Leidenschaft für die Kunst

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Judith Beier.

Dietzenbach ‐ Der Raum ist klein, hat höchstens mittlere Wohnzimmermaße, und die Bühne fast winzig. Gerade mal zweieinhalb Quadratmeter stehen den Schauspielern zur Verfügung, um ihrem Publikum die Welt im Spiel zu zeigen.  Von Barbara Scholze

Mehr Infos auch auf der Internetseite des Theaters.

Angst vor Körperkontakt darf in dem Mini-Theater keiner haben – wenn alle eng zusammenrücken, passen rund 35 Leute rein. „Vielleicht bin ich nie so ganz erwachsen geworden“, sinniert die Akteurin und Besitzerin des Theaters im Lädchen (TiL), Judith Beier, einen Moment über ihr Leben auf und mit Hessens erster Schaufensterbühne. Aber nur kurz. Rasch weicht in dem ausdrucksstarken Gesicht die Nachdenklichkeit wieder dem Ausdruck leidenschaftlicher Begeisterung für ein Leben mit der Kunst. Im September 2007 hat Judith Beier ihr zweites Dasein begonnen, ist aus der gesicherten Berufstätigkeit ausgestiegen und hat ihre Liebe zum Theater mit der Gründung des TiL in den Mittelpunkt gestellt. Eine Bühne im klassischen Sinne wollte sie nie. „Ich träumte immer von einem Theater, in dem die Leute nicht nur zu-, sondern auch reingucken können“, erzählt sie. Etwas für Kunstbegeisterte, die das Besondere suchen „und sich dabei einfach wohlfühlen wollen“. Das an sich unscheinbare Haus an der Bahnhofstraße, in dem nicht nur das Theater im Lädchen untergebracht ist, sondern Beier mit Ehemann Stefan und ihren beiden Kindern auch lebt, brachte dafür alle Voraussetzungen mit. Wo früher eine Schneiderei ihr Domizil hatte, ist ein Kunsttempel en miniature entstanden, in dem Beier die unterschiedlichen Facetten des Schauspiels abdeckt.

Judith Beier.

Für den ausgewogenen Spielplan, in dem sich ernsthafte Stücke mit schenkelklopfendem Boulevardtheater abwechseln, setzt die Theaterbesitzerin auf Kooperationen und Vernetzungen. Einen Namen gemacht hat sich Judith Beier vor allem in den Anfangsjahren mit Produktionen, die sie gemeinsam mit Reiner Wagner auf die Bühne brachte. Reinster Dietzenbacher Lokalkolorit bestimmt die Geschichten rund um die Familie Dietzebersch mit dem Kult-Paar Karl und Lisbeth. „Mittlerweile grüßen mich die Leute auf der Straße sogar als Lisbeth“, erzählt Beier. Ständige Weiterentwicklung der kleinen Schaufensterbühne garantiert aber auch die kontinuierliche Zusammenarbeit mit professionellen Theatern der Umgebung. Inzwischen gastieren nicht nur gelernte Akteure des Erthaltheaters Aschaffenburg regelmäßig im TiL, Beier selbst ist Mitglied des dortigen Ensembles geworden, ebenso, wie sie im Modernen Theater Aschaffenburg mitspielt. Aktuell steht sie in „Woyzeck“ auf der Bühne, demnächst hat sie Premiere mit „Der Sturm“ von Shakespeare.

„Das ist schon eine harte Schule“, bekennt sie. Im Gegensatz zu manch semi-professionellem Stück verlangten diese Produktionen ganzes Können. Da sei schon die eine oder andere Träne geflossen. „Ich kenne inzwischen alle Selbstzweifel, aber es war mir immer wichtig, mich weiterzuentwickeln.“

Bühnenkarriere stand Existenzangst entgegen

Mit dem Solo-Stück „LolaLila“ (Samstag, 26. Februar, 20 Uhr), frei nach Dario Fo, präsentiert Judith Beier viel Tiefgang, knapp am Drama vorbei. Leichtere Kost bietet das Gute-Laune-Programm „Lise und Lotte“ (Montag, 28. Februar, 20 Uhr) gemeinsam mit Louise Oppenländer, und bereits heute präsentiert das TiL (Bahnhofstraße 33) um 16 Uhr „Kasperle und der magische Felsen“ für Kinder von zwei bis fünf Jahren.

Die Leidenschaft für Gesang und Theater bestimmte von Kind an das Leben Judith Beiers. „Eine zweite Gisela Schlüter“, nannte sie die Mutter scherzhaft in Anspielung auf stundenlange Vorträge im heimischen Eschborn. Ihre Kunst ausleben konnte Beier erstmals auf einer Schule mit stark kreativer Ausrichtung in Frankfurt. Sie lernte Klavierspielen, nahm Gesangsunterricht, besuchte Workshops für Theater und Kabarett und glänzte bei Engagements, etwa im Theaterzelt in Kahl. Einer Bühnenkarriere in jungen Jahren stand aber stets ein bisschen „Existenzangst“ entgegen. Judith Beier studierte Sprachen und BWL und arbeitete als Marketingexpertin, „aber irgendwie war das immer ein Kompromiss“. Der Liebe wegen in Dietzenbach gelandet, gründete die 44-Jährige schließlich 1998 gemeinsam mit der Sängerin Marion Keller den Pop- und Gospelchor „Sing & Shout“. Sich rund zehn Jahre später mit dem TiL komplett der Kunst zu verschreiben, hat sie bis heute nicht bereut. „Ich habe noch viele Ideen für mein kleines Theater“, kündigt sie an. So kommt inzwischen auch das junge Publikum in der Altstadt auf seine Kosten, Kindertheater-Produktionen wie der „Froschkönig“ sind immer ausverkauft. „Und ich habe mein Ziel doch erreicht, wenn ich sehe, dass die Kinder wie selbstverständlich die Schuhe ausziehen, sich ein Kissen schnappen und sich in ‚ihrem‘ Wohnzimmer zur Vorstellung niederlassen.“

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