ ist.

Eine genaue Idee, die hatte Barbara Wendtland schon bei der Gründung des Chors, damals vor siebeneinhalb Jahren. Menschen aus den verschiedenen Nationen, die in Dietzenbach Tür an Tür leben, sollten gemeinsam singen, über die Musik zusammenfinden. Das habe nicht funktioniert wie sie es sich vorstellte, auch weil in anderen Kulturen teilweise ganz andere Vorstellungen von Musik existieren als in Deutschland. Aber man müsse flexibel sein. „Dann dachte ich, wenn es nicht so geht, dann singen wir eben internationale Lieder“, erzählt die Chorleiterin. Heute besteht der Internationale Chor überwiegend aus Deutschen, aber auch vier Sänger aus Afghanistan, Iran, Marokko und der Türkei sind Teil des rund 40-köpfigen Ensembles. „Immerhin“, sagt Barbara Wendtland. Sie ist zufrieden damit, wie sich der Chor entwickelt hat, und freut sich darauf, ein letztes Mal mit ihren Sängern auf der Bühne zu stehen. Dass das Konzert diesmal in der Heinrich-Mann-Schule stattfindet, sei umso schöner. „Da habe ich 25 Jahre unterrichtet, kenne die Akustik bestens.“

Nach dem Auftritt ist dann Schluss. Nicht nur aus dem Internationalen Chor, sondern auch aus der Arbeit mit den meisten anderen Ensembles will sich Barbara Wendtland zurückziehen. Die Kästchen im Terminkalender, die dann frei werden, wird sie zu nutzen wissen, etwa um mehr Zeit mit dem Enkel zu verbringen. Außerdem, erzählt sie, denke sie darüber nach, die Werke, die sie für den Chor geschrieben hat, zu veröffentlichen. In dem mintgrünen Ordner, auf den die 73-Jährige immer wieder schützend ihre Hand legt, befinden sich nur einige davon. Musik machen werde sie immer, aber ohne Druck, ohne Eintrag im Kalender. „Denn wie Friedrich Nietzsche sagte: Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum.“

Das Konzert

des Internationalen Chors unter dem Motto „Alleweil ein wenig lustig“ findet am Samstag, 16. November, um 17 Uhr in der Heinrich-Mann-Schule (Etruskerstraße 2) statt. Der Eintritt ist frei, um Spenden wird gebeten.

VON LENA JOCHUM

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