Facebook und die Parteien

Kommentar: Die CDU hat viele Freunde

Hand aufs Herz: Wer würde freiwillig ein Plakat in der Fußgängerzone aufhängen, auf dem private Fotos, Adressdaten, Vorlieben, Meinungen und die Einladung zur nächsten Geburtstagsfeier zu lesen sind? Von Christoph Zöllner

Vermutlich nur jene Zeitgenossen, die einen ausgeprägten Hang zum Exhibitionismus verspüren und gerne nachmittags in Fernseh-Talk-Shows auftreten. Was im wirklichen Leben ungeheuerlich anmutet, ist in der virtuellen Welt längst gang und gäbe. Da wird auf sozialen Netzwerken gepostet, was das Zeug hält. Privatsphäre? Oft Fehlanzeige.

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CDU hat auf Facebook plötzlich viele Freunde

So mancher Politiker, der die Zeichen der Zeit erkannt haben will, möchte da mithalten und mitreden. Da wird auf Facebook das Neueste aus Parlamentssitzungen berichtet, der Wahlkampf aufgemischt und ... für Feste der Partei geworben. Ein Engagement, das sich im Dietzenbacher Fall nun zu rächen droht, da die breite Netzwelt jeglicher Form von politischer Einmischung skeptisch gegenüber steht. Anlass ist die Debatte um Facebook-Partys, die aus dem Ruder gelaufen sind. So hatte etwa Thessa aus Hamburg in dem sozialen Netzwerk zu ihrer Geburtstagsfeier eingeladen – aus Versehen öffentlich. Die Folge war ein Großeinsatz der Polizei, die sechs Personen wegen Sachbeschädigung und Körperverletzung festnahm. Und das alles nur, weil ein Häkchen darüber entscheidet, ob die Mitteilung privat bleibt oder weltweit einsehbar ist.

Partei erhält die Quittung

Im Dietzenbacher Fall – plötzlich wollen Tausende zum CDU-Sommerfest kommen – erinnert das Ganze ein bisschen an Goethes Gedicht vom Zauberlehrling („Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los.“). Da tritt eine Partei, der Überalterung droht, die Flucht nach vorne an, um auch mit jüngeren Mitgliedern kommunizieren zu können, und dann erhält sie von Facebook-Fanatikern die Quittung dafür, weil die Parteikollegen in Wiesbaden und Berlin laut über Sanktionen nachdenken.

Das Internet bewegt die Menschen. Jeder kann sich vor Millionen Gehör verschaffen, soziale Netzwerke tragen dazu bei, ganze Regime zu entmachten. Doch den Chancen stehen auch nie gekannte Risiken gegenüber. Milliardenschwere und weltweit agierende Daten-Kraken wie Google und Facebook scheren sich nicht um deutsche Gesetze und Bestimmungen. Dabei darf das Web nicht zum rechtsfreien Raum werden. Gerade die berüchtigten Facebook-Partys bergen ein großes Risiko. Wenn Menschen zu Schaden kommen, und der Steuerzahler die Zeche bezahlen muss, hört der Spaß auf. Doch den Aufklärern und Warnern ist Spott gewiss. Bislang lachen die Nutzer nur darüber, wenn sich Ministerinnen wie Ursula „Zensursula“ von der Leyen oder Ilse Aigner in die Freiheit des Internets einmischen . Letztlich muss jeder Nutzer selbst wissen, worauf er sich einlässt. Die Teilhabe an einer Massengemeinschaft wie Facebook erfordert ein hohes Maß an Verantwortung und Aufmerksamkeit. Nicht jeder „Freund“, der sein Kommen ankündigt, hat diesen Namen auch verdient.

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