Walter Knecht singt seit 68 Jahren im „Arbeitergesangsverein Vorwärts“ und blickt auf bewegte Jahre zurück

Ein Leben für den Chorgesang

Der neugewählte AGV-Vorstand umringt den Ehrenvorsitzenden Walter Knecht (Vierter von rechts): Vorsitzende Gisela Decker (von links), Klaus Skazel, Karl-Heinz Fritsch, Klaus Decker, Hardy Wohlgezogen, Martina Kiefer, Rosi Westerwald, Ingrid Bendig und Maria Lamber. Auf dem Bild fehlt Gottfried Kuzelka. Rechts: Knecht zeigt seine Ehrenurkunde. J Fotos: Dreger (2)/privat (3)

Dietzenbach - Ehre, wem Ehre gebührt: Walter Knecht, langjähriger Vorsitzender des Arbeitergesangsvereins Vorwärts, ist bei der AGV- Jahreshauptversammlung zum Ehrenvorsitzenden ernannt worden. Er blickt auf 68 Jahre im Verein zurück. Von Ronny Paul

Drei Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg ist für Walter Knecht selbstverständlich: „Ich trete dem Arbeitergesangsverein bei.“ Schließlich hat der AGV eine lange Tradition in seiner Familie: Großvater Johannes hat den Verein 1900 mitgegründet. 48 Jahre später folgt ihm sein Enkel Walter. „Ich bin an einem Sonntag konfirmiert worden und gleich am Donnerstag darauf dem AGV beigetreten“, erinnert sich Knecht. 68 Jahre später und 81 Jahre alt ist Knecht im AGV noch immer allgegenwärtig. Gisela Decker, Knechts Nachfolgerin im AGV-Vorsitz, sagte in ihrer Laudatio auf den neuen Ehrenvorsitzenden während der jüngsten Jahreshauptversammlung: „Unser Dietzenbach braucht einen Rettungsschirm – wir, der AGV Vorwärts, wir haben Walter.“

Das sagt schon viel aus über das Wirken Knechts, der bereits mit 21 Jahren als Vizedirigent agierte. Knecht gibt sich bescheiden: „Ich konnte eben gut Noten lesen.“ Knecht hat als Jugendlicher Flügelhorn und Klavier gespielt.

Decker spart nicht an Lob für ihren Vorgänger: „Was für ein Leben – ein langes Leben für und mit unserem Gesangverein.“ 1957 wird Knecht stellvertretender Schriftführer, 1972 zweiter Rechner, 1996 stellvertretender Vorsitzender und zwei Jahre später Vorsitzender des AGV. „Mach das nur, wir helfen dir auch“, hat es damals geheißen, sagt Knecht.

„Ich will so lange im AGV singen, solange ich atmen kann“, sagt Knecht, während er durch ein Fotoalbum voller Erinnerungen blättert. Im Gedächtnis gebliebene Höhepunkte sind für den ehemaligen Bankangestellten zweifelsohne die Konzertreisen, etwa 1989 nach Budapest. Der Chor stand schon auf der Bühne der Redoute, Diplomkapellmeister Wilfried Siegler war aber noch nicht zugegen. Da sprang Knecht ein und dirigierte das Einsingen: „Da hat mein Herz richtig gepocht“, erinnert er sich, als er in dem großen Konzertsaal den Takt vorgab. „Glücklicherweise kam Siegler dann doch noch rechtzeitig zum Konzert“, und der Tenor nahm seinen angestammten Platz inmitten der AGV-Chorsänger ein.

„Die 1980er und 90er Jahre waren mit die schönste Zeit – der vielen Konzertreisen wegen“, sagt der 81-Jährige. Der AGV sang unter anderem in Prag und am Gardasee, konzertierte mit dem renommierten Orchester des Hessischen Rundfunks und dem Karlsbader Sinfonieorchester. Auch mit bekannten Solisten wie der New Yorkerin Paula Page und dem Warschauer Tenor Ryszard Karczykowski stand Knecht schon zusammen auf der Bühne.

Ein großes Konzert vor 1200 Zuschauern in der Halle der Ernst-Reuter-Schule 1988 ist ihm ebenfalls noch sehr präsent: „Wir haben aus Sprendlingen Stühle herbeigeschafft, weil wir in Dietzenbach nicht mehr genügend hatten: Das war eine Heidenarbeit.“

Das Chorleben habe sich im Laufe der Jahrzehnte verändert, sagt Knecht. In den 1930er Jahren zählte der AGV rund 120 Mitglieder. Zu Knechts Eintritt 1948 waren es 80. Heute sind es 30. „Der Trend nach unten ist nicht aufzuhalten“, bedauert er. Durch Disco, Fernsehen und Co. habe Chorsingen an Bedeutung verloren. Der Chor, der von der diplomierten Opernsängerin Ilka Bauersachs dirigiert wird, freut sich stets auf neue Mitglieder. Denn: „Musik ist Befreiung vom Alltag“, sagt Knecht, dessen jahrzehntelanges Engagement 1999 mit dem Landesehrenbrief gewürdigt wurde. Über seine Nachfolgerin sagt Knecht: „Giesela Decker hat das Zeug zur Vorsitzenden“, und er fügt schmunzelnd an: „Ich bin ja auch noch da.“

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