Schulen im Kreis und zur Pandemie

Offenbachs Landrat Oliver Quilling: „Digitale Infrastruktur ist Pflicht“

Auch im Kreis Offenbach müssen Schulen in Zeiten des Coronavirus digitaler werden.
+
Auch im Kreis Offenbach müssen Schulen in Zeiten des Coronavirus digitaler werden.

Das neue Schuljahr wird unter Coronabedingungen beginnen, Landrat Oliver Quilling kündigt bereits an: „Einschulungsfeiern in der gewohnten Weise wird es zum neuen Schuljahr nicht geben können.“ Im Interview äußert er sich zum Investitionsbedarf an den Schulen im Kreis und zu den Folgen der Pandemie.

Dietzenbach – Unabhängig von der Corona-Pandemie: Wie gut sind die Schulen im Kreis auf das neue Schuljahr vorbereitet angesichts weiterhin steigender Schülerzahlen in einigen Kommunen?

Die Schulen im Kreis Offenbach sind gut aufgestellt, um ins neue Schuljahr zu starten. Mein Dank geht an die Schulleitungen und Lehrkräfte, die in den vergangenen Monaten viele neue Herausforderungen meisterten. Um den steigenden Schülerzahlen gerecht zu werden, schaffen wir in den Sommerferien an vier Schulen – Albert-Schweitzer-Schule in Neu-Isenburg, Dreieichschule in Langen, Schillerschule in Dreieich-Sprendlingen sowie Otto-Hahn-Schule in Heusenstamm – zusätzliche Klassenräume in Containerbauweise. Damit reagieren wir schnell und flexibel auf die steigenden Schülerzahlen. Gleichzeitig nutzen wir den Schulentwicklungsplan als Steuerungsinstrument zur Lenkung der Schülerströme.

In einigen Schulen müssen Schüler weiterhin auf Container ausweichen – ein Zustand, an den man sich im Kreis gewöhnen muss?

Das Aufstellen von Containern kann immer nur eine Lösung auf Zeit sein. Wir müssen die Entwicklung der Schülerzahlen sehr genau im Auge behalten, denn mit Blick auf die begrenzten Haushaltsmittel macht es wenig Sinn, in einen Schulstandort zu investieren, der sich möglicherweise nicht so entwickelt, wie unter der jetzigen Datenlage angenommen. Bestätigt sich, dass der Bedarf da ist, werden überall dort, wo es notwendig ist, die erforderlichen Raumerweiterungen durchgeführt.

Im März 2019 kündigte der Kreis ein Investitionspaket von 120 Millionen Euro für die Schulen an. Sind inzwischen noch weitere Investitionen geplant?

Wir planen über dieses ambitionierte Programm hinaus weitere Maßnahmen: In Seligenstadt-Klein-Welzheim werden in den Sommerferien die Fenster und die Fassade der Alfred-Delp-Schule energetisch saniert. Für eine mögliche Erweiterung der Schule An den Linden in Rödermark ist ein Gutachten beauftragt worden.

Wie beurteilen Sie die vollständige Öffnung der Grundschulen zwei Wochen vor den Ferien?

Nach dem Lockdown haben viele Eltern mehr Normalität im Alltag und eine Rückkehr in den Schulbetrieb gefordert. Insoweit gut. Aus Sicht des Gesundheitsamtes hat uns dies vor neue Herausforderungen gestellt: Nicht nur die medizinische Lage, sondern vor allem die emotionale Lage der Betroffenen, zu berücksichtigen. Durch die Öffnung hat es erwartungsgemäß auch in Schulen positive Fälle gegeben. Darauf müssen wir uns auch mit Beginn des neuen Schuljahres einstellen. Daher ist es so wichtig, dass die Hygienekonzepte eingehalten werden. Das Virus ist noch nicht besiegt.

Was bedeutet die Pandemie für die Einschulungen, können diese angesichts der Infektionsgefahr überhaupt stattfinden?

Einschulungsfeiern in der gewohnten Weise wird es zum neuen Schuljahr nicht geben können. Aber die Kinder werden nach den Sommerferien in den Schulen sicherlich nicht weniger herzlich willkommen geheißen. Auch hier gilt es die Abstands- und Hygieneregeln einzuhalten.

Sind Sie optimistisch, dass sich der Unterricht nach den Ferien wieder normalisiert oder befürchten Sie noch länger coronabedingte Einschränkungen?

Coronabedingte Einschränkungen vor dem Hintergrund der Abstands- und Hygieneregeln werden auch weiterhin unsere Begleiter sein.

Was ist die Bilanz zu den Lockerungen der Corona-Maßnahmen im Kreis? Hätte man angesichts der niedrigen Infektionszahlen die Einschränkungen früher und schneller lockern sollen?

Ich kann mich an dieser Stelle nur wiederholen: Weil es uns in Deutschland bisher nicht so schlimm getroffen hat wie andere Länder, wäre es fatal zu glauben, dass die Vorsichtsmaßnahmen, Verbote und Gebote zu scharf waren. Im Gegenteil verdanken wir es dem umsichtigen Handeln und dem überwiegend disziplinierten Verhalten der Menschen, dass wir so geringe Auswirkungen der Corona-Pandemie haben.

Lassen sich schon die wirtschaftlichen und finanziellen Folgen der Pandemie für den Kreis abschätzen?

Das ist derzeit noch nicht abschließend möglich. Die Steuerschätzung wird im Herbst erwartet. Besonders hart trifft es den Sozialbereich. Wir haben steigende Fallzahlen und eine innerhalb eines Jahres um 2,1 Prozent gestiegene Arbeitslosenquote. Gleichzeitig haben wir bei der unmittelbaren Bekämpfung der Pandemie einen Mehraufwand. Aktuell laufen die Stellenbesetzungsverfahren für 40 Kräfte einer Corona-Task-Force und deren räumliche Unterbringung.

Plant der Kreis im Rahmen seiner Möglichkeiten und Kompetenzen spezielle Corona-Hilfsprogramme, Unterstützungsmaßnahmen oder andere Investitionen?

Wir planen neben den Bundes- und Landeshilfen kein eigenes Konjunkturprogramm. Wir haben aber beispielsweise Mittel im Kulturbereich umgeschichtet. Viele Veranstaltungen können nicht wie geplant stattfinden, und Künstlern sind die Einnahmen weggebrochen. Daher haben wir eine Kulturreihe in digitaler Form gestartet. So können die Künstler ein bisschen Geld verdienen und das Publikum kann zuhause das Programm genießen.

In welchem Bereich herrscht im Kreis der höchste Investitionsbedarf?

Wie sich in unserem Haushalt bereits abzeichnet, liegt der höchste Investitionsbedarf im Schulbereich. Dies gilt sowohl im Bereich Schulbau als auch in der Umsetzung der Digitalisierung. Noch in diesem Jahr sollen alle 88 Schulen komplett mit WLAN ausgestattet sein. Unser Ziel ist es, alle Schulen mit einem Glasfaseranschluss zu versorgen. Die Ausschreibung für den entsprechenden Ausbau läuft. Digitale Infrastruktur an unseren Schulen ist keine Kür, sondern Pflicht. Darüber hinaus planen wir ein Bürogebäude für die Pro Arbeit, die zurück in die Kreisstadt Dietzenbach ziehen soll. Ferner steht eine Erweiterung des Gefahrenabwehr- und Gesundheitszentrums, wo auch das Veterinäramt seinen Sitz hat, auf der Agenda.

Eine Frage noch zur Mühlheimer Fähre: Falls sich wider Erwarten doch noch eine Lösung für den Weiterbetrieb fände – zum Beispiel unter der Regie der Stadt Maintal – würde der Kreis diese Lösung unterstützen, indem er die Fähre den Betreibern überlässt?

Der Kreistag hat Ende Juni beschlossen, das Fährschiff sowie die zugehörigen Nebenanlagen zu veräußern beziehungsweise zu verwerten. Daran sind wir gebunden. Aber gegen eine Übertragung der Fähre an die Stadt Maintal zu einem symbolischen Preis hat niemand etwas. Doch realistisch betrachtet hat auch die Stadt Maintal in den vergangenen Jahren keine Lösung für das Personalproblem gefunden. Da ist es schwer vorzustellen, dass sich jetzt ein Team an Fährschiffern aus dem Hut zaubern lässt.

Das Gespräch führte Niels Britsch

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare