Mit Konzertende ertönten die Sirenen

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Auf diesem Bild, das aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg stammt, ist im Hintergrund der Bunker (Rathenaustraße 50) zu sehen, der 1969/70 gesprengt wurde.

Dietzenbach - Vor 70 Jahren begann der Zweite Weltkrieg. Er brachte unsagbares Leid über die Menschheit; nicht nur die Soldaten an den Fronten waren betroffen, auch die Zivilbevölkerung erlebte Schrecken und Zerstörung. Im Spätsommer 1941 kam das Grauen auch über Dietzenbach – in Form eines Fliegerangriffs der britischen Royal Air Force. Von Dagobert Dobrowolski

Am Sonntag Abend erklangen deshalb wieder die Glocken der Christuskirche zum Gedenken. Dagobert Dobrowolski vom Heimat- und Geschichtsverein hat sich mit dem Thema beschäftigt, vor allem mit der Frage, wie sich die Dietzenbacher vor weiteren Angriffen schützen konnten.

„In der Nacht vom 20. auf den 21. September 1941 drohte der alte Ort in einem Flammenmeer unterzugehen. Und dabei war dieser Samstag so schön und erfolgreich verlaufen. Das Wetter war gut, die Kartoffelernte in vollem Gang, und am Abend erholten sich die Dietzenbacher nach schwerer Arbeit bei einem Konzert des Harmonika-Clubs „Ahoi“ im „Neuen Löwen“ (heute „Wienerwald“). Doch um 23.10 Uhr – das Konzert war gerade zu Ende gegangen – ertönten die Sirenen: Fliegeralarm. Und bald darauf regneten Spreng- und Brandbomben sowie Phosphorkanister auf das kleine Dorf im Wiesengrund herab.

Die überraschten Bewohner suchten zu retten, was zu retten war. Die Dietzenbacher Feuerwehr war machtlos, ebenfalls die Wehren von zehn Nachbargemeinden. Erst die recht spät verständigte Feuerwehr aus Offenbach konnte im Zusammenwirken mit den anderen das Allerschlimmste verhindern. Erst am Sonntagmittag waren die Löscharbeiten beendet. Zwei Todesopfer, drei zerstörte, 30 schwer beschädigte Wohnhäuser und zwölf mitsamt aller Vorräte ausgebrannte Scheunen waren die schreckliche Bilanz .

Der Angriff galt dem verdunkelten Frankfurt

Und dabei war alles ein Versehen, denn dieser Angriff galt freilich der Großstadt Frankfurt, die, gut verdunkelt, von den Flugzeugen in dieser sehr dunklen Nacht nicht gefunden wurde. Der Luftkriegshistoriker Eugen Lux aus Offenbach vermutet, dass die Bomber unregelmäßige Lichtbewegungen – durch die auf- und zugehende Tür der Gaststätte drang heller Schein nach außen – als Hinweis auf das gesuchte Ziel auffassten und ihre tödliche Fracht abluden.

Utensilien, die in jedem Haus für den Fall eines Bombenangriffs vorhanden waren, wie Eimer mit Sand, Löschsandpakete, eine Kanne mit Wasser sowie eine Spitzhacke sind im Heimatmuseum ausgestellt.

Der bekannte Dietzenbacher Familienforscher Richard Becker beschreibt, wie er als Kind Augenzeuge des Geschehens wurde: ‚Nach dem Ende des Fliegerangriffs, den wir im Luftschutzkeller des Hauses verbrachten, nahm mich der Großvater mit auf die Straße. Hier sahen wir – für mich ein unvergesslicher Anblick – eine lodernde Flammenwand über dem alten Ortskern hochsteigen, aus dem zwischen Rauch und prasselndem Funkenflug für kurze Zeit der Turm der Kirche auftauchte. Die Straßen waren voller hastig rennender Menschen, die wohl alle helfen oder retten wollten, aber einer Panik nahe waren.

Tödliche Bedrohung für alle Dietzenbacher

Spätestens jetzt erkannten die Dietzenbacher, dass das Leben aller Bewohner tödlich bedroht war, lag das Dorf doch im Anflugbereich der Bomber auf Frankfurt und Offenbach. Es war keine Zeit zu verlieren. Da die normalen Hauskeller keinen zuverlässigen Schutz bieten konnten, bauten viele Bewohner für sich und einen ausgewählten Kreis von Anwohnern massive Betonbunker. In der Rathenaustraße sind der Bunker unter dem Rewe-Parkplatz und der Bunker am Feuerwehrhaus schon bekannt, nun auch der Schutzraum in der Rathenaustraße 50 auf dem Grundstück von Hildegard Hoerst, geborene Wingerter.

Die Ausführungen des Luftkrieghistorikers Eugen Lux können im Museum für Heimatkunde und Geschichte bei Mitarbeiterin Maria Polatowski-Ruprycht (Tel.: 06074 / 4 17 42) eingesehen werden. Das Museum (Darmstädter Straße 7-11) bietet auch eine kleine Präsentation zum Thema. Es ist wochentags nach Vereinbarung und sonntags von 15 bis 18 Uhr geöffnet.

Sie teilte dem Heimat- und Geschichtsverein mit, dass der Bunker unter der Leitung ihres Vaters zeitlich nach dem Schutzraum am „Löwen“ 1942/43 errichtet worden war. Benutzen konnten ihn alle, die sich finanziell oder durch Arbeitsleistungen am Bau beteiligt hatten. Es waren neben der Familie Wingerter die Familien Cavalier, Sior, Ewald Gaubatz, Lehr von der Ecke Friedrich-Ebert-Straße, Weilmünster sowie Frau Fenchel aus der Bergstraße, Frau Jünger aus der Darmstädter und Herr Plaumus aus der Rathenaustraße/Ecke Bergstraße, insgesamt etwa 25 Menschen. Im Notfall konnten auch andere dort Schutz suchen.

Der Bunker lag sechs Meter unter der Erde

Nach Angaben von Hildegard Hoerst stellte ihr Vater das Grundstück zur Verfügung. Er war die Seele der Aktion, besorgte den Zement auf Bezugsscheine und in Frankfurt die festen Eisentüren. Den Plan erstellte Herr Plaum, Eisenteile zur Verstärkung des Baus wurden von überall her zusammengetragen. Auf einem der seltenen Bunkerfotos erkennt man sehr gut die Ausmaße des sechs Meter unter der Erde liegenden Schutzraums mit seinen dicken Wänden. Es entstand 1969/70 nach der Sprengung des Bunkers im Zusammenhang mit einem nötigen Umbau des Hauses. Die Außenmauern konnten damals nicht gesprengt werden, da man sich um die Umgebung sorgte; sie wurden mit schweren Steinhämmern Stück für Stück beseitigt.

Wer noch weitere Informationen über Bunker in Dietzenbach hat oder über Unterlagen verfügt, kann bei Walter Altmannsberger (Tel. 06074 / 2 73 02) oder Dagobert Dobrowolski (Tel. 06074 / 2 73 51) vom Heimat- und Geschichtsverein anrufen.

Der Bunker besaß, wie aus einer Skizze von Hildegard Hoerst hervorgeht, eine gewölbte Decke, die zusätzlich mit dicken Eisenbahnschwellen verstärkt war. Im Inneren gab es Licht, von der Waschküche abgenommen. Die Menschen saßen auf Holzbänken an den Wänden, bei sich in einer Tasche das Notwendigste an Dokumenten und Persönlichem. Gesprochen wurde während des Ausharrens nicht viel. Man lauschte, ob es Detonationen gab, ob sie näher kamen, hatte würgende Angst und war unendlich erleichtert, wenn man nach der Entwarnung vorbei an dem am Treppenende stehenden Toiletteneimer endlich das Freie gewinnen konnte. Der Bunker wurde nicht getroffen, keiner musste sich in Panik durch den Notausgang zwängen. Man hatte, Gott sei Dank, überlebt.“

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