Kritik an Situation in Dietzenbach mehrt sich

„Kein richtiges Konzept für Radfahrer“

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Die beengte Situation auf der Babenhäuser Straße in der Altstadt ist für Radfahrer nicht zufriedenstellend.

Dietzenbach - Fahrradfahren in der Kreisstadt bereitet nicht jedem Spaß. Das hat nicht zuletzt der ADFC-Fahrradklimatest 2016 gezeigt. Doch was hat sich seitdem in Sachen Zweiradfreundlichkeit getan? Von Tim Vincent Dicke

Viele Dietzenbacher bewerten die Radfahrsituation als mangelhaft. Nachdem die Kreisstadt bei den ADFC-Fahrradklimatests vor zwei und vor vier Jahren ein schlechtes Zeugnis ausgestellt bekommen hat, scheint sich auf den ersten Blick die Situation kaum verändert zu haben. Bei einer Umfrage auf der Straße hagelt es Kritik: „Es achtet einfach kein Autofahrer auf die Fahrradstreifen“, sagt Bernhard Kessin. Der 65-jährige findet besonders die Lage auf der Babenhäuser Straße in der Altstadt gefährlich. Der ADFC müsse endlich etwas für die Fahrradfahrer machen. Brigitte Müller findet, „auf der Frankfurter Straße ist es gefährlich“. Besondere Angst habe sie vor Autofahrern, die einfach die Tür aufmachen, ohne auf den Verkehr zu achten. „Eine solch brenzliche Situation habe ich auch schon einmal erlebt“, berichtet die 73-jährige. Gisela Schiratis-Erlat schreibt: „Ich hab´ immer bei den Dietzenbacher Verkehrsplanungen das Gefühl, dass Ahnungslose am Werk sind.“ Sie meint, es gebe in der Stadt kein richtiges Konzept für Radfahrer und auch sonst mangele es an der Umsetzung bei Infrastrukturprojekten. „Es wirkt immer wie ein Flickenteppich; hier ein bisschen, dort ein bisschen...“

Dieter Jäger berichtet: „Meine Frau traut sich nicht mehr, auf der Straße zu fahren.“ Sie habe Angst vor Autos und Lkw. Trotzdem nimmt der 73-Jährige das Verhältnis zwischen Auto- und Fahrradfahrern mit Humor: „Die einen regen sich über die anderen auf und anders herum.“

Um den Radverkehr zu verbessern, hat die Stadt 2015 einen Arbeitskreis ins Leben gerufen. Mitglieder sind Bürgermeister Jürgen Rogg, Erster Stadtrat Dieter Lang, Vertreter der Stadtverordnetenversammlung und der Stadtverwaltung, der örtliche ADFC, die Polizei und der Seniorenbeirat. „Zusätzlich werden auch noch externe Experten herangezogen, um mögliche Lösungsansätze darzustellen“, betont ADFC-Vorsitzende Gabriele Geerlings. Zudem hat die Verwaltung bereits 2004 ein Radverkehrskonzept in Auftrag gegeben, das 58 Maßnahmen und „noch weitere Kleinstmaßnahmen“ zur Verbesserung der Situation der Radfahrer vorschlug. „Dieses Konzept wurde in Teilen vom Stadtparlament gebilligt und entsprechend umgesetzt“, heißt es vonseiten der Stadt mit dem Verweis auf zwei studentische Arbeitsgruppen der TH Darmstadt, die sich 2015 mit der „Umgestaltung von Stadtstraßen“ befasst hat. Darauf aufbauend erhielt ein Verkehrsplanungsbüro den Auftrag, die gesamte Ortsdurchfahrt der L 3001 radverkehrsfreundlich umzuplanen. „Mittlerweile liegen die Bestandsanalyse und diverse Lösungsvorschläge vor, die im Arbeitskreis Radverkehr vorgestellt und diskutiert wurden“, heißt es weiter. „Ende des Jahres wird eine mit dem Arbeitskreis Radverkehr abgestimmte Vorzugsvariante zur radverkehrsfreundlichen Umgestaltung der L 3001 zwischen Waldschwimmbad und Ortsausgang Richtung Heusenstamm der Stadtverordnetenversammlung vorlegt. Im kommenden Jahr erfolgt eine Öffentlichkeitsbeteiligung für die Abschnitte Süd, Mitte und Nord.“ Dieser geschützte und durchgängige Radweg soll eine Gesamtlänge von etwa sechs Kilometern haben.

Radfahrer-Falle toter Winkel: Gefahr durch abbiegende Lkw

Nicht selten ignorieren Autofahrer den roten Fahrradstreifen auf der Offenbacher Straße.

Ein großer Kritiker der kreisstädtischen Fahrradinfrastruktur ist Claude Walter. Der 53-jährige betreibt im Internet den viel geklickten Blog cycling.claude.de. Nach eigenen Angaben besuchen jeden Monat etwa 20 000 Nutzer die Seite. 2017 wurde er zum besten Fahrrad-Blog Deutschlands gewählt (wir berichteten). Auf einem Video, das Walter auf seinem Youtube-Kanal veröffentlicht hat, kritisiert er den neuen Radweg am Rathaus-Center an der Offenbacher Straße (L 3001). Auf dem Video ist deutlich zu erkennen, wie Autofahrer den rot gefärbten Schutzstreifen ignorieren und über die durchgestrichene Linie fahren. Sogar ein Polizeiauto ohne Blaulicht überquert in dem Kurzfilm die durchgezogene Linie. Walter kritisiert die Stadtverwaltung: Sie mache überhaupt nichts, damit sich etwas an der schlechten Lage ändere. In Neu-Isenburg und anderen Gemeinden im Kreis Offenbach sei die Situation auch nicht viel besser, aber in der Kreisstadt gehe der Handlungswillen gegen Null und es werde Symbolpolitik betrieben. Die Arbeit des ADFC-Ortsverbandes bewertet Walter negativ: „In Dietzenbach sehe ich verkehrspolitisch vom ADFC nichts. Der Ortsverband setzt sich vor allem für Seniorentouren mit dem Rad ein.“ In der öffentlichen Wahrnehmung komme nichts von deren Arbeit an, findet Walter. Geerlings verteidigt den Club: „Der ADFC ist nicht die Stadt und kann nicht aktiv die Radverkehrssituation ändern. Dazu fehlen uns sowohl die Mittel als auch die erforderlichen personellen Möglichkeiten. Aber wir sind [...] im Gespräch mit der Stadt, um gemeinsam die bestmögliche Verbesserung herbeizuführen.“

Autofahrer, die laut Walter oftmals den Oberlehrer spielen, kommen bei seiner Kritik nicht zu kurz: „Auf der vierspurigen Stadtautobahn (Anm. d. Red: L 3001) wird einfach links und rechts überholt, um sich selbst ein paar Sekunden Vorteil zu verschaffen. Das macht keinen Spaß und ist für die Radfahrer gefährlich.“ Die Situation in der Kreisstadt habe sich in den vergangenen Jahren nicht verändert, findet Walter. „Die Ergebnisse des Klimatests 2016 spiegeln die Situation im Jahr 2018 genauso wieder.“ Die Stadt müsse mit einem Aktionskonzept und einfachen Mitteln Akzente setzen, um etwas zu verbessern. Er plädiert beispielsweise für große Fahrrad-Piktogramme auf der Straße.

Populäre Irrtümer rund ums Radfahren

Die Stadt führt das Verhalten der Autofahrer auf die Bauarbeiten auf der L 3001 zurück. Nach Abschluss dieser Maßnahmen, vermutet die Verwaltung, werde sich der Verkehr wieder normalisieren. „Das Ordnungsamt hat diese Gefahrenstelle erkannt und wird geeignete Maßnahmen zum Schutz der Radfahrer ergreifen.“

Auch der Fahrradstreifen auf der Justus-von-Liebig-Straße bleibt für Walter ein Rätsel. Der Radweg beginnt an der Kreuzung bei der Shell-Tankstelle und endet etwa 200 Meter nach der Max-Planck-Straße abrupt. Die Radwegemarkierung auf der Straße sei noch im Bau, sobald der nächste Sanierungsabschnitt fertig ist, werde der Schutzstreifen weitergeführt. Das ist fürs kommende Jahr geplant, teilt die Verwaltung mit.

Des Weiteren prüfe das Ordnungsamt derzeit, inwieweit Einbahnstraßen in Gegenrichtung für den Radverkehr geöffnet werden können. Und die Stabsstelle „Presse- und Öffentlichkeitsarbeit“ sei aktuell dabei, gemeinsam mit dem ADFC eine Freizeitradroute zu planen, die zu den schönsten Plätzen rund um Dietzenbach führen soll.

Noch bis Ende November bewerten

„Fahrradfahren in der Kreisstadt macht keinen Spaß.“ Zu diesem Ergebnis kam der ADFC beim Fahrradklima-Test 2016 (wir berichteten). Mit einer Gesamtbewertung von 4,3 und Platz 338 von 364 bei den Städten bis 50 000 Einwohnern schnitt Dietzenbach schlecht ab. Besonders fielen holprige und unebene Radwege, schlechte Ampelschaltungen und kaum vorhandene Leihräder ins Gewicht. Den Test macht der ADFC alle zwei Jahre mit dem Ziel, die Fahrradfreundlichkeit in deutschen Städten und Gemeinden miteinander zu vergleichen. 2016 haben mehr als 120.000 Menschen mitgemacht.

Mit einem Fragebogen können Radfahrer die Situation in ihrer Stadt bewerten und zum Ausdruck bringen, ob sie Spaß oder Stress beim Radeln empfinden. Ein weiterer Fahrradklima-Test legt nun besonderes Augenmerk auf Kinder- und Familienfreundlichkeit. Noch bis zum 30. November können Radler auf fahrradklima-test.de die Situation in ihrer Stadt bewerten. Zudem nimmt die Kreisstadt Hinweise oder Gefahrenmeldungen bezüglich des Radverkehrs über die Meldeplattform „Radverkehr“ entgegen. Auf meldeplattform-radverkehr.de besteht die Möglichkeit, Probleme in einer Karte zu verorten und festgestellte Mängel zu melden.

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