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Corona-Alltag an Schulen: Schulleiter über die Folgen der Maßnahmen

Masken und Abstand gehören derzeit zu ihrem Alltag: Schulleiter Georg Köhler (Zweiter von links) mit dem Team der Schulsprecher-Kandidaten (von links): Joao Cretu-Buzila, Jette Heise und Sophie Graf.
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Masken und Abstand gehören derzeit zu ihrem Alltag: Schulleiter Georg Köhler (Zweiter von links) mit dem Team der Schulsprecher-Kandidaten (von links): Joao Cretu-Buzila, Jette Heise und Sophie Graf.

Die Corona-Regeln sind auch an den Schulen in Dietzenbach längst zum Alltag geworden. Welche Folgen das für die Schüler hat berichtet ein Schulleiter im Interview.

Dietzenbach – Maskenpflicht auf dem Schulhof und nun auch im Unterricht, regelmäßiges Lüften und andere Maßnahmen: Corona stellt den Schulalltag auf den Kopf. Ist unter diesen Umständen überhaupt Lernen und Lehren möglich? Und wie gehen Schüler sowie Lehrer mit den Einschränkungen um? Georg Köhler, Leiter der Ernst-Reuter-Schule, berichtet im Interview über den Alltag an der Kooperativen Gesamtschule in Corona-Zeiten.

Wie sehr schränkt die Pandemie den Schulalltag und den Unterricht ein?

Im Unterricht unterliegen wir enormen Einschränkungen – hier sind moderne zeitgemäße Sozialformen, wie Gruppenarbeit, gemeinsames Experimentieren, Rollenspiel, etc. nicht erlaubt. Und durch die zur Zeit notwendigerweise gelebte Praxis des Frontalunterrichts fühlt man sich als Lehrkraft zuweilen in die pädagogische Steinzeit zurückversetzt. Die uns auferlegten Einschränkungen sind allesamt sinnvoll und zur Eindämmung der Pandemie unabdingbar, aber die Situation ist halt für alle Mitglieder der Schulgemeinde nicht schön.

Corona in Dietzenbach: Corona-Regeln in der Schule – Lehrende schaffen Akzeptanz

Wie läuft es mit der Maskenpflicht an Ihrer Schule? Gibt es bei der Umsetzung Probleme?

Die Ernst-Reuter-Schule hat bereits im August zu Schuljahresbeginn eine durchgängige Verwendung von MNS-Masken – auch im Unterricht – dringend empfohlen. Sehr viele Schülerinnen und Schüler kamen unmittelbar aus Vernunftsgründen dieser Empfehlung nach. Somit haben wir auch bis dato keine Probleme bei der verpflichtenden Umsetzung der Maskenpflicht.

Das heißt, es hat sich auch noch niemand beschwert?

Nein! Allerdings ist es nicht einfach für alle Betroffenen, sechs oder gar mehr Schulstunden durchweg mit MNS-Maske zuzubringen. Das Unterrichten beispielsweise mit Maske ist körperlich anstrengend, auch und gerade, weil im Frontalunterricht die Lehrkraft den höchsten Redeanteil hat.

Verstehen die Schüler die Notwendigkeit der Corona-Beschränkungen oder müssen Lehrkräfte bei der Durchsetzung nachhelfen?

Bedingt durch eine sehr transparente Informations- und Kommunikations-Kultur konnten und können alle Mitglieder der Schulgemeinde schnell, verlässlich und begründet informiert werden. Die Umstände, die unser tägliches Leben derzeit bestimmen, werden im Unterricht thematisiert, sodass ein grundlegendes Verständnis für alle Maßnahmen geschaffen werden kann. Somit helfen die Lehrkräfte nicht nach, sondern schaffen Akzeptanz durch pädagogisches Handeln.

Corona in Dietzenbach: Lüften an Schulen gegen die Ausbreitung des Coronavirus

Funktioniert das regelmäßige Lüften?

Ja, bauartbedingt ist eine sehr gute Durchlüftungsmöglichkeit unserer Unterrichtsräume gegeben. Eine andere Frage jedoch stellt sich im Hinblick auf die jetzt im Winter erwartbaren Temperaturen: Eine nützliche Ergänzung könnte die Anschaffung von Luftreinigungsgeräten sein. Zurzeit befinden wir uns in Gesprächen mit dem Schulträger, ob und wie sich eine Anschaffung gestalten könnte.

Sind Ihnen Fälle bekannt, in denen Infizierte ihre Mitschülerinnen und Mitschüler angesteckt haben?

Nein! Bisher hatten wir keine einzige Ansteckung innerhalb der Schulgemeinde oder auf dem Schulgelände. Infektionen wurden von außen in die Schule hereingetragen.

Dietzenbach: Corona an Schulen – Gefahr Kinder abzuhängen

Befürchten Sie schulische Nachteile für Ihre Schüler, zum Beispiel für die Abschlussjahrgänge?

Abhängig vom jeweiligen Schulzweig können durchaus Probleme für einzelne Schülerinnen und Schüler entstehen. Die Schulschließung war für einige eine Verlängerung der Ferien. Dies trifft vor allem in bildungsfernen Familien zu, wenn die Erziehungsberechtigten nicht mit der Schule zusammenarbeiten. Hier werden Kinder unter Umständen abgehängt. Ein weiterer interessanter Effekt zeigte sich im Unterricht mit Kleingruppen: Zwar stand nominell nur die Hälfte der Präsenz-Unterrichtszeit zur Verfügung, diese konnte jedoch – bedingt durch die geringe Gruppengröße – höchst lernwirksam genutzt werden. Wir sehen das als Indiz, das für eine Herabsetzung der Klassengrößen spricht.

Halten Sie sämtliche Maßnahmen für sinnvoll und durchsetzbar? Oder gibt es Ihrerseits Kritik an den Vorgaben?

Es gelingt uns nicht voll umfänglich, den Kindern zu erklären, warum die Schule mit 1171 Schülerinnen und Schülern geöffnet bleibt, dagegen der Döner-Laden um die Ecke – mit sechs (anstelle von 18) Sitzplätzen und Plexiglas-Scheiben zwischen den Tischen und ausgefeiltem Hygienekonzept schließen muss.

Was ist sonst noch schwer zu vermitteln?

Auch ist es gerade für jüngere Schülerinnen und Schüler nicht verständlich, dass sie sich durch das Tragen einer MNS-Maske geschützt fühlen sollen, mit ihren Sitznachbarn durchaus sprechen können, jedoch in keine Gruppenarbeitsphase eintreten dürfen. Denn: Sie treffen sich doch nach der Schule sowieso mit ihren Freunden. Laut Verordnung dürfen sich nur Personen aus zwei Haushalten treffen. In der Schule begegnen sich zuweilen an einem Vormittag bis zu 30 Haushalte in einer einzigen Unterrichtsstunde. Für Lehrkräfte sind dies je nach Stundenplan am Vormittag zuweilen über 100 Haushalte, mit denen sie in den Unterrichtsräumen zusammen sind.

Corona in Dietzenbach: Schulleiter mit Forderung – Fokus nicht nur auf Schule beschränken

Was fordern Sie, um die Pandemie und die Folgen an Schulen besser bewältigen zu können?

Der Ausbau der Digitaltechnik hinkt der aktuellen Entwicklung immer noch hinterher, hier behindern sich widersprechende Verordnungslagen den Fortschritt enorm. Konkrete Forderungen sind aus unserer Sicht: eine Entschlackung der Lehrpläne, die Entwicklung von Maßnahmen zur Verbreiterung der Personaldecke, die Möglichkeit, Lerngruppengrößen selbstverantwortlich – abhängig vom Infektionsgeschehen – zu gestalten, praxisnahe Anweisungen von Seiten der Bildungsverwaltung sowie eine transparente und zeitnahe Kommunikation mit den Gesundheitsämtern.

Wie meinen Sie das?

Da sich das Infektionsgeschehen offensichtlich eher außerhalb des Systems Schule abspielt, muss eine Gesamtkonzeption geschaffen werden, die dem Rechnung trägt. Der Fokus muss ausgeweitet werden und darf sich nicht auf Schule beschränken. Da Schulen das Möglichste zur Pandemie-Eindämmung tun, sollte hier auch eine möglichst gelingende Entlastung ansetzen. Das gilt für Polizei, Feuerwehr, Krankenhäuser, Alten- und sonstige Pflege-Einrichtungen. Gleiches gilt allerdings nicht für die Rettung von etwa internationalen Konzernen und Bundesliga-Vereinen. (Das Gespräch führte Niels Britsch)

Die Corona-Lage in Offenbach bleibt dramatisch. Die Stadt reagiert: Für Schulen gilt in Kürze ein umfassender Maßnahmenkatalog. 

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