Gewaltprävention

Letzter Ausweg: Acht vorbestrafte Jugendliche nehmen am „Sozialen Trainingskurs“ im Europahaus teil

Über Gewalt sprechen: Erlebnispädagoge Christopher Hahn fragt die Jugendlichen, wie es sich verhindern lässt, dass sie gewalttätig werden.
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Über Gewalt sprechen: Erlebnispädagoge Christopher Hahn fragt die Jugendlichen, wie es sich verhindern lässt, dass sie gewalttätig werden.

„Manchmal geht es so schnell, da komme ich nicht mehr zum Nachdenken.“ Und dann schlage er zu. Kian (Name von der Redaktion geändert) hätte vor einem Jahr noch nicht so reflektiert über das sprechen können, was ihm nun eine Bewährungsstrafe eingehandelt hat. Gefährliche Körperverletzung, mehrfach. Der 19-Jährige wird nach dem Jugendstrafrecht verurteilt.

Dietzenbach – Der „Soziale Trainingskurs“ (STK) vom Verein Aktionsgemeinschaft Soziale Arbeit ist die letzte Ausfahrt, die ein Jugendlicher nehmen kann, ehe die Richter nicht mehr nach dem „Erziehungsgedanken“, sondern nach dem „Strafgedanken“ urteilen.

Kian ist einer von acht Jugendlichen, die über drei Monate an dem STK im Europahaus (Offenthaler Str. 75) teilnehmen. Sie sind zwischen 15 und 21 Jahren alt, jeder von ihnen ist vorbestraft. Auf richterliche Anweisung sind sie zur Teilnahme verpflichtet. „Was in erster Linie Zwang ist, wollen wir zur Motivation machen“, beschreibt Erlebnispädagoge und Kursleiter Christopher Hahn. Zusammen mit seiner Kollegin Friederike Kühn will er denjenigen Perspektiven geben, die ihre eigene verloren oder noch nicht gefunden haben – und einen Ausweg in Gewalt gesucht haben. „Keiner von ihnen ist freiwillig so geworden, da spielen viele Faktoren eine Rolle“, betont Hahn.

Dietzenbach: Beziehungsarbeit steht am Anfang

Im ersten Drittel des STKs geht es um den Beziehungsaufbau zwischen Betreuern und Teilnehmern, aber auch zwischen den Jugendlichen untereinander. Denn diese sind so verschieden wie die Gründe, aus denen sie im schmalen Gruppenarbeitsraum sitzen. Während Kian stets ein schelmisches, sympathisches Lächeln auf den Lippen hat, ist Ivan ein stiller Zeitgenosse. Der Mundschutz verdeckt zwar den Großteil seines Gesichts, doch sprechen seine Augen Bände. In seinem Blick liegt Nachdenklichkeit, vielleicht eine Spur Reue. An diesem Tag will der Pädagoge von der Gruppe wissen, wie sich Gewalt vermeiden lässt. „Dazu müsst ihr aber in euch gehen und überlegen, wann sie entsteht“, meint Hahn. Dann sagt Ivan: „Das sind Impulse, es kommt dann einfach vieles hoch.“

Nach der Theorie folgt die Praxis. Während die Betreuer eine Gruppenübung im Niedrigseilgarten auf dem Gelände vorbereiten, rauchen die Jugendlichen noch eine und unterhalten sich. Die 16-jährige Chiara erzählt: „Ich bin hier wegen Körperverletzung, ich hatte Stress auf der Dippemess.“ Nicht selten ist bei den Delikten Alkohol im Spiel. Auf dem Spiel wiederum stehen häufig die Zukunftsperspektiven der Jugendlichen. Falsch liegt, wer glaubt, dass nur Kinder aus vermeintlich schlechtem Elternhaus am „Sozialen Trainingskurs“ teilnehmen müssen. Kian etwa macht sein Fachabitur im medizinischen Bereich. „Also, nach den Ferien im zweiten Versuch“, gibt er zu. Beim nächsten Mal müsse er vielleicht doch mehr lernen. Er ist für zwei Jahre auf Bewährung. Wenn er den Kurs abbricht, droht Haft. „Wir haben Teilnehmer aller Couleur, von Schulabbrechern bis zu Studierenden“, informiert Hahn.

Dietzenbach: Kurs soll Jugendlichen etwas mitgeben

Nicht alle haben klare Ziele vor Augen. Friederike Kühn berichtet: „Für die meisten steht wirklich viel auf dem Spiel.“ Ob die Arbeit, die sie im Europahaus leistet, Früchte trägt, weiß sie nicht. „Meistens sehen wir die Teilnehmer nach den angeordneten drei Monaten nicht wieder – es sei denn, sie müssen den Kurs wiederholen“, sagt sie. Hahn fügt hinzu: „Wir sind heillose Optimisten und hoffen, dass wir den Jugendlichen etwas mitgeben können.“ Und wenn es nur ein Gedanke sei, der den Teilnehmern erst nach zehn Jahren die Augen öffne.

Neben der Gruppenbetreuung hat Christopher Hahn noch eine weitere Funktion inne: Er löst Herbert Nuschenpickel, der nun in Rente geht, als Geschäftsführer ab. Neben dem STK, der seit Anbeginn fester Bestandteil des 1995 gegründeten Vereins ist, gehören noch weitere Kurse zur Gewalt- und Kriminalprävention zum Angebot, etwa der Täter-Opfer-Ausgleich oder sozialpädagogische Einzelbetreuung. Als besonderes Kleinod empfinden die insgesamt acht Mitarbeiter das Außengelände rund um das Europahaus mit Hochseilgarten, Teich und Bogenschießanlage. Künftig will er die bestehende Arbeit weiterführen und das Angebot für Externe – etwa die Vermietung des Hochseilgartens für Schulklassen – ausbauen. „Ich möchte, dass der Verein gesund wächst“, sagt der 31-Jährige. (Von Lisa Schmedemann)

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